09.08.2011 · Das Ausmaß der Zerstörungswut überraschte die hilflose britische Innenministerin ebenso wie ihre Polizisten. Sie verteidigt das milde Vorgehen der Sicherheitskräfte.
Von Johannes Leithäuser, LondonTheresa May hatte nach der eigenen, hastigen Rückkehr aus den Ferien 24 Stunden Zeit, um das Londoner Krawallfeuer auszutreten, das seit dem vergangenen Wochenende immer mehr Ladenzeilen und Stadtteilzentren der britischen Hauptstadt erfasst. Doch in den ersten Stunden des Dienstags, bevor sich dann Premierminister Cameron vorzeitig nach London aufmachte, konnte seine Innenministerin statt Erfolgen nur neue Negativrekorde melden.
Das Ausmaß der Zerstörungswut und der Plünderungslust der Jugendlichen, die an immer neuen Orten auftauchten und sich oft stundenlang in Geschäftsstraßen austobten, ohne von Einsatzkräften zurückgedrängt zu werden, überraschte die Ministerin offenkundig ebenso wie ihre Polizisten.
Am Morgen danach wirkte sie hilflos in dem Bemühen, Ursachen für den Grad der Ausschreitungen zu finden und das Vorgehen der Polizei zu verteidigen. Dreierlei wiederholte die Innenministerin immer wieder: Ja, die Polizei müsse ein „entschlossenes Vorgehen“ auf der Straße zeigen, zweitens gelte es, sämtliche Aufklärungsmethoden „klug zu nutzen“, drittens aber müssten Hinweise kommen von jenen, die Teilnehmer an den Ausschreitungen identifizieren könnten, also auch von Verwandten oder Nachbarn.
Allerdings wollte sie unter „entschlossenem Vorgehen“ wiederum keinesfalls den Einsatz von Wasserwerfern (der ist in Großbritannien auf Nordirland beschränkt) oder gar die Zuziehung von Armee-Einheiten verstanden wissen, sondern beharrte darauf, dass die englische Polizei „ihr Modell der inneren Sicherheit“ beibehalten wolle, welches - „anders als auf dem Kontinent“ - auf einem Gesellschaftskonsens beruhe, Gewalt möglichst zu vermeiden.
Telegenes Auftreten
Dass die Ministerin nach der Nacht der Flammen noch Prinzipien verteidigte, die Anhängern ihrer konservativen Partei - etwa den Ladeninhabern in den Londoner Vorstädten - angesichts der konkreten Bedrohung ihres Eigentums als weltfremd erschienen, ist ein Ergebnis der gründlichen Themen- und Imagereform der Konservativen, die ihr Parteichef Cameron seit Jahren betreibt. Selbst der Umstand, dass Theresa May, Geografin vom Studium her, Finanzberaterin von Beruf, das Innenressort führt, kann als Ergebnis der Bemühungen gelten, die „neuen Tories“ in einem milden, hellblauen Licht erscheinen zu lassen.
Die aus einem anglikanischen Pfarrhaus an der englischen Südküste stammende Politikerin, die seit 14 Jahren den Wahlkreis Maidenhead im wohlhabenden Umland West-Londons im Parlament repräsentiert, hat schon unter Camerons Vorgängern Führungsposten auf der Oppositionsbank innegehabt, sie war für Familie, für Bildung, für Kultur, für Transport zuständig.
Ihr telegenes, stets durch extravagant geschnittene Blazer akzentuiertes Auftreten ließ sie für die Rolle der weiblichen Galionsfigur der Regierung geeignet erscheinen. Jetzt muss Theresa May beweisen, dass zu ihren Auftrittstalenten und zu ihren liberalen Werten auch Tatkraft, Organisationsvermögen, Durchsetzungswille und die Fähigkeit zu neuer Vertrauensbildung in Polizei und Bevölkerung zählen.
Liberale Werte oder Beliebigkeit?
Franz Müller (hausmeisterhempel)
- 10.08.2011, 18:10 Uhr
Der Wähler wählt weiche Äußerlichkeiten....
Michael Meier (never1)
- 10.08.2011, 17:44 Uhr
Nicht hilflos - sondern realitätsfern!
Günter Bedessem (chemieguenter)
- 10.08.2011, 17:44 Uhr
Den "Gesellschaftskonsens"...
Stefan M. Oke (stefanmoke)
- 10.08.2011, 17:31 Uhr
the finest hour
nikolaus hesse (firenzass)
- 09.08.2011, 22:56 Uhr