Uwe Holmer ist noch immer viel unterwegs, meist zu Familientreffen, Lesungen und Vorträgen. 591.000 Kilometer hatte sein letztes Auto auf dem Tacho, „ein schnittiger Schlitten“, wie er sagt, aber irgendwann wurde ihm das Ein- und Aussteigen zu beschwerlich. Also hat er jetzt einen höhergelegten Wagen. Holmer bedauert das sehr, aber das häufige Reisen, auch zu den fünfzehn Kindern - zehn eigene und fünf von seiner heutigen Frau Christine - sowie zu den mittlerweile 61 Enkeln fordert Tribut. Einmal im Jahr, im Sommer, veranstalten Holmers eine „Enkelfreizeit“, fünf Tage lang ist dann Trubel im und rund um das kleine Pfarrhaus. Die kleinsten Enkel übernachten im Haus, die großen zelten draußen auf der Wiese mit Blick auf den von Weiden und Schilf umgebenen Serrahner See.
Seit mehr als zwanzig Jahren lebt der 83 Jahre alte Pastor wieder in Mecklenburg, in Serrahn, einem Dorf direkt an der Autobahn Rostock-Berlin. Er liebt die weite Landschaft, die knorrigen Weidenbäume und jetzt im Winter die schneebedeckten Felder und das Grau des Himmels, hinter dem sich an diesem Nachmittag die Sonne streifenweise blassrosa zeigt.
Freundlich zu den Honeckers
Die Holmers sind zuvorkommende Gastgeber, der Kaffeetisch ist reich gedeckt mit Keksen, Kuchen und Schokolade, doch bevor Uwe Holmer auffordert, zuzugreifen, spricht er ein Tischgebet. Das gehört für ihn seit jeher dazu. Ausnahmen gab und gibt es keine.
Auch nicht damals, am 30. Januar 1990. Da standen auf einmal Margot und Erich Honecker vor seiner Tür. Uwe und Sigrid Holmer, seine erste Frau, die 1995 starb, saßen später mit ihnen am Abendbrottisch. „Herr Honecker, wir sind es gewohnt, bei Tisch zu beten“, sagte Uwe Holmer. „Ja, bitte, ich kenne das, ich war mal bei Bauern in Pommern, da wurde auch gebetet“, hat Honecker geantwortet.
„Die ganze Situation war Honeckers wohl auch peinlich, aber wir waren zu ihnen freundlich, und sie waren dankbar, dass wir sie aufgenommen hatten“, sagt Holmer heute. Freundlich zu den Honeckers? Ausgerechnet bei der Kirche suchten und fanden der einstige Staatsratsvorsitzende und die ehemalige Volksbildungsministerin, damals 77 und 62 Jahre alt, Asyl. Der ehemalige Parteichef und der Pastor unter einem Dach - es war die vielleicht ungewöhnlichste Wohngemeinschaft der Republik. Und es war eine der kuriosesten Entwicklungen in der an kuriosen Ereignissen wahrlich nicht armen Zeit am Ende der „Dtschn Demkratschn Reblik“, wie Honecker sie immer genannt hatte, in der ein Geheimdienstchef öffentlich seine Liebe zum Volk bekannte oder ein DDR-Wehrdienstverweigerer zum DDR-Verteidigungsminister ernannt wurde.
Am Ende blieben zwei Fragen
Die Liebe der SED-Genossen zu ihrem langjährigen Chef aber war binnen kürzester Zeit erkaltet. „Die Partei war vollkommen abgetaucht“, erinnert sich Uwe Holmer. Um den Jahreswechsel 1989/90 fragte deshalb die Kirchenleitung, an die sich Honeckers Anwalt Wolfgang Vogel in höchster Not gewandt hatte, bei Holmer an, ob er dem Ehepaar zeitweise Unterkunft gewähren könne. Die Funktionärssiedlung in Wandlitz, in der Honecker und die Mitglieder des SED-Zentralkomitees jahrzehntelang unter sich gelebt hatten, wurde zum 31. Januar 1990 aufgelöst, eine Mietwohnung in Berlin aber, die Honeckers angeboten wurde, war genauso wenig sicher vor dem Zorn des Volkes wie andere Unterkünfte, die zuvor als Asyl-Objekte geprüft worden waren.
„Wie komme ich denn dazu?“ war Holmers erste Reaktion. Er war seit 1983 Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Bernau, einem kleinen Ort nordöstlich von Berlin. Hier hatte Anfang des 20. Jahrhunderts der Bielefelder Pastor Friedrich von Bodelschwingh, der als westfälischer Abgeordneter im Preußischen Landtag auch das Elend in der Großstadt wahrnahm, eine Arbeiterkolonie errichtet, um Obdachlosen Arbeit, Unterkunft und Brot zu bieten. In der DDR war Lobetal eine der größten diakonischen Anstalten mit etwa 1200 Bewohnern und 550 Mitarbeitern, die sich vorwiegend um alte, geistig behinderte und epilepsiekranke Menschen kümmerten.
Als christliches Dorf bot Lobetal einen gewissen Schutz, allerdings waren sowohl alle Heimplätze als auch Personalwohnungen komplett belegt. Allein für das Altersheim gab es 60 Voranmeldungen, zudem warteten Mitarbeiter sehnsüchtig auf freie Personalunterkünfte. „Honeckers vorzuziehen, hätte erneut Privilegien bedeutet und Unmut erzeugt“, sagt Holmer. Also holte er sich Rat bei seinen leitenden Mitarbeitern, doch alle waren strikt dagegen. Drei Stunden lang diskutierten sie, am Ende blieben zwei Fragen. Können wir weiter glaubhaft beten: Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern? Und was ist mit Bodelschwinghs Auftrag, keinen Obdachlosen abzuweisen? „Honecker war jetzt auch obdachlos“, sagt Holmer. „Ihn abzuweisen, hätte unseren Glauben und die Bestimmung unseres Werkes verraten.“
Die Verbrechen der vergangenen Jahrzehnte nicht vergessen
Mit Zustimmung seiner Mitarbeiter beschloss der Pastor, die Honeckers bei sich im Pfarrhaus unterzubringen; seine acht großen Kinder waren bereits aus dem Haus, nur die zwei jüngsten Söhne wohnten noch daheim. Sie, die bisher das Obergeschoss für sich allein hatten, zogen nun zusammen, damit zwei Zimmer für die Honeckers frei wurden. Für die Jungs war es ein Abenteuer; draußen am Zaun stand die Boulevardpresse und versprach ihnen teure Fotoapparate im Tausch gegen Bilder des gestürzten Staatschefs, was ihr Vater ihnen jedoch strikt verbot. Aber auch die Proteste nahmen zu - Demonstrationen vor dem Haus, Bombendrohungen per Post und wüste Beschimpfungen am Telefon.
Warum nahm Uwe Holmer das alles auf sich? „Es ist eigenartig, aber mir tat dieser Mann leid.“ Schon Wochen zuvor hatte Holmer trotz allen Hochgefühls über die friedliche Revolution mit Sorge beobachtet, wie die Menschen nun miteinander umgingen. „Ich hielt es für verlogen, alle Schuld auf Honecker zu schieben, nur um sich reinzuwaschen.“ Dass es nur einer gewesen sein sollte, das hatte er schon einmal nach dem Krieg erlebt. Dabei hatten doch damals wie jetzt auch wieder fast alle bis zum Schluss mitgemacht. Waren nicht noch am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, Zehntausende Funktionäre, Staatsdiener, Lehrer, Arbeiter und Angestellte jubelnd an Honecker vorbeimarschiert? Und auf einmal wurde er selbst von seinen angeblich treuesten Genossen verstoßen.
Holmer hatte die Verbrechen der vergangenen Jahrzehnte nicht vergessen. Er stammt aus Mecklenburg und erlebte hautnah mit, wie Pensionen und Hotels an der Ostseeküste enteignet wurden, er erinnerte sich genau, wie Betriebe entschädigungslos verstaatlicht, Bauern in Genossenschaften gezwungen und Menschen grundlos verhaftet wurden. Dann die Teilung des Landes, die Schüsse an der Mauer, die Verseuchung der Umwelt und nicht zuletzt der ständige Druck auf die Kirche, die Schikanen, denen Gläubige ausgesetzt waren, bis hin zu seiner eigenen Familie.
Wenn mein Feind krank ist, ist er nicht mehr mein Feind
Seinen Kindern wurden trotz sehr guter Leistungen Abitur und Studium verwehrt. Holmers Eltern und Geschwister waren bereits 1953 in den Westen geflohen, weil der Vater wegen kirchlichen Engagements seinen Job als Büroangestellter verloren hatte. Holmer blieb als einziger aus der Familie in der DDR, weil er das Gefühl hatte, dass Pastoren gebraucht wurden. Als der Vater viele Jahre später in seiner neuen Heimat in Recklinghausen im Sterben lag, durfte Holmer ihn nicht besuchen. Er bekam die Reiseerlaubnis erst, als es zu spät war. Im September 1989 schließlich flüchtete sein drittjüngster Sohn über Ungarn in den Westen. Später erfuhr Holmer, dass allein in Lobetal acht Stasi-Spitzel über seine Arbeit und Privates berichtet hatten.
Und nun saß der Mann, der für all das verantwortlich war, leibhaftig, wenn auch schwer krank und gezeichnet von einer gerade überstandenen Krebsoperation, gemeinsam mit seiner Frau bei ihnen daheim in Lobetal am Tisch. Ist so viel Nächstenliebe nicht zu viel verlangt?
Holmer sagt, dass er immer zwischen Mensch und Politik unterschieden habe. Als der Ablassprediger Johann Tetzel krank darniederlag, soll Martin Luther, sein ärgster Gegner, gesagt haben: Wenn mein Feind krank ist, ist er nicht mehr mein Feind. „Und so ging es mir mit Honecker. Er konnte mir ja nichts mehr tun. Ich sah ihn als Mensch, und ich hatte ihm vergeben.“ Holmer ist dafür heftig kritisiert worden, aber er entgegnet, dass er Honecker damit nicht amnestiert habe. „Er musste sich schon selbst für das verantworten, was er getan hat, aber ich wollte den Groll gegen ihn nicht länger in meinem Herzen tragen. Die Vergebung machte mir das leichter.“
Honecker verfolgte die politische Entwicklung im Fernsehen
Honeckers zogen mit Handgepäck in die zwei möblierten Zimmer mit Waschgelegenheit unter dem Dach; ein paar Tage darauf brachte eine Hausangestellte aus Wandlitz noch einen Teppich und einen Fernseher. Holmers rechneten mit 14 Tagen Aufenthalt, am Ende wurden es zehn Wochen. Anfangs aßen sie Frühstück, Mittag und Abendbrot gemeinsam, später bekamen die Honeckers eine eigene Kochnische. „Ich merkte, dass ihnen das lieber war und sie uns nicht über Gebühr zur Last fallen wollten.“ Zu Besuch kamen lediglich Honeckers Tochter Erika aus erster Ehe sowie häufiger auch die gemeinsame Tochter Sonja, die ihren Sohn und vor allem Einkäufe mitbrachte.
Die Wohnung verließen sie meist im Schutz der Dunkelheit für Spaziergänge ums Haus oder um den nahe gelegenen See. Honeckers Arzt hatte Holmer gebeten, täglich mit seinem Gast an die frische Luft zu gehen. Honecker sprach dabei oft über seine Jugend und seine Haft in Brandenburg, aber so gut wie nie über Politik. „Dazu hat er sich nie geäußert, und ich sollte ihn ja auch nicht aufregen.“ Einmal erwähnte Holmer, dass er Gorbatschow fantastisch findet. „Wieso-!?“, habe Honecker in eisernem und eisigem Ton zurückgefragt, aber auf Holmers Erläuterung nichts erwidert.
Tagsüber saß Erich Honecker in seinem zum Garten hin gelegenen Zimmer vor dem Fernseher und verfolgte die politische Entwicklung, guckte alles von „Tagesschau“ bis „Talk im Turm“. Er sah, wie die Stasi-Zentralen besetzt wurden, wie der runde Tisch die Regierung kontrollierte und wie am 18. März die „Allianz für Deutschland“ haushoch die Volkskammerwahl gewann. „An dem Abend war ich kurz oben bei ihm“, erzählt Holmer. „Honecker stand auf, gab mir die Hand und sagte: ,Ich gratuliere Ihnen zum Wahlsieg der CDU.’“ An der Wahl selbst hatten Honeckers nicht teilgenommen.
Der letzte Winkel des Sozialismus auf deutschem Boden
„Ich habe gehofft, dass er vielleicht mal sagt: ,Wiedervereinigung, in Ordnung, ich bin ja auch Deutscher’, aber da kam nichts“, sagt Holmer. Der verlorene Sozialismus war für Honecker das Hauptproblem, alles, wofür er ein Leben lang gekämpft hatte, wurde in seinen Augen nun zurückgedreht.
Über die Straße in Lobetal war ein Transparent mit den Worten „Nie wieder Sozialismus“ gespannt, auf Schildern forderten Demonstranten „Keine Gnade für Honecker“, beschimpften Holmer als „roten Pastor“ und drohten, das Pfarrhaus zu stürmen. Immer wieder mischte er sich deshalb mit seiner Frau und Mitarbeitern unter die aufgebrachte Menge; sie erläuterten, ja predigten fast, dass auch sie sich hatten überwinden müssen, aber nun darum bitten, ihr Handeln zu respektieren, dass Hass nicht weiterführe und doch Freude und Dankbarkeit über die Wende überwiegen sollten. „Was hätte es denn genutzt, jemanden totzuschlagen?“ Die Polizei hatte ihm, sozusagen zur Selbstverteidigung, ein Megafon gegeben, aber er hat es nie benutzt, meistens konnten sie mit Gesprächen die Wogen glätten. Darüber hinaus warb Holmer in einem offenen Brief um Verständnis. „Vergebung ist kein leichtes Ding. Das Unrecht ist eine Wirklichkeit“, schrieb er. Aber „erschreckend ist es für uns, wie hasserfüllt manche Menschen reagieren. Wir halten das für keine gute Ausgangsbasis für einen Neuanfang in unserem Volk“.
Wie aufgeheizt die Stimmung tatsächlich war, zeigte sich, als Honeckers nach acht Wochen plötzlich in das Regierungsgästehaus nach Lindow bei Neuruppin umquartiert und dort von einer aufgebrachten Menge beinahe gelyncht wurden. Die Fernsehbilder mit den auf das Autodach der Flüchtenden trommelnden Einwohner gingen um die Welt. Einen Tag später war das Problempaar zurück in Lobetal, um nach weiteren zwei Wochen schließlich am 3. April einen Unterschlupf im zentralen Militärhospital der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland in Beelitz südwestlich von Berlin zu finden, zu der Zeit wohl der letzte Winkel des Sozialismus auf deutschem Boden.
Verhasste Volksbildungsministerin
Holmer hatte Honecker stets als fanatischen Sozialisten wahrgenommen, er hielt ihn aber nicht für so brutal wie Ceausescu oder Breschnew. So habe sich nach Ulbrichts Ablösung durch Honecker 1971 für die Kirche doch auch manches zum Guten verändert. Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge etwa waren wieder zugelassen, zudem sei der Staat für die Schulden der kirchlichen Sozialeinrichtungen aufgekommen, die Anfang der siebziger Jahre vor dem finanziellen Kollaps standen. „Kirche war zwar offiziell weiter schlecht, aber als Kümmerer wurde sie eben gebraucht.“
Unabhängig davon hatten sich für Honecker, das Bergarbeiterkind aus dem Saarland, das mit seinen Geschwistern in einem Bett schlafen musste, im DDR-Sozialismus nahezu alle Träume erfüllt - die Menschen hatten zu essen, etwas anzuziehen, eine Wohnung und ein Bett für jedes Kind; mehr Ansprüche hatte er nicht. Öffentliche Termine, auf denen er die zehntausendste, fünfzigtausendste, hunderttausendste Neubauwohnung an eine Familie übergeben konnte, waren für ihn unübersehbar ein Fest. Dass das nicht alles war, wonach sich die Leute sehnten, dass die Altbauten in den Innenstädten einstürzten und potemkinsche Dörfer gebaut wurden, wollte er nicht wahrhaben. Holmer wollte es ihm schonend beibringen. „Aber da war überhaupt kein Rankommen.“
Und Frau Honecker, die verhasste Volksbildungsministerin, die wegen ihrer Haarfarbe auch „lila Drachen“ genannt wurde? In der Kirche war Margot Honecker als noch fanatischer als ihr Mann verschrien. Mehrfach hatten die Bischöfe um Gespräche mit ihr gebeten über den Zwang zur Jugendweihe, die Zustände in den Jugendwerkhöfen, den Wehrkundeunterricht an Schulen, wo Schießen auf dem Lehrplan stand. „Sie hat darauf nie reagiert“, sagt Holmer, der sie als kaltherzig und arrogant wahrgenommen hatte, in der Zeit des Zusammenwohnens mit ihr aber vom Gegenteil überrascht wurde. „Sie war freundlich, half meiner Frau im Haushalt und wischte sogar die Treppe.“
Für Holmer gibt es zwei Margot Honeckers
Die feudelnde Volksbildungsministerin muss ein Kulturschock für die Holmers gewesen sein. Uwe Holmer sagt, er könne sich ihr Verhalten heute nur mit dem totalen Machtverlust und der völligen Hilflosigkeit erklären. „Sie hat wohl wiederentdeckt, dass sie aus einfachen Verhältnissen kam.“ Margot Honecker war es dann auch, die darauf drang, Miete für die Ein-Zimmer-Wohnung in Lobetal zu zahlen; das Geld leitete der Pastor jedoch genauso an die Anstalt weiter wie die Spenden, die Honeckers auch erreichten. „Da kamen immer wieder mal Briefe mit 20 Mark für die beiden, aber sie haben das nie angenommen, sondern immer an mich weitergereicht.“
In Gesprächen mit Holmers Frau öffnete sich Margot Honecker ab und an und gab zu, dass man Fehler gemacht habe, aber nicht alles falsch gewesen sei. Als Sigrid Holmer ihr erzählte, dass ihre Kinder nicht studieren durften, sagte sie nur: Das habe ich nicht gewusst. „Natürlich hat sie den Fall nicht gekannt“, sagt Holmer. „Aber sie hat doch die Direktive gegeben.“ Doch Einsicht, Reue oder gar Entschuldigung sind Vokabeln, die in Margot Honeckers Wortschatz bis heute nicht vorkommen. Als sie im vergangenen Jahr dem deutschen Fernsehen ein Interview gab, hat Holmer nur den Kopf geschüttelt über ihre Aussagen zur DDR. Richtig übel genommen hat er ihr den Satz über die Mauertoten, die selbst schuld seien an ihrem Schicksal. „Wie kann man so hartherzig sein?“
Für Holmer gibt es deshalb zwei Margot Honeckers, die politische aus dem Interview und die private, die ihm bis heute jedes Jahr eine Karte mit Weihnachtsgrüßen nach Serrahn schickt, stets unterschrieben mit „Ihre dankbare Margot Honecker“. Sie hat wohl verstanden, wie viel er damals mit ihrer Aufnahme riskiert hat. Andere machten sich eine schlanken Fuß. Hans Modrow zum Beispiel, Anfang 1990 Ministerpräsident, bekannte erst viel später, damals im Fall Honecker falsch gehandelt zu haben.
„Nicht das System ist schuld, sondern immer der Mensch
Und Uwe Holmer? „Ich war kein Held“, sagt er. „Aber mir war wichtig, dass ich jemanden schütze, der sich unserem Asyl anvertraut hat. Und ich würde es wieder tun.“ 1991 hat Holmer Lobetal verlassen, um in Serrahn die Selbsthilfe- und Begegnungsstätte für Alkoholkranke unter dem Dach der Kirche in die neue Zeit zu führen. Anfang 1993 sah er Honecker noch einmal in der Moabiter Untersuchungshaft. „Da war er schon sehr krank und sagte mir: ,Nun kommt wohl bald die Zeit, wo ich diese Erde verlassen muss.’“ Von Honeckers Tod im Mai 1994 im chilenischen Exil erfuhr Holmer dann aus der Zeitung.
Wissen seine Enkel heute eigentlich, wer Erich Honecker war? „Ja, schon“, sagt er dann und auch, dass ihr Interesse daran nicht allzu groß sei. Es ist ja alles schon 23 Jahre her. Holmer freut sich, wenn ihm seine Enkel heute aus Amerika, Rumänien oder von den Philippinen schreiben. Er sei glücklich über die Freiheit, auch wenn damit nicht alles gut sei. „Honecker hat mir mehrmals gesagt: ,Die Leute werden sich noch wundern. Der Kapitalismus hat eine Raubtiernatur.’“ Da sei ja auch was dran, sagt Holmer und zählt auf: Egoismus, Konkurrenzkampf, Geldgier, Armut. „Nur ist daran eben nicht das System schuld, sondern immer der Mensch.“
Lob für die Redaktion
Svenja Sirisee (Sirisee)
- 27.01.2013, 19:45 Uhr
War das damals evtl. die bequemere Lösung?
Michael Meier (never1)
- 27.01.2013, 15:49 Uhr
Warum
Reinhard Lammering (hythlodaeus)
- 27.01.2013, 14:07 Uhr
Ein entschiedenes Ja zu geisteswissenschaftlicher und musischer Bildung!
Eckart Härter (Leser3000)
- 27.01.2013, 12:46 Uhr
Wendezeit
Dennis Sieberman (Sieberman)
- 27.01.2013, 12:11 Uhr
