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Sigmar Gabriel : Devise Attacke

Reagiert mitunter emotionale - ganz im Gegensatz zur Kanzlerin: der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, hier Ende August beim Empfang von ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern in Berlin Bild: dpa

In der Flüchtlingskrise kann sich Angela Merkel auf den SPD-Vorsitzenden viel mehr verlassen als auf Horst Seehofer - obwohl Sigmar Gabriel emotional ihr Gegenteil ist. Doch Gabriel weiß, dass aus der Harmonie bald Wettbewerb werden muss, wenn er Kanzler werden will.

          Es ist nicht besonders schwierig, mit Sigmar Gabriel aneinanderzugeraten. Zum Beispiel im Zug von Berlin nach Hamburg, wenn dort ein zuvor fest mit seinen Mitarbeitern vereinbartes Interview stattfinden soll, aber Gabriel entweder nicht darüber informiert war oder einfach nur müde. Dann kann die Stimmung in kürzester Zeit so angespannt werden, dass beide Seiten im Ernst überlegen, die Sache auf freier Strecke abzubrechen. Wird dieser Punkt aber ohne Abbruch des Gesprächs überwunden, kann es anschließend in gutem Einvernehmen weitergehen und geradezu harmonisch enden. Kurzum: Sigmar Gabriel ist emotional so ziemlich das Gegenteil der in aller Regel ruhigen und ausgeglichenen Kanzlerin.

          Eckart Lohse

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Ob es daran liegt, dass der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler in der dritten Regierung von Angela Merkel sich mit dieser so gut versteht nach dem Motto: Gegensätze ziehen sich an? Jedenfalls verstehen die beiden sich gut. Sowohl in der Euro-Krise als auch im Umgang mit den Flüchtlingsströmen sprechen die CDU- und der SPD-Vorsitzende überwiegend mit einer Stimme. Angela Merkel kann sich auf eine auch nach außen getragene Unterstützung Gabriels weit mehr verlassen als auf eine konstruktive Rhetorik des Vorsitzenden der Schwesterpartei CSU, Horst Seehofer.

          Gabriel versucht Statur zu gewinnen

          Doch Gabriel weiß natürlich längst, dass die Harmonie schon bald in Wettbewerb umschlagen muss. In nicht einmal mehr zwei Jahren wird ein neuer Bundestag gewählt. Gabriel hält nichts von dem Vorschlag seines Parteifreundes Torsten Albig, die SPD solle dieses Mal auf die Aufstellung eines Kanzlerkandidaten verzichten. Außerdem ist ihm klar, dass er als Vorsitzender nicht noch einmal einen anderen Kandidaten ins Rennen schicken kann, um selbst keinen Schaden zu nehmen. Das Manöver endete vor zwei Jahren mit einer spektakulären Niederlage des sozialdemokratischen Kandidaten Peer Steinbrück.

          Also bereitet sich der 56 Jahre alte Gabriel vor. In der Sache, indem er sein Amt als Parteivorsitzender nutzt, um weit über das Fachgebiet des Wirtschaftsministers hinaus Position zu beziehen und Statur zu gewinnen. Sowohl innen- als auch außenpolitisch ist das Hauptthema dafür derzeit die alles überlagernde Flüchtlingskrise. Er besucht Flüchtlingseinrichtungen ebenso wie den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Mit ihm sprach Gabriel in Moskau über die Lage in Syrien, weil er weiß, dass eine Verbesserung der dortigen Situation einer der Schlüssel zur Verringerung der Migrantenströme ist.

          Nachdem er sich lange vor einer klaren Aussage gedrückt hatte, hat Gabriel jetzt wie nebenbei in der Zeitschrift „Stern“ fallenlassen, dass er „natürlich“ Bundeskanzler werden wolle. Im Vergleich zu der Dramatik, mit der sonst über Monate darüber diskutiert und gestritten wurde, wer Kanzlerkandidat der SPD würde, wirkt das wie eine Fußnote. Aber auch wenn die Umfragewerte für Union und Merkel gerade sinken, liegen die Werte der SPD und diejenigen Gabriels noch weit darunter. Nach einem markigen Angriffssignal war ihm wohl nicht zumute.

          Quelle: F.A.Z.

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