01.07.2003 · Der religiöse Führer der Hamas, in Gaza residierend, war auch ihr Gründer. An den Rollstuhl gefesselt wirkte er mit Mitte Sechzig wie Methusalem. Er war die höchste Autorität, an der kein Weg vorbeiführte.
Von Wolfgang Günter LerchEin bißchen gleicht er, besonders auf früheren Aufnahmen, jenen Araberköpfen, die Sascha Schneider um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert zur Illustration der Orientromane und -erzählungen seines Freundes Karl May anfertigte: Es sind ausdrucksvolle Gesichter (etwa Abu Kital zu dem Drama "Babel und Bibel") mit langen, wallenden Bärten und glühenden Augen. Jüngere Fotos zeigen ihn indes über Gebühr gealtert.
Scheich Ahmad Jassin ist erst 65 Jahre alt, doch wirkt er wie Methusalem. Viele Menschen im Orient altern ohnehin schneller als in Europa. Doch ist das erst recht so, wenn - wie in seinem Fall - ein schweres Schicksal hinzukommt. Seit einem Unfall, den er mit zwölf oder vierzehn Jahren beim Tauchen nach Muscheln erlitt, ist Scheich Jassin auf fremde Hilfe angewiesen. Dies freilich hindert den Gelähmten nicht daran, vom Rollstuhl aus in die Politik Palästinas einzugreifen und eisenhart seinen Willen durchzusetzen, obzwar mit relativ sanfter Stimme. Selten nur hört man ihn laut reden.
Gibt er den Weisen? Oder ist er weise?
Der religiöse Führer der Hamas, in Gaza residierend, ist auch ihr Gründer. Als Sohn einer Fischerfamilie, die neun Kinder hatte, wurde er in einem Dorf bei Ashkelon (heute Israel) geboren. Im ersten israelisch-arabischen Krieg floh die Familie nach Gaza. Da war der Vater schon gestorben. Gaza wurde damals von den Ägyptern verwaltet - mehr schlecht als recht. Ahmad Jassin ging zum Studium der Sprachen und der islamischen Theologie nach Kairo, wo sich gerade das Regime Nassers etabliert hatte und der ägyptische Staatspräsident bald zum unbestrittenen Idol der nationalistisch gesinnten arabischen Massen wurde.
Scheich Jassin hatte jedoch schon bald andere Idole. Da ihm das Geld zur Fortsetzung der Studien fehlte, kam er in engere Berührung mit den Muslimbrüdern, die sich in Ägypten mit den Säkularisten in den Haaren lagen. Jassin widerfuhr nun, was seine Hamas heute vielfältig tut: Er profitierte vom sozialen Engagement der Muslimbrüder, die unter Nasser bald in die Gefängnisse wanderten. Scheich Jassin aber blieb dem Milieu der Frommen verhaftet. Als er 1987 die Organisation "Bewegung des islamischen Widerstandes" (abgekürzt: Hamas, wobei das Wort "hamas" mit "Eifer" übersetzt werden kann) gründete, wollte er zunächst, daß auch der palästinensische Zweig der Muslimbruderschaft an der im Dezember 1987 ausgebrochenen ersten Intifada Anteil hatte.
Große Militanz
Israel betrachtete diese Frommen zunächst mit einem gewissen Wohlwollen, bildeten sie doch ein quietistisches Gegengewicht gegen die militante Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) Jassir Arafats. Doch dies änderte sich schnell. Zwar stützt sich Hamas bis heute auf ein Reservoir der Frommen, doch ihre Militanz übertrifft diejenige der PLO seit langem. Und je unerträglicher die Besatzung wurde, desto mehr liefen die Massen der Hamas hinterher. Scheich Jassin trug die Militanz zeitweilige Inhaftierung und israelischen Hausarrest ein. Auch dies ging nicht spurlos an ihm vorüber.
Wenn sich Hamas nun, wie es heißt, bereit erklärt hat, einstweilen eine Waffenruhe einzuhalten, ist diese Entscheidung nicht ohne die Zustimmung Scheich Jassins gefallen. Er ist die höchste Autorität, an der kein Weg vorbeiführt. Was ihn dazu bewogen hat, ist schwer zu sagen. Vielleicht rechnet er damit, daß die andere Seite die Bedingungen nicht einhält. Denn nachgiebig ist er über Nacht nicht geworden.