Home
http://www.faz.net/-gqa-72j1b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Zum Tod Kardinals Martini Liberaler Herausforderer

Er prägte Debatten über Sterbehilfe und die Beziehungen zwischen Christentum und Islam; mit öffentlichen Vorlesungen in Mailand wurde er bekannt. An diesem Freitag ist Kardinal Maria Martini im Alter von 85 Jahren gestorben.

© dapd Vergrößern Kardinal Maria Martini im Jahr 2005 während einer Messe im Vatikan

Zeit seines Lebens hat sich Kardinal Maria Martini eingemischt. Zu kaum einer theologischen oder moralischen Frage hat er sich nicht geäußert, und stets haben die Menschen auf ihn gehört. Noch beim letzten Konklave 2005 galt er für die Öffentlichkeit trotz seiner Krankheit und Schwäche als „papabile“, als ein Kandidat für das höchste Amt seiner Kirche; auch wenn er bei den Kardinälen gar keine Chancen gehabt hätte. Gleichwohl hat der seinerzeit gewählte Papst Benedikt XVI. den als liberalen Herausforderer geltenden Martini stets geschätzt.

Jörg Bremer Folgen:    

Martini war 17 Jahre alt, als er in den Jesuitenorden eintrat. Zwischen 1958 und 1964 erwarb er sich an der päpstlichen Jesuiten-Universität Gregoriana in Rom zwei Doktortitel. Von 1979 bis 2002 leitete Martini als Erzbischof von Mailand die größte Diözese der Welt. Große Beachtung fand damals seine „lectio divina“; das waren öffentliche Vorlesungen, die Menschen auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens im Dom einen neuen Zugang zur Heiligen Schrift anboten.

„Woran glaubt, wer nicht glaubt?“

Einer breiten Öffentlichkeit wurde Martini auch durch das Buch über einen Briefwechsel mit dem Schriftsteller Umberto Eco bekannt. Ihre Diskussion kreiste um die Frage „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“ Nach seiner Emeritierung lebte Martini von 2002 an abwechselnd in Jerusalem und Italien, bis ihn seine Krankheit 2008 endgültig zur Rückkehr in die Heimat zwang. Auch von Jerusalem aus nahm er an öffentlichen Debatten teil. Dabei lösten seine differenzierten Stellungnahmen zu Euthanasie und Sterbehilfe, zu Apparatemedizin und Patientenverfügung lebhafte Diskussionen aus. Beachtung fanden auch seine Stellungnahmen zum Islam, in denen er eine „gerechte Wechselseitigkeit“ zwischen Christen und Muslimen einforderte.

Aber auch von den Juden wurde er in Jerusalem überschwänglich empfangen, als er 2005 sein in Ivrit übersetztes Buch über die spirituelle Bedeutung Zions vorstellte („Il Cammino verso Gerusalemme“). Wer die Juden nicht verstehe, sagte Martini immer wieder, könne auch das Christentum nicht ganz verstehen. “Jesus ist ganz jüdisch. Die Apostel sind jüdisch, und niemand kann daran zweifeln, dass sie an den Traditionen ihrer Väter hingen”, heißt es in einem Buch. Am Freitag ist Martini im Alter von 85 Jahren gestorben.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Orkun Erteners Lebt Die er rief, die Geister, wird er nicht wieder los

Orkun Ertener ist als Drehbuchautor eine Hausnummer. In seinem Roman Lebt geht es um die Anhänger eines jüdischen Messias, um Gold und um Nazis. Zu viel Stoff fürs erste Mal? Mehr Von Hannes Hintermeier

29.10.2014, 06:54 Uhr | Feuilleton
Der letzte Supermond dieses Sommers

Wenn der Mond zum Greifen nahe und voll erscheint, wird er auch Supermond genannt. Hier leuchtet der Mond in der Nacht zum Mittwoch über der Altstadt von Jerusalem und erhellt die heiligen Stätten von Christen, Juden und Moslems. Mehr

10.09.2014, 12:02 Uhr | Wissen
Attentat in Israel Blutige Eskalation in Jerusalem

Der rechte jüdische Aktivist Yehuda Glick ist in Jerusalem niedergeschossen worden. Der Bürgermeister spricht von einem terroristischen Akt, die Polizei fürchtet Zusammenstöße zwischen Juden und Muslimen. Der Attentäter ist mittlerweile selbst tot. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem

30.10.2014, 10:16 Uhr | Politik
Hoffnungsschimmer Deutschland Immer mehr junge Juden ziehen nach Berlin

Immer mehr junge Juden aus aller Herren Länder zieht es in die deutsche Hauptstadt. Die jüdische Gemeinschaft erstarkt, während sich in anderen europäischen Ländern viele Juden zunehmend rassistischen Parolen ausgesetzt sehen und nach Israel auswandern. Mehr

16.10.2014, 16:23 Uhr | Gesellschaft
Baby getötet Israel gibt Palästinenserbehörde Mitschuld an Anschlag

In Jerusalem ist ein Baby getötet worden, als ein Palästinenser mit seinem Auto in eine Haltestelle fuhr. Der israelische Verteidigungsminister erhebt nun Vorwürfe gegen die Palästinenserbehörde: Sie befördere eine Kultur des Dschiahad gegen Juden. Mehr

23.10.2014, 07:29 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.08.2012, 20:47 Uhr

Anarchie oder Diktatur

Von Rainer Hermann

Der „Arabische Frühling“ ist gescheitert. Der Nahe Osten ist entgegen aller Hoffnung weder demokratisch noch stabil. Die Möglichkeiten lauten nun Anarchie oder Diktatur. Mehr 15