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Kriegsverbrecher : Die Märchen des Max Merten

Gerichtssaal in Athen: Merten werden zu Prozessbeginn 1959 die Handschellen abgenommen. An Händen, Arm, Ohr und Mund sind Retuschen zu erkennen, die die Bildqualität verbessern sollen. Sie stammen von der Nachrichtenagentur AP, die das Foto damals verbreitete Bild: Ullstein

Der Statthalter der Wehrmacht in Thessaloniki trug dazu bei, dass Tausende Juden deportiert wurden. Mit abenteuerlichen Geschichten versuchte er, sich aus der Affäre zu ziehen. Viele glaubten ihm.

          Sein Name stand auf der griechischen Kriegsverbrecher-Fahndungsliste. Aber Dr. Max Merten war sich trotzdem sicher, dass er nicht verhaftet werden würde, als er im April 1957 nach Athen flog, um bei Gericht für seinen ehemaligen Übersetzer und Freund aus der Besatzungszeit auszusagen. Als Statthalter der Wehrmacht in Thessaloniki hatte Merten fünfzehn Jahre davor dazu beigetragen, dass dort mehr als 50.000 Juden ausgeraubt und deportiert wurden - fast die gesamte jüdische Gemeinde.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Merten war damals „nur“ Kriegsverwaltungsrat, doch der 31 Jahre alte Jurist konnte in Thessaloniki weitgehend nach eigenem Gutdünken schalten und walten. In Verhandlungen gab er sich als „heimlicher Freund der Juden“. Ende 1942 versprach er der jüdischen Gemeinde, neuntausend Männern die Zwangsarbeit zu erlassen. Schließlich forderte er im Namen der deutschen Behörden ein horrendes Lösegeld. Die Zwangsarbeiter kamen zunächst frei - aber 1943 wurden auch sie nach Auschwitz transportiert.

          Es war Merten, der entscheidende Befehle und Anordnungen unterzeichnete: zur Kennzeichnung der Juden und ihrer „Umsiedlung“, zum Aufbau einer „Abwicklungstelle für das jüdische Barvermögen sowie die jüdischen Wertgegenstände“, zur Übertragung des Vermögens auf den griechischen Staat. Auch zwölf Tonnen Gold sollen die Deutschen in Thessaloniki erbeutet haben, das sie bei der „Aktion zur Stabilisierung der griechischen Währung“ einsetzten.

          Merten leugnete seine Schuld. Unbehelligt arbeitete er seit 1950 als Anwalt. Als er im Frühjahr 1957 das erste Mal seit seiner Zeit als Statthalter wieder nach Griechenland reisen wollte, erkundigte er sich aber doch sicherheitshalber bei griechischen und deutschen Behörden. Übereinstimmend signalisierten sie ihm: Die Fahndung nach Kriegsverbrechern ist in Griechenland nach wie vor ausgesetzt.

          Merten manipulierte die Medien, wie er wollte

          Doch kaum hatte Merten am 26. April 1957 in Athen seine Aussage gemacht, nahmen griechische Beamte ihn fest. Nach einem von griechischen und deutschen Medien intensiv verfolgten Prozess wurde er im März 1959 zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Nur acht Monate später ließ die griechische Regierung ihn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach München ausfliegen. Der Fall sollte die deutsch-griechischen Beziehungen nicht weiter belasten. Das tat er dann aber doch. Denn Merten begann mit atemberaubenden Behauptungen einen Rachefeldzug, der in beiden Ländern Aufsehen erregte.

          Viele prominente Namen spielen im Fall Merten eine Rolle: Hans Globke, Adenauers Kanzleramtschef; Adolf Eichmann, Organisator der Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager; Konstantinos Karamanlis, griechischer Premierminister; Gustav Heinemann, Rechtsanwalt, Innen- und Justizminister und später Bundespräsident; Diether Posser, Strafverteidiger und später Landesminister in Nordrhein-Westfalen. Geheimdienste in Ost- und Westdeutschland verfolgten den Fall aufmerksam. Und wie Recherchen der F.A.S. ergaben, stellte sogar der amerikanische Auslandsnachrichtendienst CIA Erkundungen an, als die Sache eine Staatsaffäre zu werden schien.

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