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Portrait Ein Sohn will nicht mehr Praktikant sein

10.06.2005 ·  Marek Dutschke ist nett und jung und träumt vom Aufbruch im Bundestag. Der Auftritt eines Sohnes, der nicht in Vaters Fußstapfen treten möchte und dennoch antritt, um die „Praktikantenrepublik“ zu verändern.

Von Markus Wehner, Berlin
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Techno wird gespielt im alternativen Kulturzentrum "Tacheles" in der Oranienburger Straße in Berlin Mitte. Vier Dutzend junge Leute und eine Handvoll Journalisten trinken Bier im "Offenbarkonzept", einer Balkon-Kneipe im fünften Stock.

Der Star des Abends trägt ein abgetragenes Cord-Jackett und zerschlissene Turnschuhe. "Schröder hat sich mit seiner Frust-Entscheidung der Verantwortung entzogen. Ich, ein junger Grüner, will Verantwortung übernehmen", sagt Marek Dutschke.

Daß die Grünen nach dem Kanzler-Coup so wenig selbstbewußt seien, das paßt ihm nicht, und auch nicht, daß ihre Minister den Eindruck erweckten, sie klebten an ihren Sesseln. Der Redner tut das nicht, er hat sich seitwärts auf einen abgewetzten Sessel gepflanzt, vor den kleinen Tisch mit zwei Mikrofonen. "Da muß ein Aufbruch her, denn Rot-Grün ist zu Ende", sagt er. Ganz hinten auf dem Balkon klatschen ein paar Freunde.

Ohne Unterstützung wird es nicht klappen

Hals über Kopf ist der jüngste Sohn des einstigen Studentenführers Rudi Dutschke nach Berlin gekommen. Denn er habe sofort begriffen am 22. Mai, daß "etwas Geschichtliches passiert ist". Nun will er in den Bundestag, und zwar gleich auf dem Spitzenplatz der Berliner Landesgrünen, also auf Platz zwei, denn der erste ist ja immer für eine Frau, in diesem Fall für Ministerin Renate Künast, reserviert.

Ganz ohne Unterstützung der grünen Parteistrukturen trete er an, sagt der 25 Jahre alte Neupolitiker. Das sei seine Stärke, aber einige Grüne fühlten sich auch auf den Schlips getreten. Damit es auch klappt mit der Kandidatur gegen alte Hasen wie den ehemaligen Berliner Justizsenator Wolfgang Wieland und den einstigen ostdeutschen Bürgerrechtler Werner Schulz, braucht Marek Dutschke Unterstützung.

"Ich brauche eure Hilfe", sagt er. Bis zum 14. Juni könnten alle, die ihn wählen wollten, noch eintreten bei den Grünen, "auch die Ausländer und die unter 18 Jahren". Beitrittsformulare hat er gleich mitgebracht. Diejenigen, die wegen des Kosovo-Kriegs ausgetreten seien, will er zum Rücktritt bewegen.

Angetreten gegen die „Praktikumsrepublik“

Marek Dutschke ist nett und engagiert. Er spricht mit beiden Händen, die mal beten, mal dozieren. Sympathisch wirkt das, aber nicht mitreißend, mutig, aber auch naiv. Vorvorletzten Freitag sei er noch Praktikant gewesen beim Europaparlament in Brüssel, bevor er zum Wahlkampf in die deutsche Hauptstadt aufbrach, wo er in einer WG untergekommen ist.

Mit zwanzig war er nach Berlin gekommen, auf Spurensuche nach seinem Vater, der 1979 an den Spätfolgen des Attentats starb, kurz bevor Marek auf die Welt kam. Über seine Suche schrieb er ein Buch, dann machte der Dutschke-Sohn ein Praktikum bei der grünen Bundestagsfraktion.

Nun schimpft er auf die "Praktikumsrepublik" und daß es nicht in Ordnung sei, 60 Stunden die Woche ohne Bezahlung ausgebeutet zu werden. "Wir müssen etwas tun, daß wir nicht ständig diesen Praktika ausgesetzt sind", sagt er und versteht nicht, warum die Zuhörer lachen.

Der kurze Vortrag seines Programms wirkt mitunter wirr, von den Praktika geht es direkt zu den Kita-Plätzen. "Jetzt will ich mal über Europa sprechen", sagt er dann, lobt die Verfassung, die aber auch Schwachpunkte habe, ist für den Beitritt der Türkei, aber nicht, solange da gefoltert wird. Ansonsten gehe es ihm um "Bildung! Bildung! Bildung!", um Generationengerechtigkeit, das heißt: natürlich keine Studiengebühren.

Der Name ist seine einzige Chance

Marek Dutschke sieht seinem Vater sehr ähnlich. Unwillkürlich zieht man Vergleiche, wenn er spricht - entdeckt die Energie und die fehlende Schärfe. Er wolle nicht in die Fußstapfen des Vaters treten, sagt Marek, der in Dänemark und hörbar in Amerika aufgewachsen ist, aber auch fünf Jahre in Hamburg verbracht hat. "Es geht nicht um meinen Namen, nicht um Rudi Dutschke", sagt der Sohn.

Doch letztlich geht es doch darum. Denn Marek Dutschke weiß, daß sein Name seine einzige Chance ist, als Neuling gewählt zu werden am 19. Juni bei der Mitgliederversammlung der Berliner Grünen.

An diesem Freitag wird er durch die Kneipen in Kreuzberg ziehen, um Wähler für sich zu gewinnen, am Wochenende mit der Schauspielerin Katharina Thalbach über Ost und West diskutieren. Weiter gehen die Pläne noch nicht. Nach einer halben Stunde gibt es keine Fragen mehr an Marek Dutschke. "Andy, du kannst die Musik wieder anmachen", sagt der Kandidat zum Barkeeper.

Quelle: F.A.Z., 10.06.2005, Nr. 132 / Seite 4
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