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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Peer Steinbrück Das große Duell

 ·  Anders als Gerhard Schröder kommt Steinbrück nicht von unten. Er ist ein Bürgersohn. Als Politiker fühlt er sich anderen oft überlegen. Sein Riesen-Ego spielt ihm manchmal einen Streich.

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© dapd Steinbrück spielt gern: Vor allem Schach

Wäre es nach seiner Familie gegangen, Peer Steinbrück wäre nicht Kanzlerkandidat geworden. Er habe es nicht nötig, sein politisches Leben zu krönen oder zu korrigieren, sagte die Familie, er könne mit dem, was auf seinem Zeugnis als Politiker steht, zufrieden sein. Das politische Zeugnis würde jedenfalls sicher besser ausfallen als jene, die der Schüler Peer in der Mittelstufe mit nach Hause brachte, mit Fünfen in Latein, Altgriechisch und Mathe, so dass er mehrfach sitzen blieb und die Schule wechseln musste. Warum, so sagten ihm seine Frau und seine drei erwachsenen Kinder, wolle er sich mit 65 Jahren den Strapazen eines Kandidatenmarathons stellen, mit dem Ziel, den aufreibendsten Job zu bekommen, den die deutsche Politik zu vergeben hat?

Schließlich hatte Steinbrück nach der Wahlniederlage der SPD vor vier Jahren vom Leben als Hinterbänkler im Bundestag geschwärmt, von seiner neuen Freiheit und der vielen Zeit, die er mit Büchern und Filmen zubringen könne. Den stellvertretenden SPD-Vorsitz warf er damals gleich hin, hielt eine scharfe Abrechnungsrede im Parteivorstand gegen die linken Kritiker. Adieu, ich gehe. Er hat den Abschied nicht lange ausgehalten. Steinbrück ist nun Spitzenmann der deutschen Sozialdemokraten, die er oft gnadenlos kritisiert hat.

Der Vater war Architekt

Anders als Gerhard Schröder kommt Steinbrück nicht von ganz unten, sondern wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus in einem der besseren Bezirke Hamburg auf. Der Vater war Architekt, ein eher introvertierter, wenig dominanter Mann, der aus seiner Heimat Pommern hatte flüchten müssen. Er wählte immer wieder Adenauer, erst Ende der sechziger Jahre wohl Willy Brandt. Stärker geprägt hat Steinbrück seine selbstbewusste Mutter, die auch Wurzeln in Kopenhagen hatte. Auf die dänische Verwandtschaft führt Steinbrück eine gewisse Leichtigkeit und den starken Hang zur Ironie, bisweilen zum Sarkasmus zurück, für den er bekannt ist und der in seiner Familie gepflegt wird. Steinbrücks jüngerer Bruder Birger, ein Anwalt und Personalmanager, trat in den siebziger Jahren in die FDP ein, war bis zum Ende der sozialliberalen Koalition Mitglied. Berührungsängste mit anderen Parteien hat Peer Steinbrück schon von zu Hause aus nicht.

© dpa

Wer will, kann manche seiner Wesenszüge in der Geschichte seiner Vorfahren entdecken. Die Rastlosigkeit, gepaart mit Geschäftssinn und der Neigung zur praktischen Politik, findet sich schon beim Urahnen Hugo Delbrück, der das mondäne Seebad Heringsdorf an der Ostsee aus der Taufe hob, oder bei dessen Bruder Adelbert, der die Deutsche Bank mitgründete. Auch der Leiter des Reichskanzleramts Rudolf Delbrück, über Jahre die rechte Hand Otto von Bismarcks, gehört zu diesem Kreis. Die Steinbrücks selbst waren über Generationen Diakone und Pastoren in Stettin und anderen Orten Pommerns - das Reden und der öffentliche Auftritt gehörte zu ihrem täglichen Brot.

Eine Karriere als Politiker kam für Steinbrück dennoch lange nicht in Frage. Er trat zwar während seiner Bundeswehrzeit, die er bei den Panzergrenadieren verbrachte („Da fiel mir die Luke auf den Kopf. Mancher sagt, man merkt das heute noch“), unter dem Einfluss eines Offiziers der SPD bei. Nach seinem Studium der Volkswirtschaft strebte er aber in die Ministerialverwaltung. Als Referent arbeitete Steinbrück im Bau- und im Forschungsministerium, im Kanzleramt, bei der SPD-Fraktion in Bonn, 1985 wurde er schließlich Büroleiter von Johannes Rau, dem Ministerpräsidenten in Düsseldorf. Der brauchte einen Organisator wie Steinbrück, aber auch einen Hofhund, der die verbellte, die er nicht selbst vergraulen wollte. Steinbrück konnte das.

Manche, die ihn damals erlebt haben, sagen, Steinbrück sei als politischer Kopf aufgefallen. Björn Engholm, damals Regierungschef in Kiel, holte ihn als Staatssekretär in den Norden, drei Jahre später wurde Steinbrück dort Wirtschaftsminister. Den Wandel vom Beamten zum Politiker hat er selbst so beschrieben: „Ich habe mich nicht hochgedient innerhalb der SPD, sondern bin in der Ministerialverwaltung gelandet. Irgendwann mit Anfang 40 bin ich, zu meinem eigenen Erstaunen, Staatssekretär geworden, und zu meinem noch größeren Erstaunen bin ich drei Jahre später Wirtschaftsminister eines kleinen Bundeslandes.“

Sein Riesen-Ego spielt ihm manchmal einen Streich

Steinbrück empfindet bald, dass er vielen anderen Politikern überlegen ist. Mit der resoluten Ministerpräsidentin Heide Simonis ficht er in Kiel viele Sträuße aus. Eine öffentliche Schlammschlacht liefert er sich mit dem Leiter des Schleswig Holstein Musik Festivals, Justus Frantz, wegen fehlender Millionen im Etat des berühmten Musikfestes. Frantz tritt zurück, doch Steinbrück verärgert nicht nur dessen Freund und Mitbegründer des Festivals, Altkanzler Helmut Schmidt, sondern muss am Ende in der ganzen Angelegenheit auch mächtig zurückrudern. Sein Riesen-Ego spielt ihm in solchen Situationen einen Streich. Steinbrück verliert dann seinen kühlen Kopf, verkämpft sich, ohne zu wissen, mit welchem Nutzen er aus einem Konflikt herauskommen will.

Am augenscheinlichsten wird dieser Wesenszug während seiner Zeit als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen. Steinbrück bringt die Koalition mit den Grünen, die er von seinem Vorgänger und langjährigen Freund Wolfgang Clement geerbt hat, an den Rand des Abgrunds, ohne dass es dafür einen sichtbaren Grund gibt. Wenn Steinbrück am Freitag bei seiner Kandidatenkür sagte, er habe 2005 die Wahl in Nordrhein-Westfalen verloren, weil die dortige rot-grüne Koalition nicht mehr attraktiv gewesen sei, so vergaß er zu erwähnen, dass das nicht zuletzt an ihm selbst lag.

Klare Kante geht anders

So hart und konsequent wie Steinbrück tut, ist er nicht. Als stellvertretender SPD-Chef hat er die Nominierung von Gesine Schwan zur Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin ebenso mitgetragen wie den Beschluss zur Verlängerung des Arbeitslosengeldes I - obwohl er in beiden Fällen strikt dagegen war. Und im Frühjahr 2009 stimmte er als Finanzminister der Rentengarantie zu, die Arbeitsminister Olaf Scholz vorgeschlagen hatte. Danach dürfen die Renten nicht sinken, selbst wenn die Löhne es tun. Es ist, wie Steinbrück heute zugibt, ein Tabubruch, weil die Schutzklausel allein die Rentner begünstigt. Doch Steinbrück verzichtet auf ein Veto. Man kann das als die notwendige Kompromissfähigkeit eines Politikers sehen. Klare Kante geht allerdings anders.

Steinbrück spielt gern. Vor allem Schach, für einen Amateur spielt er gut, im Zweifelsfall aber zu offensiv. Tennis mag er auch. Mannschaftssportarten mag er nicht. Er liebt das Duell. Mann gegen Mann. Oder Mann gegen Frau.

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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