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Zum Tode Wolfgang Leonhards : Aus bitteren Erfahrungen klug geworden

Wolfgang Leonhard (1921 bis 2014) Bild: dpa

Die Innenansicht des stalinistischen Systems in der DDR führte zu seinem Bruch mit dem „real existierenden Sozialismus“. Im Westen war er einer der gefragtesten Kenner des Kommunismus. Jetzt ist Wolfgang Leonhard im Alter von 93 Jahren gestorben.

          Das Wesen des Stalinismus erschloss sich schon dem jugendlichen Emigranten in Moskau. Allerdings brachte das einschneidende Erlebnis aus dem August 1939 Wolfgang Leonhard zu diesem Zeitpunkt noch nicht dazu, sich gegen das System zu entscheiden, das seine Mutter und ihn scheinbar fürsorglich aufgenommen hatte. Der junge deutsche Kommunist, 1921 in Wien geboren, musste vor ziemlich genau 75 Jahren erleben, dass von einem Tag auf den anderen antifaschistische Literatur aus den Moskauer Buchhandlungen verschwand, weil Josef Stalin, der „Vater der Völker“, mit Adolf Hitler einen Nichtangriffspakt geschlossen hatte. Staunend erlebte er, wie gestandene Funktionäre ebenso plötzlich ihre „Meinung“ über Deutschland und dessen Führer änderten. Diese Geschichte gehört zu den eindrucksvollen Episoden aus Leonhards Bestseller „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, der in den fünfziger Jahren im Westen Furore machte.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik.

          Wie sehr Leonhard sich dem stalinistischen System der totalen Entmündigung des Einzelnen verschrieben hatte, zeigte sich in dem Moment, als die sowjetische Geheimpolizei seine Mutter abholte, die dann jahrelang im Gulag verschwand, den sie im Gegensatz zu vielen anderen überlebte. Der Sohn war zwar irritiert, stellte aber nicht in Frage, dass die Mutter, die sich und ihn vor Hitler in vermeintliche Sicherheit gebracht hatte, irgend etwas verbrochen haben müsse. Einen derart gefestigten „Klassenstandpunkt“ pflegte die Sowjetunion Stalins zu belohnen. Und so wurde Wolfgang Leonhard während des Krieges in eine Schule der Kommunistischen Internationale aufgenommen, wo man ihn für künftige Führungsaufgaben in Deutschland ausbildete. Mittlerweile hatte Hitlers Deutschland die Sowjetunion überfallen und die antifaschistische Welt war wieder in Ordnung.

          Nach dem Funktionärslehrgang arbeitete Leonhard als Redakteur und Sprecher für den Sender des „Nationalkomitees Freies Deutschland“, das im Namen deutscher Kriegsgefangener Propaganda gegen die Nationalsozialisten machte. Während der Ausbildung hatte er unter anderen auch Markus Wolf kennengelernt, der später im Ministerium für Staatssicherheit der DDR Karriere machen sollte.

          Über Jugoslawien in den Westen

          Leonhard gehörte zu der Gruppe deutscher Kommunisten unter Leitung von Walter Ulbricht, die noch vor Abschluss der Kampfhandlungen im Frühjahr 1945 nach Deutschland gebracht wurden. Deren Mitglieder bemühten sich um den Aufbau funktionierender Verwaltungen in dem von der Roten Armee kontrollierten Teil Berlins. Dafür mussten unbedingt auch „bürgerliche“ Fachleute gefunden werden. In späteren Jahren zitierte Leonhard immer wieder einen Grundsatz, den ihnen Ulbricht beigebracht habe. „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles unter Kontrolle haben“.

          2004 erhält Wolfgang Leonhard den Europäischen Wissenschafts-Kulturpreis aus den Händen des ehemaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher
          2004 erhält Wolfgang Leonhard den Europäischen Wissenschafts-Kulturpreis aus den Händen des ehemaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher : Bild: dpa

          Als er dies erzählte, hatte Leonhard schon lange mit dem „real existierenden Sozialismus“ gebrochen. Über Jugoslawien gelangte er in den Westen, wo er zu einem gefragten Fachmann für alle Angelegenheiten des internationalen Kommunismus wurde, der auch immer gerne und für das Publikum fesselnd Auskunft gab. Bis 1987 lehrte er mehr als zwei Jahrzehnte an der amerikanischen Universität Yale über das Thema seines Lebens. Zuvor war er in Oxford und an der Columbia-Universität New York tätig gewesen.

          Die Reformpolitik Michail Gorbatschows faszinierte Leonhard. Seine Analyse schlug sich 1994 in dem Buch „Die Reform entlässt ihre Väter“ nieder. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Leonhard wiederholt als Wahlbeobachter in mehreren ehemaligen Sowjetrepubliken aktiv.

          Wolfgang Leonhard (links) unterhält isch mit Ralph Giodano und Rupert Neudeck 1997 bei der Trauerfeier für den russischen Schriftsteller Lew Kopelew
          Wolfgang Leonhard (links) unterhält isch mit Ralph Giodano und Rupert Neudeck 1997 bei der Trauerfeier für den russischen Schriftsteller Lew Kopelew : Bild: dpa

          In jüngerer Vergangenheit war er für Fernsehzuschauer nicht mehr so präsent wie früher. Aber der letzte Zeitzeuge der Ereignisse von vor und nach 1945 erfreute sich als temperamentvoller Vortragsredner und Gesprächspartner weiter großer Beliebtheit. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er gemeinsam mit seiner Frau Elke in Manderscheid in der Eifel. Am Sonntag ist Wolfgang Leonhard im Alter von 93 Jahren in einem Krankenhaus in Daun in der Eifel gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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