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Ratko Mladic Die bosnische Banalität des Bösen

27.05.2011 ·  Ratko Mladic hat das Kriegshandwerk in einer Armee gelernt, die Klammer eines Vielvölkerstaates war. Angewendet hat er seine Kenntnis als serbischer Nationalist. Portrait eines Mannes, der sich als großer Feldherr eines kleinen Volkes sah.

Von Michael Martens, Belgrad
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Der General hat viel von sich erzählt damals im Krieg. Zwar sprach er fast nie über sich selbst, sondern redete meist über die Stärke der eigenen Soldaten und die Schwäche der anderen. Aber wenn er über die moralischen Vorzüge der Serben oder die Verschlagenheit der bosnischen Muslime und Kroaten schwadronierte, entwarf Ratko Mladic auch ein Selbstportrait - jedenfalls das Bild des Mannes, als der er gelten wollte. Er hat sich ohne Zweifel als den großen Feldherrn eines kleinen Volkes gesehen, aber darüber hinaus auch als einen Mann mit dem historischen Auftrag, jahrhundertealtes Unrecht zu rächen.

So führte er es in einem Interview mit der Zeitschrift „Time“ aus, das im August 1995 veröffentlicht wurde, als er schon vom UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagt war. Bosnien-Hercegovina und die selbsterklärte serbische Krajina-Republik in Kroatien seien für Jahrhunderte serbisch gewesen, behauptet er da. „Und sie wären es noch, wenn die internationale Gemeinschaft und einige Zentren der Macht die Kroaten und Muslime nicht ermutigt hätten, diesen Krieg zu beginnen“, sagt er weiter.

Der Krieg, so Mladic, sei den Serben aufgezwungen worden, „von denselben Leuten die sich 1914 und 1941, zusammen mit dem Österreich-ungarischen Imperium und deutschen Faschisten“, gegen sie zusammengetan hätten. Zu Mladics Weltbild gehörten neben dieser Vorstellung einer antiserbischen Verschwörung in Berlin und Wien auch verquaste Szenarien vom Untergang des christlichen Abendlands, den nur die Serben aufhalten könnten, indem sie einen „islamischen Vorstoß“ nach Europa stoppten.

Wo lernt man, die Welt so zu sehen? Ratko Mladic wurde am 12. März 1943 in der Gegend von Kalinovik geboren, einer bosnischen Gemeinde unweit der Grenze zu Serbien. Es waren blutige Zeiten in Bosnien. Das Haus sei voller italienischer Soldaten gewesen, als sie Ratko zur Welt gebracht habe, erzählte Mladis Mutter einmal einer Belgrader Journalistin. Wenige Wochen zuvor hatte die deutsche Führung zusammen mit italienischen und kroatischen Einheiten die „Operation Weiß“ begonnen, deren Ziel es war, Titos Partisanen im Süden Kroatiens und in Westbosnien zu zerschlagen. Titos „Volksbefreiungsarmee“ zog sich unter schweren Verlusten über das zentralbosnische Hochland zurück und musste sich dabei auch gegen einheimische Einheiten wehren: In Bosnien kämpften kommunistische Partisanen und großserbische Tschetniks mal gegen die Wehrmacht und kroatische Ustascha-Truppen, mal gegeneinander - und oft gegen Zivilisten, die sie der jeweils anderen Seite zurechneten.

Der Vater kämpfte als Partisan

Kalinovik, die Gegend von Mladics Geburt, liegt auf knapp 1100 Metern Höhe und etwa 45 Kilometer Luftlinie westlich der Grenze zu Serbien. Es ist eine einsame Gegend. Nordwärts von Kalinovik sind über Schotterpisten die Weiler Kuta und Vlaholje zu erreichen, in Richtung zur serbischen Grenze liegen die Dörfer Jelašca und Mosorovii, im Süden nur Berge. Kuta war vor dem Krieg muslimisch besiedelt. Heute gibt es in der Gegend kaum noch Muslime, denn seit dem Krieg von 1992 bis 1995 gehört Mladics Heimat zur bosnischen Serbenrepublik, der durch Massenvertreibungen entstandenen serbisch dominierten Hälfte von Bosnien-Hercegovina. Vier Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges lebten in der Gemeinde Kalinovik noch etwa 3700 Menschen, darunter vier Muslime und zwei Kroaten.

In dem großen Krieg, in den Ratko Mladic hineingeboren wurde, kämpfte sein Vater als Partisan. Es wird berichtet, er sei 1945 im Kampf gegen die kroatischen Ustascha gefallen. Der Halbwaise Ratko Mladic wuchs in Božinovici auf, dem bei Kalinovik gelegenen Heimatdorf seiner Mutter. Die Familie führte in diesen Nachkriegsjahren ein einfaches, ein ärmliches Leben. Die Witwe Mladic nahm ihre Tochter Milica nach zwei Klassen von der Schule, weil in der vaterlosen Familie jede Hand gebraucht wurde. „So war es damals. Die Jungs hat man in die Schule gegeben, die Mädchen verheiratet“, sagte Mladics Mutter einmal dazu.

Man kann vermuten, dass das Kind Ratko viele Geschichten über den Krieg gehört hat - und dass ihn das geprägt hat. „Seit jeher werden Grenzen mit Blut gezogen“, sagt er als General zur Rechtfertigung der Kämpfe in Bosnien. Die Schuld an dem Krieg in Bosnien-Hercegovina, der maßgeblich aus dem Belgrad des serbischen Gewaltherrschers Slobodan Miloševic gefördert und dirigiert wurde, gab er den Deutschen: „Deutschland hat den Krieg gesponsert. Es hat die Kroaten und die Muslime gegen die Serben aufgehetzt und sie angetrieben, damit die Deutschen ihr Ziel einer Germanisierung des Balkans erreichen können.“

Ratko Mladic hat sein Dorf noch als Halbwüchsiger verlassen. Er wollte Offizier in der Jugoslawischen Volksarmee werden. Eine militärische Karriere war für den Sohn einer mittellosen Mutter aus der bosnischen Provinz die aussichtsreichste, vielleicht die einzige sichere Möglichkeit, sich in der Gesellschaft emporzuarbeiten. Auf der Militärschule erwies er als begabt und tüchtig, stieg rasch auf. Nach dem Abschluss seiner Ausbildung wurde er als Zugführer zu einer Panzereinheit nach Mazedonien versetzt, in die südlichste der sechs jugoslawischen Republiken.

Die Armee als Klammer der Vielvölkerdiktatur

Die Jugoslawische Volksarmee, die zweite und wohl wichtigste prägende Etappe seines Lebens, war damals eine Klammer von Titos Vielvölkerdiktatur, ein Staat im Staate, die inoffizielle „siebte Republik“ Jugoslawiens. Die Soldaten dieser Armee wurden im Geist einer konstruierten südslawischen Brüderlichkeit und Einheit erzogen. Auch Ratko Mladic, der später als großserbischer Massenmörder und ethnischer Säuberer in die Geschichte einging, fühlte sich dieser Ideologie offenbar lange verpflichtet. Noch in der letzten gesamtjugoslawischen Volkszählung 1991, als der Zerfall des Staates schon begonnen hatte, bezeichnete er sich als „Jugoslawe“, also als „Südslawe“.

Doch als in jenem Jahr im zerfallenden Jugoslawien die Bürgerkriege begannen, war er von Anfang an vorderster Front auf serbischer Seite beteiligt. Nach einigen Monaten im damals schon unruhigen Kosovo wurde er im Juni 1991 nach Knin in Kroatien versetzt, wo es schon in den Monaten zuvor Auseinandersetzungen zwischen kroatischer Polizei und paramilitärischen serbischen Einheiten gegeben hatte. Die Jugoslawische Volksarmee stand dort auf der Seite der serbischen Aufständischen gegen den entstehenden kroatischen Staat.

Mladic soll wesentlichen Anteil daran gehabt haben, den Milizen der „Serbischen Republik Krajina“, die zahlreiche Kriegsverbrechen begingen, militärisch den Rücken freizuhalten. Aus Knin kehrte Mladic im Frühjahr 1992 als General in seine in Aufruhr befindliche Heimatrepublik zurück - und als gewaltsamer Verfechter der Idee eines Großserbiens, das überall dort sei, wo Serben begraben liegen. Am 12. Mai 1992 wird Mladic zum Oberbefehlshaber des Generalstabs der Armee der Serbenrepublik von Bosnien-Hercegovina ernannt.

Schon im November 1990 hatte in Bosnien die ersten Mehrparteienwahl stattgefunden, bei der sich drei monoethnische Blöcke durchsetzen konnten: Die meisten Bosniaken stimmten für die Partei der Demokratischen Aktion des Muslimführers Alija Izetbegovic, die große Mehrheit der Serben für die Serbische Demokratische Partei (SDS) von Radovan Karadžic, der schon seit 2008 in Haft in Den Haag ist, und fast alle Kroaten für die anfangs noch vergleichsweise gemäßigte Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ). Der Zerfall des Dreivölkerstaates zeichnete sich ab. Nach einem Treffen von Kroatiens Präsident Tudjman und Serbiens Herrscher Miloševic im März 1991 machen Gerüchte die Runde, die beiden Potentaten hätten sich auf die Aufteilung Bosniens in einen kroatischen und einen serbischen Teil geeinigt.

Die inzwischen weitgehend serbisierte Jugoslawische Volksarmee verlegte ab Herbst 1991 Truppen nach Bosnien. Von Teilen der muslimischen Bevölkerung, die die Armee immer noch als Garant der multiethnischen Einheit sah, werden die Soldaten freudig begrüßt. Karadžics SDS gründete indes jedoch ein eigenes „Parlament“ der Serben Bosniens, dessen Abgeordnete 1992 die serbisch besiedelten oder beanspruchten Gebiete des Landes zur „Serbischen Republik von Bosnien-Hercegovina“ (später Republika Srpska, RS) erklären. Die in jenen Wochen immer wieder ausgesprochene Drohung der bosnischen Serben lautete: Sollte sich Bosnien für unabhängig erklären, gibt es Krieg.

Nicht nur in Sarajevo wüteten Mladics Truppen

Der wurde bereits vorbereitet. Die bosnisch-serbischen Truppen besetzten Stellungen auf den Höhen um die bosnische Hauptstadt Sarajevo. Nachdem die Kroaten und Muslime Bosniens in einem von den Serben boykottierten Referendum für die Loslösung des Landes von Jugoslawien votiert hatten und Anfang März 1992 die Unabhängigkeit von Bosnien-Hercegovina verkündeten, brachen die Kämpfe aus. Im Mai hatte sich der serbische Belagerungsring um die bosnische Hauptstadt geschlossen. Mladics Scharfschützen feuerten von den Hügeln auf die Zivilisten der Stadt, sie zielten auf Marktplätze, Schulen, Beerdigungsprozessionen.

Doch nicht nur in Sarajevo wüteten Mladics Truppen. An vielen Orten in Bosnien, vor allem im Osten des Landes im Grenzgebiet zu Serbien, wurden Kroaten und muslimische Bosniaken durch Belgrader Freischärlertruppen sowie Soldaten unter dem Oberbefehl Mladics verfolgt, vertrieben, gefoltert oder ermordet. Zum bekanntesten dieser Schreckensorte wurde Srebrenica, wo Mladic im Juli 1995 etwa 8000 muslimische Männer und Jungen ermorden ließ. Doch Srebrenica war kein Einzelfall. Schon 1992 waren große Teile Bosnien-Hercegovinas eine Topographie des Schreckens: Die Orte der Verbrechen heißen unter anderem Bijeljina, Bratunac, Foa, Prijedor, Zvornik - es ist eine lange Liste von Ortsnamen. Auch der von Kalinovik ist darauf, denn die Heimatregion Mladics wird ebenfalls Schauplatz von Kriegsverbrechen unter seinem Oberbefehl. Die zynische Bezeichnung für das Treiben seiner Soldaten, „ethnische Säuberung“, wird in Deutschland 1992 zum Unwort des Jahres gewählt.

Doch während Mladic im bosnischen Krieg einer der Herren über Leben und Tod Tausender war, traf ihn zu Hause ein Schicksalsschlag. Das Leid, das seine Männer hunderttausendfach über Bosnien brachten, holte ihn ein - ein einziges Mal. Im Februar 1994 reiste Mladics Tochter Ana, eine Medizinstudentin, mit Kommilitonen nach Russland. Nach ihrer Rückkehr beschrieben sie Freunde als verändert, sorgenvoll, melancholisch. Im März 1994 erschießt sie sich, angeblich mit der Lieblingspistole ihres Vaters. Manche versuchten, selbst aus dieser Verzweiflungstat einer Dreiundzwanzigjährigen noch Propagandamaterial zu machen: Ana Mladic habe ihrem Leben das Ende gesetzt, weil sie „das Leid der Serben“ nicht länger ertragen könne, behaupteten serbische Nationalisten. Andere vermuteten, sie sei im Ausland mit der Wahrheit über die Untaten ihres Vaters konfrontiert worden.

Verbrechen und Ratko Mladics Name sind untrennbar verbunden

Mladic jedenfalls, dieser gegen andere so bedenkenlos grausame Mann, war erschüttert, hieß es damals aus seiner Umgebung. Er suchte Vergessen im Krieg, seinem Krieg, kehrte zurück nach Bosnien. Im Mai 1994, zwei Monate nach der Beerdigung seiner Tochter, sagt General Mladic im serbischen Fernsehen: „Wir werden nicht warten, bis sich die Muslime unter den Fittichen der UN-Truppen in ihre Schutzzonen zurückgezogen haben, um uns dann von dort aus anzugreifen. Wenn sie so weitermachen, bekommen sie eine Lektion, die sie nicht vergessen.“

Ein Jahr und zwei Monate später nahmen Mladics Leute die UN-Schutzzone Srebrenica ein, ohne dass die dort stationierten niederländischen Schutztruppen Gegenwehr leisteten. In den Monaten zuvor hatten die bosnisch-serbischen Truppen Srebrenica, einer Direktive des bosnisch-serbischen Präsidenten Radovan Karadžics folgend, systematisch angegriffen und ausgehungert. Genauso systematisch ließ General Mladi dort Männer und Jungen ab zwölf Jahren von Frauen, Kindern und Alten trennen und anschließend ermorden. Dieses Verbrechen und Ratko Mladics Name sind untrennbar verbunden.

Das Massaker von Srebrenica war der Höhepunkt und der Anfang vom Ende von Ratko Mladics Macht zugleich. Schon wenige Tage später wurde vom Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal Anklage gegen ihn erhoben. Das Massaker gab den Anstoß für ein verstärktes militärisches Eingreifen der Nato, das schließlich dazu führte, dass der Belgrader Gewaltherrscher Miloševic sich internationalem Druck beugte, so dass Ende des Jahres 1995 der Bosnien-Krieg durch das Friedensabkommen von Dayton beendet werden konnte. Ratko Mladic klammerte sich an seinen Befehlshaberposten - und musste sich doch verstecken. Fast 15 Jahre gab es nur Gerüchte über seinen Aufenthaltsort. Vergangenes Jahr wollte seine Familie ihn für tot erklären lassen. Doch er lebt und muss sich nun für seine Taten verantworten.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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