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Obdach für ehemaliges Staatsoberhaupt Honecker ante portas

Ende Januar 1990 waren Erich und Margot Honecker plötzlich obdachlos. Sie suchten und fanden Hilfe - bei der Kirche. Doch nur der Lobetaler Pastor Uwe Holmer gewährte ihnen Asyl. Das ist seine Geschichte.

© Matthias Lüdecke Vergrößern Zuvorkommender Gastgeber: Uwe Hollmer, heute 83, in Serrahn

Uwe Holmer ist noch immer viel unterwegs, meist zu Familientreffen, Lesungen und Vorträgen. 591.000 Kilometer hatte sein letztes Auto auf dem Tacho, „ein schnittiger Schlitten“, wie er sagt, aber irgendwann wurde ihm das Ein- und Aussteigen zu beschwerlich. Also hat er jetzt einen höhergelegten Wagen. Holmer bedauert das sehr, aber das häufige Reisen, auch zu den fünfzehn Kindern - zehn eigene und fünf von seiner heutigen Frau Christine - sowie zu den mittlerweile 61 Enkeln fordert Tribut. Einmal im Jahr, im Sommer, veranstalten Holmers eine „Enkelfreizeit“, fünf Tage lang ist dann Trubel im und rund um das kleine Pfarrhaus. Die kleinsten Enkel übernachten im Haus, die großen zelten draußen auf der Wiese mit Blick auf den von Weiden und Schilf umgebenen Serrahner See.

Seit mehr als zwanzig Jahren lebt der 83 Jahre alte Pastor wieder in Mecklenburg, in Serrahn, einem Dorf direkt an der Autobahn Rostock-Berlin. Er liebt die weite Landschaft, die knorrigen Weidenbäume und jetzt im Winter die schneebedeckten Felder und das Grau des Himmels, hinter dem sich an diesem Nachmittag die Sonne streifenweise blassrosa zeigt.

Freundlich zu den Honeckers

Die Holmers sind zuvorkommende Gastgeber, der Kaffeetisch ist reich gedeckt mit Keksen, Kuchen und Schokolade, doch bevor Uwe Holmer auffordert, zuzugreifen, spricht er ein Tischgebet. Das gehört für ihn seit jeher dazu. Ausnahmen gab und gibt es keine.

Pfarrer Uwe Holmer, Leiter der Hoffnungstaler Anstalten „Die Honeckers abzuweisen, hätte unseren Glauben und die Bestimmung unseres Werkes verraten“: Holmer 1990 vor seinem Haus in Lobetal © epd Bilderstrecke 

Auch nicht damals, am 30. Januar 1990. Da standen auf einmal Margot und Erich Honecker vor seiner Tür. Uwe und Sigrid Holmer, seine erste Frau, die 1995 starb, saßen später mit ihnen am Abendbrottisch. „Herr Honecker, wir sind es gewohnt, bei Tisch zu beten“, sagte Uwe Holmer. „Ja, bitte, ich kenne das, ich war mal bei Bauern in Pommern, da wurde auch gebetet“, hat Honecker geantwortet.

„Die ganze Situation war Honeckers wohl auch peinlich, aber wir waren zu ihnen freundlich, und sie waren dankbar, dass wir sie aufgenommen hatten“, sagt Holmer heute. Freundlich zu den Honeckers? Ausgerechnet bei der Kirche suchten und fanden der einstige Staatsratsvorsitzende und die ehemalige Volksbildungsministerin, damals 77 und 62 Jahre alt, Asyl. Der ehemalige Parteichef und der Pastor unter einem Dach - es war die vielleicht ungewöhnlichste Wohngemeinschaft der Republik. Und es war eine der kuriosesten Entwicklungen in der an kuriosen Ereignissen wahrlich nicht armen Zeit am Ende der „Dtschn Demkratschn Reblik“, wie Honecker sie immer genannt hatte, in der ein Geheimdienstchef öffentlich seine Liebe zum Volk bekannte oder ein DDR-Wehrdienstverweigerer zum DDR-Verteidigungsminister ernannt wurde.

Am Ende blieben zwei Fragen

Die Liebe der SED-Genossen zu ihrem langjährigen Chef aber war binnen kürzester Zeit erkaltet. „Die Partei war vollkommen abgetaucht“, erinnert sich Uwe Holmer. Um den Jahreswechsel 1989/90 fragte deshalb die Kirchenleitung, an die sich Honeckers Anwalt Wolfgang Vogel in höchster Not gewandt hatte, bei Holmer an, ob er dem Ehepaar zeitweise Unterkunft gewähren könne. Die Funktionärssiedlung in Wandlitz, in der Honecker und die Mitglieder des SED-Zentralkomitees jahrzehntelang unter sich gelebt hatten, wurde zum 31. Januar 1990 aufgelöst, eine Mietwohnung in Berlin aber, die Honeckers angeboten wurde, war genauso wenig sicher vor dem Zorn des Volkes wie andere Unterkünfte, die zuvor als Asyl-Objekte geprüft worden waren.

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