Brillen helfen auch nicht. Wir haben es versucht, aber da ist nichts zu machen. Man müsste operieren. In Amerika machen sie solche Operationen. Bei uns kann das nur Professor Milenković in Belgrad. Aber eine Erfolgsgarantie gibt es nicht in dem Alter. Er ist schließlich schon über achtzig. Nein, nicht Professor Milenković, der ist jünger. Mein Mann. Jahrgang 1924. Früher hat er Bücher gelesen und Zeitungen, aber das kann er jetzt nicht mehr. Fernsehen auch nicht. Möchten Sie Kaffee? Er hört nur Radio. Wir haben auch sehr guten Rakija. Er ist nicht etwa blind, verstehen Sie? Er kann Sie sehen, aber nur in Umrissen. Ja, im Wohnzimmer. Er wartet schon. Durch den Flur und rechts. Ich komme gleich nach.
Dragoljub Jovanović sitzt auf einem Sessel im Wohnzimmer. Er hat weißes Haar und einen grauen Oberlippenbart.
Da sind Sie ja endlich. Nehmen Sie Platz. Hat meine Frau Ihnen schon gesagt, dass ich nicht mehr gut sehe? Das Alter macht sich bemerkbar. Aber wir haben viele Freunde. Wir sind seit mehr als einem halben Jahrhundert verheiratet, und nicht an einem einzigen Tag im Leben haben wir unseren Kaffee allein trinken müssen. Wir gehen zu Freunden, oder Freunde kommen zu uns. Man kennt uns hier im Haus. Wir leben schließlich schon seit 1969 in dieser Wohnung. Ja, gehen Sie ruhig auf den Balkon.
Der Blick auf die Stadt. Im Zentrum haben einige gebrechliche Bauernhäuser den Wandel der Zeit überstanden. Dahinter stehen große Mietskasernen, die sie bewachen.
„Ich habe die Deutschen nie gehasst“
Eines sage ich Ihnen gleich, ich bin ein Linker geblieben, das verheimliche ich nicht. Aber kein verrückter Bolschewist oder so. Ich bin Sozialist. Und noch etwas: Manchmal werde ich gefragt, ob ich das deutsche Volk hasse wegen damals. Aber ich habe die Deutschen nie gehasst. Nach dem Krieg bin ich dienstlich in ganz Europa gewesen, auch in Deutschland war ich bestimmt zwanzig Mal. Ich habe mich dort immer wohl gefühlt. Das erste Mal war ich Anfang der siebziger Jahre in Deutschland, um 1972 muss das gewesen sein. Eine Verwandte hat in Frankfurt ein Restaurant betrieben, und wir haben sie besucht. Das waren ganz normale Reisen für mich. Aber Sie sind bestimmt nicht gekommen, damit ich Ihnen von meinen Reisen nach Deutschland erzähle.
Aus der Küche kommt Frau Jovanović mit einem Silbertablett. Auf dem Tablett eine Häkeldecke, darauf Gläser mit Rakija.
Also, das war so: Ich war mit meinem Vater auf dem Hof, wir wollten Holz sägen für den Winter. Es war Vormittag. Unser Haus lag an der Hauptstraße Kragujevac-Batoćina-Lapovo. Das müssen Sie sich auf der Karte ansehen, dann haben Sie eine bessere Vorstellung davon. Es ist nicht weit von hier. Ich holte gerade unsere Säge aus dem Schuppen, als eine deutsche Kolonne mit Soldaten in den Ort kam. Drei Soldaten sind auf unseren Hof gekommen, und ein kleiner Deutscher schrie: „Los! Los!“, und dann noch irgendetwas.
Mein Vater war im Ersten Weltkrieg in deutscher Gefangenschaft gewesen und verstand ein wenig Deutsch. Er sagte mir, die Deutschen wollten, dass ich mit ihnen gehe. Mein Vater bat darum, dass er an meiner Stelle gehen dürfe, weil ich noch so jung war. Ich war sechzehneinhalb damals. Nun wollen wir aber mal den Rakija probieren. Sie werden sehen, der ist ausgezeichnet. Zum Wohl.
Serbien, Kragujevac. Eine Industriestadt tief im Balkan, sehr weit vom Meer. Sava-Kovačević-Straße Nummer eins, siebter Stock. Eine tadellos aufgeräumte Wohnung. Im Wohnzimmerschrank Porzellanfiguren, Körbchen mit Plastikblumen auf gehäkelten Deckchen, Bücher. Pearl S. Buck, gesammelte Werke. Drei Sessel und ein Sofa mit Kunstlederbezug, pfirsichfarben. Hinter dem Sofa an der Wand einige Bilder, gestickt. Ein Segelschiff auf bewegtem Meer, die Akropolis, eine Südseeinsel mit Palmen.
Sehen Sie, der ist gut! Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, der Hof. Also, die Deutschen bestanden darauf, dass ich mitghehe, und so gingen wir los. Als wir nach Maršić kamen, waren wir zu zehnt.
Quitten als Preis für die Freilassung
Frau Jovanović unterbricht. Ein Ausländer könne doch nicht wissen, was Maršić sei.
Wie? Ach so, das können Sie nicht wissen, natürlich. Maršić ist der Name eines Dorfes. Dort wurden wir erschossen. Nicht direkt im Dorf, sondern auf einem Feld in der Nähe. Maršić wurde abgeriegelt, und alle Männer des Dorfes wurden zusammengetrieben. Man brachte uns auf den Schulhof. Meine Mutter lief neben der Kolonne her und schrie ständig, dass ich doch noch ein Kind sei. Aber sie ließen mich nicht fort. Ich weiß noch, dass da ein Volksdeutscher war aus der Vojvodina, die standen ja in Diensten der Deutschen. Der Volksdeutsche kam zu meiner Mutter und fragte sie, ob sie ihm Quitten besorgen könne. Sie glaubte, dass sei der Preis für meine Freilassung, und lief um Quitten.
Sie trieb auch welche auf, aber als sie sie brachte, änderte das gar nichts. Ich musste in der Kolonne bleiben. Dann haben sie uns ausgewählt. Alle, die jünger als sechzehn oder älter als sechzig waren, wurden freigelassen. Die Übrigen stellten sie in Dreierreihen auf, und darunter war auch ich. Ein Volksdeutscher, aber nicht der mit den Quitten, wollte mich freilassen. Aber der kleine Deutsche, der auf unserem Hof gewesen war, schickte mich immer wieder zurück zur Kolonne. So ging das drei Mal hin und her. Nun trinken Sie doch endlich einen Schluck! So einen guten Rakija bekommt man in Belgrad nicht! Dann haben die Deutschen ihre Liste gemacht: Name, Vorname, Beruf und so weiter. Als sie damit fertig waren, führten sie uns auf ein Feld in der Nähe. Eine Grube war schon ausgehoben. Wir mussten uns in einiger Entfernung davor aufstellen.
Der letzte Überlebende
Fragen Sie Jovanović, denn Jovanović war dabei, hatte der Direktor der Gedenkstätte von Kragujevac gesagt. Etwa vierzig Männer, von den Deutschen als Todeskandidaten in eine Liste eingetragen, haben damals überlebt. In einer Gruppe warf ein Kaufmann seinen schweren Ledermantel über das Maschinengewehr, und in dem allgemeinen Tumult liefen die Männer in alle Himmelsrichtungen davon. Die Deutschen schossen ihnen hinterher und töteten die meisten, aber einige konnten sich in die Wälder retten und gingen zu den Partisanen. Andere überlebten, indem sie sich fallen ließen, bevor sie von einer Kugel getroffen wurden. Dann, zwischen Leichen und Sterbenden liegend, stellten sie sich tot. So einer war Jovanović. Er sei der letzte lebende Überlebende des Massakers von Kragujevac, hatte der Direktor gesagt.
Wie viele wir waren? Also, Sie stellen vielleicht Fragen! Glauben Sie, ich habe in dem Moment gezählt? Aber es gibt ja diese Liste im Museum, diese Liste, die von den Deutschen angefertigt wurde damals. Da ist auch mein Name drauf. Ich glaube, nach der Liste waren wir 107 in unserer Gruppe. Außerdem standen noch viele Frauen und alte Leute aus dem Dorf in der Nähe. Die Deutschen wollten, dass sie zuschauen. Zur Abschreckung.
Meine Mutter stand auch da. Vor uns baute sich also das Erschießungskommando auf. Das war ungefähr drei Stunden nachdem sie mich vom Hof geholt hatten. Als wir da standen, trat ein deutscher Offizier hervor. Er sprach, und ein Volksdeutscher übersetzte. Der Offizier sagte ungefähr: „Da ihr jeden Tag Überfälle auf Angehörige des großen Deutschen Reiches begeht, hat das Oberkommando der Wehrmacht entschieden ...“. Aber weiter habe ich nichts gehört. Nach den ersten Worten habe ich mich umgedreht und mir die Ohren zugehalten.
„Ich lag auf dem Bauch und stellte mich tot“
Frau Jovanović kommt aus der Küche zurück. Wieder trägt sie das Tablett mit dem gehäkelten Deckchen ins Zimmer. Diesmal stehen Tassen mit frisch gebrühtem Kaffee darauf.
Dann haben sie uns erschossen. Ich fiel auf den Boden. Ich habe mehrere Kugeln in die Beine bekommen. Das weiß ich heute, aber damals wusste ich natürlich nicht, wo ich getroffen war. Das ging alles sehr, sehr schnell, verstehen Sie? Viel schneller, als man es erzählen kann. Die Kugeln gingen in das Bein, aber keine traf den Knochen, das war ein Glück. Deshalb habe ich vielleicht auch nichts gespürt am Anfang. Es fühlte sich so an, als seien meine Beine eingeschlafen. So fiel es mir leicht, mich tot zu stellen. Die Schmerzen kamen erst später.
Als ich am Boden lag, hörte ich ein Geräusch, ein Rasseln oder Knarren. Aber ich sah nichts, denn ich lag auf dem Bauch und wagte nicht, mich zu rühren. Als ich später von dem Geräusch erzählte, haben sie mir gesagt, was das war: Ein deutscher Soldat ist zwischen uns herumgegangen und hat geprüft, ob noch wer lebt. Wenn jemand noch Lebenszeichen von sich gab, schoss er ihm aus kurzer Distanz in den Kopf. Die Schüsse hörte ich natürlich. Ich lag also weiter auf dem Bauch und stellte mich tot. Vorsicht, das ist türkischer Kaffee. Sie leben ja schon lange in unserem Land, da wissen Sie doch, wie man den trinkt?
Telegramm Nr. 841 des Gesandten Felix Benzler aus Belgrad
Neben mir lag Radoje Urošević, ein guter Harmonikaspieler. Er atmete noch, ganz laut und schwer. Der Deutsche hörte das und schoss ihm in den Kopf. Mich hat er nicht bemerkt. Zucker? Ich mag den Kaffee nicht süß, aber da hat ja jeder seine Vorlieben. Nehme Sie ruhig. Glauben Sie etwa, wir hätten nicht genug Zucker? Wenn der Soldat mich in die Beine getreten hätte, um zu prüfen, ob ich noch bei Bewusstsein bin, hätte er bestimmt entdeckt, dass ich noch lebte.
Aber sie haben mich nicht entdeckt, und Kostadin Pantić auch nicht. Der hatte noch mehr Glück als ich, er bekam nicht eine einzige Kugel ab. Er ließ sich rechtzeitig fallen, dann fielen die Toten auf ihn, und so blieb er am Leben. Das war am 19. Oktober 1941, also zwei Tage vor den großen Erschießungen in der Stadt. Es war die Generalprobe. Es gibt auch Bücher dazu, da sind die Dokumente der Deutschen von damals abgedruckt, die Telegramme und Befehle und all das. Ich kann das ja nicht mehr lesen, aber Sie.
„Geheime Reichssache! Bei den Erschießungen sind Missgriffe vorgekommen. So sind V-Leute, Kroaten und ganze Belegschaften deutscher Rüstungsbetriebe erschossen worden. (...) Die Erschießungen in Kragujevac sind erfolgt, obwohl in dieser Stadt kein Angriff gegen deutsche Wehrmachtsangehörige stattgefunden hatte, weil anderwärts nicht genügend Geiseln aufgetrieben werden konnten. Diese wahllosen Erschießungen zeitigen in der Bevölkerung Rückwirkungen, die dem politischen Endziel entgegenlaufen (...) Bevollmächtigter kommandierender General hat daraufhin neue Weisungen über das Erschießen von Geiseln erlassen, die zwar an dem Verhältnis hundert Serben für einen Deutschen nichts ändern, aber nach Möglichkeit Missgriffe wie die oben erwähnten ausschließen. Ich gebe obiges zur Information, damit das Auswärtige Amt bei etwaigen Angriffen feindlicher Sender über die tatsächlichen Vorkommnisse unterrichtet ist.“ (Telegramm Nr. 841 des Gesandten Felix Benzler aus Belgrad an das Auswärtige Amt in Berlin, 29. Oktober 1941)
„Du lebst.“
Als alles vorbei war, habe ich ein scharfes Kommando auf Deutsch gehört, und dann sind die Deutschen abmarschiert. Vorher hat der Offizier noch mit dem Dorfvorsteher gesprochen, der auch bei der Erschießung zusehen musste. Das habe ich nicht gehört, man hat mir das später berichtet. Der Offizier befahl den Dorfbewohnern, uns innerhalb einer halben Stunde zu verscharren. Das hat wieder ein Volksdeutscher übersetzt. Dann haben die Deutschen sich aufgereiht und beim Abmarschieren eines ihrer Lieder gesungen, Lilli Marleen. Wie bitte? Zu Lilli Marleen kann man nicht marschieren? Mag sein, vielleicht war es ein anderes Lied. Gesungen haben sie jedenfalls. Und als sie weg waren, kamen die Leute und suchten in dem Leichenhaufen nach ihren Toten.
Mich hat eine alte Frau umgedreht, die nach ihrem Sohn suchte. Sie sagte: „Söhnchen, du lebst! Aber wo ist mein Jovo?“ Ich habe meine Mutter gesehen, sie stand nur wenige Meter von mir entfernt. Als sie mich sah, hat sie mich geküsst und umarmt und immer wieder gesagt: „Du lebst.“ Ich sagte ihr, dass ich keine Beine mehr habe, denn das war in dem Moment alles, an was ich denken konnte: Sie haben mir die Beine abgeschossen! Meine Mutter bat einen Bauern, mich schnell von dem Richtplatz wegzutragen, falls die Deutschen zurückkehren würden. Der Bauer brachte mich in sein Haus, und ich fragte meine Mutter, wo ich getroffen sei. Aber man konnte nicht genau sehen, wo die Wunden waren, denn meine Hosen waren voller Blut.
Mutter ließ nach meinem Großvater suchen, der ein Gespann hatte, und auf dem brachten sie mich nach Hause. Nachher fiel starker Regen, und in diesem Regen ist meine Mutter nach Kragujevac gelaufen, weil sie dort einen Arzt kannte. Der sagte ihr, dass er ihr nicht helfen könne, weil er nicht wisse, was mit ihm selbst geschehen werde, wenn er auf die Straße gehe. Aber ein Apotheker, ein Freund unseres Hauses, gab ihr Medizin. Mögen Sie noch einen Kaffee? Zwei Tage später hörten wir, dass die Deutschen in der Stadt die Männer erschossen haben. Meine Wunden sind also verheilt, ohne dass ich einen Arzt gesehen habe. Nach drei Monaten konnte ich wieder vorsichtig gehen.
Mit diesen Worten beendet Dragoljub Jovanović seine Geschichte. Das Aufnahmegerät läuft weiter und zeichnet auf, wie wir noch einen Kaffee trinken. Herr Jovanović wirkt zufrieden mit sich und der Welt, seine Frau auch. Als es Zeit zum Aufbruch ist, besteht der Hausherr trotz seiner eingeschränkten Sehfähigkeit darauf, den Gast zur Tür zu begleiten. An der Schwelle kommt es noch zu einem Gespräch über die Gesundheit.
„Diese Deutschen gibt es nicht mehr“
Psychisch bin ich ein stabiler Mensch, aber körperlich war ich seit damals nie wieder ganz gesund. Ich konnte nie wieder normal gehen, und ich habe ein schwaches Herz, das hängt ja alles zusammen. Nein, Kinder haben wir nicht. Die Erschießung hat meine Möglichkeiten zerstört, eine Familie zu haben. Wegen irgendeiner Störung sind meine Spermien so träge, dass sie nie da ankamen, wo sie ankommen sollten. Schuld daran sind die Deutschen. Aber diese Deutschen gibt es nicht mehr. Vorsicht unten im Treppenhaus, manchmal geht das Licht nicht. Besuchen Sie uns einmal wieder!
„Die feigen und hinterlistigen Überfälle in der vergangenen Woche auf deutsche Soldaten, wobei 10 getötet und 26 verwundet wurden, mussten gesühnt werden. Es wurden deshalb für jeden getöteten deutschen Soldaten 100, und für jeden verwundeten 50 Landesbewohner, und zwar vor allem Kommunisten, Banditen und deren Helfershelfer, zusammen 2300, erschossen. In Zukunft wird bei jedem ähnlichen Fall, sei es auch nur ein Sabotageakt, mit gleicher Strenge durchgegriffen werden.“ (Bekanntmachung der Standortkommandantur Kragujevac vom 21. Oktober 1941)
Alles relativ
piet medem (pit24)
- 02.06.2012, 11:49 Uhr
