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Portrait Ein bajuwarischer Volkstribun

06.07.2005 ·  WASG-Gründer Klaus Ernst hat sein politisches Handwerk bei der IG Metall erlernt, geprägt von marxistisch ausgebildeten Dozenten. In der Partei ist er totzdem weit weniger beliebt, als man annehmen könnte.

Von Rüdiger Soldt, Frankfurt
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Anfang der siebziger Jahren nahm Klaus Ernst an dem Gewerkschaftlerlehrgang F1 teil. Das war so etwas wie ein Initiationsritual für künftige IG-Metall-Funktionäre, die Voraussetzung für Gewerkschaftlerkarrieren. Es waren Lehrgänge, auf denen Gewerkschaftsmitglieder lernten, den „Klassenstandpunkt“ zu formulieren.

Davon profitierte ein junger Gewerkschaftler wie Ernst, der heute Mitglied des Bundesvorstandes der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) ist und der mit etwas Glück dem Fraktionsvorstand der neuen Linkspartei im Bundestag angehören könnte.

Massenbildung für soziale Auseinandersetzung

Ernsts politisches Denken wurde in den siebziger Jahren geprägt, in den Fortbildungsstätten der IG Metall, zum Beispiel der in Sprockhövel. Marxistisch ausgebildete Dozenten wie Hans Preiss - der erst vor wenigen Wochen verstorbene frühere Leiter des Bildungszentrums - haben eine ganze Generation von Gewerkschaftlern geprägt.

„Gewerkschaftliche Bildungsarbeit, nicht als Dienstleistung für eine Elite, sondern als Massenbildung für die soziale Auseinandersetzung. Fakten gegen Phrasen. Aus der Geschichte lernen“, so wurde in der Todesanzeige von Preiss die Bildungsaufgabe der Gewerkschaften beschrieben. Ernst lernte damals mit den Mitteln der „politischen Ökonomie“, wie er heute selbst sagt, „die Verhältnisse zu analysieren, den Klassenstandpunkt zu erkennen und ihn gemeinsam durchzusetzen“.

„Keine leichte Zeit“

Das innergewerkschaftliche Netz sowie persönliche Freundschaften, die durch die gewerkschaftliche Bildungsarbeit entstanden, sind für Ernst eine große Hilfe bei der Gründung der WASG gewesen. Kontakte in viele Gliederungen der IG Metall, aber auch in die anderer Gewerkschaften haben es Ernst erst möglich gemacht, die WASG so schnell aufzubauen.

Ernst wurde 1954 in München geboren. Die familiären Verhältnisse waren schwierig. Als er 15 Jahre alt war, konnte er seinen autoritär auftretenden Stiefvater, der sich wohl als Eisverkäufer mehr schlecht als recht durchschlug, nicht mehr ertragen. Er zog aus, machte eine Lehre als Elektromechaniker. „Es war keine leichte Zeit, ich hatte so wenig Geld, daß ich noch nicht einmal eine Fahrkarte kaufen konnte.“

„Menschen menschlich behandeln“

Ernst rebellierte gegen die Verhältnisse, er konnte wohl schon damals reden und agitieren. In seinem Betrieb wurde er Jugendvertreter, dann Betriebsrat und schließlich Vorsitzender der IG-Metall-Jugend in München. „Ich kann es nicht ausstehen, wenn Menschen gedemütigt werden, wenn Überstunden erzwungen werden. Wenn die ökonomischen Verhältnisse dazu führen, daß Menschen nicht menschlich behandelt werden, dann muß man etwas dagegen tun“, sagt Ernst.

So hat er über Jahrzehnte seine Arbeit als Gewerkschaftsfunktionär begründet. Sein Engagement gegen die Schrödersche Reformpolitik begründet er genauso. Einen Unterschied zwischen der Formulierung von Arbeitnehmerinteressen auf betrieblicher Ebene und einem politischen Programm für das gesamte Land macht er nicht.

Bevollmächtigter der IG Metall

Von 1979 bis 1984 studierte Ernst an der damals noch selbständigen „Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik“ Volkswirtschaftslehre und Sozialökonomie. Danach begann seine eigentliche Karriere in der IG Metall: 1984 war er Streikhelfer bei der IG Metall in Stuttgart, ein Jahr später stellte ihn Klaus Zwickel als 1. Sekretär der IG Metall in Stuttgart ein. So erlebte Ernst Ende der achtziger Jahre den späteren BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel, damals noch Deutschland-Chef von IBM.

Henkel setzte damals durch, die Sonntagsarbeit einzuführen - der Betriebsrat stimmte zu, die Belegschaft und auch Ernst waren strikt dagegen. Einige Jahre später saß Ernst im Aufsichtsrat der Porsche AG. 1995 wurde er zum ersten Bevollmächtigten der IG Metall in Schweinfurt gewählt - diesen Job hat der hauptamtliche Gewerkschaftsfunktionär bis heute.

Der Brandbeschleuniger

Die Kontakte zu Gewerkschaftlern in vielen anderen Bundesländern, die Möglichkeit, zumindest indirekt den Apparat der IG Metall zu nutzen, und die Nähe zur Basis waren die Voraussetzungen dafür, daß es Ernst gelang, die WASG erfolgreich zu gründen. 1999, als die rot-grüne Bundesregierung eine Rentenreform ankündigte, schlug Ernst fast unbemerkt schon einmal die Gründung einer neuen linken Partei in einem Interview vor. Die Zeit war noch nicht reif, er bekam nur einige zustimmende Briefe.

Als viele Arbeitnehmer im Dezember 2003 sich darüber beklagten, daß sie auf ihre Betriebsrenten Krankenversicherungsbeiträge zahlen müssen, hielt Ernst, bis zu seinem Parteiausschluß im vergangenen Jahr SPD-Mitglied, die Gründung einer neuen Partei für unumgänglich. In vielen Betrieben kippte die Stimmung, die SPD wurde bei Gewerkschaftlern wie Klaus Ernst immer weniger als Verbündeter zur Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen gesehen. Die Hartz-Gesetze waren dann nur noch der Brandbeschleuniger.

„Überheblichkeit des Marxisten“

Die abfällig „Panzerschrankkommunisten“ genannten DKP-nahen Gewerkschaftsfunktionäre haben schon seit vielen Jahren mit dem Gedanken gespielt, eine neue Partei zu gründen. Nun war die Stunde gekommen. Ernst, dem in der IG Metall bescheinigt wird, daß er ein guter Bezirksbevollmächtigter ist, und sein Kollege aus Fürth, Thomas Händel, wurden binnen weniger Monate die wichtigsten Organisatoren der WASG: Ernst als ein bajuwarischer Volkstribun, der in einer mit derben Scherzen gespickten Sprache von sozialer Gerechtigkeit spricht; Händel als der ideologisch versiertere Strippenzieher im Hintergrund.

„Ich lebe gut und gern, aber will auch, daß es anderen gutgeht“, hat Ernst einmal über die Ziele der neuen Partei gesagt. „Er ist ein Volksschauspieler, er kultiviert die Überheblichkeit des Marxisten, stets auf der richtigen Seite zu stehen, macht aber als Bezirksbevollmächtigter keine schlechte Arbeit“, heißt es in Gewerkschaftskreisen.

Zeit für den Oldtimer-Sportwagen

In der WASG, in der es viele eigenwillige Mitglieder aus zahlreichen anderen linken Splittergruppen gibt, ist Ernst weniger beliebt, als man annehmen könnte. Sein Stil ist polarisierend und pragmatisch. Polemische Äußerungen wie die, daß er es ablehne, einer Sektierergruppe vorzustehen, die in einer Telefonzelle Platz habe, haben ihm knappe Ergebnisse bei Vorstandswahlen eingebracht.

Im bevorstehenden Wahlkampf und vermutlich auch in einer künftigen Bundestagsfraktion werden Lafontaine und Gysi die Hauptdarsteller sein. „Das macht mir nichts“, sagt Ernst. Vielleicht ist er insgeheim froh, bald wieder niedrigere Handyrechnungen und mehr Zeit für seinen Oldtimer-Sportwagen und seine Almhütte in Österreich zu haben.

Quelle: F.A.Z., 04.07.2005, Nr. 152 / Seite 4
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Jahrgang 1966, politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

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