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Zum Tod von Elie Wiesel : Mahnende Stimme für eine bessere Welt

Elie Wiesel Bild: Polaris/laif

Die Vergangenheit hat Elie Wiesel nie losgelassen, sie nahm ihn aber auch nicht gefangen. Für den Holocaust-Überlebenden, Friedensnobelpreisträger und Buchautoren bedeutete sie die Verpflichtung, bis zuletzt an einer besseren Welt zu arbeiten.

          Seine Eltern liegen auf keinem Friedhof. Das Grab seines Vaters sei „irgendwo dort oben im Himmel“, sagte Elie Wiesel, als er vor sieben Jahren mit dem amerikanischen Präsidenten Obama das ehemalige Konzentrationslager in Buchenwald besuchte. In ihrer Baracke konnte sein Vater Schlomo krank und entkräftet das Bett über ihm nicht mehr verlassen. „Er rief nach mir, und ich hatte zu viel Angst, um mich zu bewegen. Dann starb er. Ich war da, als er starb, aber ich war eben nicht da“, erinnerte sich Elie Wiesel in Buchenwald. Er war 17 Jahre alt, als die Amerikaner wenige Wochen später im April 1945 das Lager befreiten. Seine Mutter Sara und seine jüngste Schwester Zipora waren schon in Auschwitz ermordet worden.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Vergangenheit hat Elie Wiesel nie mehr losgelassen, sie nahm ihn aber auch nicht gefangen. Für ihn bedeutete sie die Verpflichtung, bis zuletzt an einer besseren Welt zu arbeiten. „Wir wollen nicht mehr auf Friedhöfe gehen. Es reicht. Es gibt genug Waisen, genug Opfer“, wünschte er sich in seiner Rede im Juni 2009 in Buchenwald. Dabei machte er sich wenig Hoffnungen, dass es jemals soweit kommen würde: Wenn die Welt ihre Lektion wirklich gelernt hätte, hätte es keine Genozide in Ruanda und Darfur gegeben, sagte Wiesel in dem ehemaligen Konzentrationslager und blickte zu Obama und Bundeskanzlerin Merkel, die ihm zuhörten. Weder ein schwerer Unfall noch eine längere Krankheit am Ende seines Lebens ließen seine mahnende Stimme verstummen.

          „Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten.“

          Elieser Wiesel, der 1928 im rumänischen Transsilvanien in eine chassidische Familie geboren wurde, sollte eigentlich Rabbiner werden. Aber seinen Glauben verlor er schon im Alter von 14 Jahren. Im Frühjahr 1944 wurde seine Familie ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Dort mussten er und sein Vater im Buna-Werk arbeiten, bevor beide auf einen der Todesmärsche nach Buchenwald geschickt wurden. Nach der Befreiung des Lagers ging Wiesel nach Frankreich, wo er an der Sorbonne studierte und als Journalist zu arbeiten begann. Der französische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger François Mauriac ermutigte ihn aufzuschreiben, was er in Auschwitz und Buchenwald erlebt hatte. Er tat es auf Jiddisch und gab seinem ersten Buch den Titel „Un die Welt hot geschwign“. Auf Deutsch wurde der autobiografische Roman als „Die Nacht“ bekannt.

          „Nie werde ich diese Nacht vergessen. Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten. Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, so lange wie Gott zu leben. Nie“, schreibt er in dem 1958 erschienenen Buch, das Teil einer Trilogie wurde. „Die Nacht“ wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft; in Amerika sind es immer noch jedes Jahr 300.000 Exemplare. Insgesamt hat Wiesel mehr als 40 Romane, Essays und Theaterstücke geschrieben. Er befasste sich nicht nur mit der Vergangenheit, sondern setzte sich auch mit der Frage auseinander, was es bedeutet, heute Jude zu sein und ob es trotz des Holocaust einen Gott gebe. Seine religiöse Prägung wurde in seinen Porträts biblischer Gestalten und chassidischer Gelehrter erkennbar. In den Vereinigten Staaten, wo er seit Anfang der sechziger Jahre lebte und bald die Staatsangehörigkeit erhielt, lehrte er an der Universität in Boston und war auch als Literaturkritiker tätig.

          Aber Wiesel verstand sich nicht nur als Autor und Gelehrter. Der damalige amerikanische Präsident Jimmy Carter ernannte ihn 1979 zum Vorsitzenden des „Holocaust Memorial Council“. Wiesel ließ sich jedoch nicht auf dieses Thema beschränken. Kurz nachdem er 1986 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war, gründete er zusammen mit seiner Frau die „Elie Wiesel Foundation for Humanity“. Ziel der Stiftung ist es, durch Dialog und Jugendarbeit Gleichgültigkeit, Intoleranz und Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Durch den Spekulanten Bernard Madoff verlor die Stiftung 15 Millionen Dollar.

          Gespaltenes Verhältnis zu Obama

          Furchtlos und mit deutlichen Worten beteiligte sich Wiesel an vielen politischen Debatten. Er kritisierte den Besuch des damaligen Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, auf dem auch zahlreiche SS-Mitglieder bestattet sind. Er rief dazu auf, den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad vor Gericht zu stellen, forderte die internationale Gemeinschaft auf, in der westsudanesischen Krisenprovinz Darfur einzugreifen und appellierte an den amerikanischen Präsidenten George W. Bush, auf Folter bei Verhören zu verzichten.

          Elie Wiesel im KZ Buchenwald im April 1945
          Elie Wiesel im KZ Buchenwald im April 1945 : Bild: dpa

          Zu Bushs Nachfolger Obama, auf den er große Hoffnungen setzte, unterhielt Wiesel eine wechselhafte Beziehung. Obamas Amtseinführung bezeichnete er als einen der freudigsten Tage in seinem Leben. Dennoch stimmte er mit ihm oft nicht überein. Bei einem gemeinsamen Auftritt im Washingtoner Holocaust-Museum sagte er angesichts des andauernden Bürgerkriegs in Syrien: „An diesem Ort müssen wir uns fragen: Haben wir denn nichts gelernt? Wie kann es sein, dass (Präsident) Assad noch immer an der Macht ist?“ Wiesel, den man in Israel vergeblich zu überreden versuchte, Staatspräsident zu werden, hatte den Bau des Museums maßgeblich vorangetrieben. Über dessen Eingang stehen in Stein gemeißelt seine Worte: „Für die Toten und die Lebenden: Wir müssen Zeugnis ablegen.“ Elie Wiesel starb am Samstag im Alter von 87 Jahren in New York.

          Mit 87 Jahren : Holocaust-Überlebender und Friedensnobelpreisträger Wiesel ist tot

          Quelle: F.A.Z.

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