Als im vergangenen Sommer Gerüchte aufkamen, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck werde nach der Bundestagswahl Franz Müntefering als Vorsitzenden der SPD ablösen, dementierte die Mainzer Staatskanzlei umgehend: An der Sache sei nichts, aber auch gar nichts dran. Und Beck selbst, der meist den Eindruck erweckt, als könne ihn nichts erschüttern, versicherte fast ungehalten: Das seien „Spekulationen ohne jeden Hintergrund“, vermutlich im CSU-Lager erfunden, um Unfrieden in die SPD zu tragen. Fast im gleichen Atemzug fügte Beck, sichtlich geschmeichelt, freilich auch hinzu, daß es nicht ehrenrührig sei, als SPD-Chef im Gespräch zu sein - „weiß Gott nicht“.
Nun ist Beck wieder als Nachfolger Münteferings im Gespräch, und die CSU hat damit nichts zu tun. Gilt jetzt immer noch das, was Beck damals alles anführte, um den Gedanken an einen Wechsel an die Spitze seiner Partei als abwegig erscheinen zu lassen? Er versicherte seinerzeit immer wieder: Mehr als das, was er in der Partei sei, nämlich stellvertretender Vorsitzender, wolle er nicht werden. Sein Platz sei in Mainz, als Ministerpräsident, und das solle auch nach der Landtagswahl am 26. März 2006 so bleiben. Eine große, traditionsreiche Partei wie die SPD könne man nicht von Mainz aus dirigieren. Und nicht zuletzt versicherte Beck immer wieder, Müntefering sei ein „hervorragender“ Vorsitzender.
Das Talent zu vermitteln
Seit Montag ist die Lage eine andere, und in der SPD gibt es Stimmen, die behaupten, es wäre vielleicht nicht so weit gekommen, wenn Beck nicht im Urlaub in Spanien, sondern bei der entscheidenden Sitzung des SPD-Vorstands anwesend gewesen wäre. Nicht auf das Votum Becks bei der Kampfabstimmung über den Generalsekretärsposten wäre es angekommen, sondern auf seine vermutlich ausgleichende, vermittelnde Stellungnahme vor der Sitzung. Dann wäre wohl, so wird gemutmaßt, das Ergebnis nicht so deutlich für die Parteilinke Andrea Nahles und gegen den Müntefering-Vertrauten Kajo Wasserhövel ausgegangen. Vielleicht hätte der Parteichef mit einem knappen Wahlergebnis eher leben können.
Solche nachträglichen Mutmaßungen zeigen, was als Stärke Becks gilt. Er weiß dies natürlich selbst. Auf die Frage nach seiner Rolle in der Partei sagte er einmal der Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung: „Als stellvertretender Parteivorsitzender versuche ich, meine Erfahrungen einzubringen. Manche sagen, ich hätte das Talent, in schwierigen Situationen vermittelnd zu wirken. Das ist es, nicht mehr und nicht weniger.“
Neue Farbenspiele in Mainz
Beck ist ein Sozialdemokrat klassischer Prägung, der auch von den Linken und den Intellektuellen der Partei ernst genommen wird, auch wenn es ihm schwerfallen dürfte, diese Gruppen zu repräsentieren. 1949 als Sohn eines Maurers im südpfälzischen Bergzabern geboren, hat er den Realschulabschluß auf dem Zweiten Bildungsweg erworben und nach einer Elektromechanikerlehre als Funkelektroniker gearbeitet. Beck war Bürgermeister in seinem Wohnort Steinfeld, Mitglied des Kreistages Südliche Weinstraße, Abgeordneter des Landtages und Vorsitzender der SPD-Fraktion, bis er 1994 als Nachfolger Rudolf Scharpings Ministerpräsident wurde.
Wie sein Vorgänger stützt sich Beck auf eine sozial-liberale Koalition, inzwischen die einzige in Deutschland. Wenn es nach Beck ginge, würde er diese Koalition auch gerne fortsetzen. Doch da inzwischen neben der SPD und den Grünen mit der Formation WASG/Linkspartei ein neuer Mitbewerber aufgetaucht ist, könnte es demnächst in Mainz neue Farbenspiele geben, ganz abgesehen davon, daß auch der CDU-Herausforderer Christoph Böhr die FDP umwirbt. Während Beck für die Grünen bisher vorwiegend Spott und Hohn übrig hatte, warnte er schon im Bundestagswahlkampf davor, eine große Koalition zu verteufeln.
Ungekünstelt und bürgernah
In Rheinland-Pfalz setzt die SPD ganz auf Kurt Beck. Nur mit ihrem populären Ministerpräsidenten besteht die Chance, bei den Landtagswahlen gut abzuschneiden und weiter den Regierungschef stellen zu können. Bei der Bundestagswahl waren in dem Bundesland beide großen Parteien auf historische Tiefstände gesunken, die CDU hatte aber die Nase vorn. Schon im Vorwahlkampf wuchert die SPD mit dem Pfund ihres schwergewichtigen, volkstümlich auftretenden Ministerpräsidenten. Ein Hauch von Weltläufigkeit kann dabei nicht schaden. Als erster deutscher Politiker, so stellte es die Mainzer Staatskanzlei groß heraus, wurde Beck Ende Oktober die Ehre zuteil, von Papst Benedikt XVI. in einer Privataudienz in Rom empfangen zu werden. Man habe über „Grundwerte der Politik und über die aktuelle politische Situation in Deutschland“ gesprochen. Das war allerdings die Situation von vorvorgestern.
Wieder zu Hause, pflegt Beck fleißig seine Statur als Landesvater, gibt sich ungekünstelt und bürgernah und verbreitet die Lebensweisheiten seiner Oma. Deren Satz: „Die Treppe wird von oben gekehrt“ hat man allerdings schon geraume Zeit von ihm nicht mehr gehört. Vermutlich deshalb, weil diese Weisheit inzwischen mißverständlich auf die Führung der SPD bezogen werden könnte.