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Christiane Woopen : Sturmerprobte Katholikin

Denkt liberal: die Vorsitzende des Ethikrats, Christiane Woopen Bild: 360-Berlin

Ihr war ganz bewusst, an einem gesellschaftlichen Tabu zu rühren: Die Vorsitzende des Ethikrats, Christiane Woopen, steht aber nicht im Verdacht, die Familie zur Disposition zu stellen. Es geht ihr in der Debatte über das Inzestverbot um mehr.

          Es war der Vorsitzenden des Ethikrats, Christiane Woopen, bei der Vorstellung der jüngsten Stellungnahme des Gremiums zur Aufhebung des Inzestverbots unter erwachsenen Geschwistern ganz bewusst, dass damit an einem tiefen, für viele mit Abscheu und Ekel verbundenen gesellschaftlichen Tabu gerührt wird. Ob nach der ersten Aufregung noch die von ihr gewünschte sachliche Debatte über eine veränderte Lebenswirklichkeit mit vielen über Samenbanken gezeugten Kindern zustande kommt, bleibt abzuwarten. Die kanadische Einrichtung einer Datenbank, mit der durch künstliche Samenspenden gezeugte Kinder ihre Geschwister suchen könnten, scheint auch in Europa nicht mehr allzu fern zu liegen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Die Vorsitzende des Ethikrats, inzwischen sturmerprobt durch die Beschneidungsdebatte, die Diskussion über Sterbehilfe, Präimplantationsdiagnostik und künstliche Befruchtung, steht nicht im Verdacht, die Familie zur Disposition zu stellen. Sie denkt liberal und sorgt sich um die Technisierung der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, wenn es Schule machen sollte, dass junge Frauen ihre Eizellen für Zeiten mit herabgesetzter Gebärfähigkeit einfrieren lassen. Vor kurzem hat Woopen in einem Gespräch davor gewarnt, sozialen Problemen und schwierigen Einzelschicksalen (Karriereplanung junger Frauen) zunehmend durch technische Lösungen zu begegnen. Zwar könne die Technik im Einzelfall helfen, aber sie solle nicht allgemein üblich werden.

          Bei der Entscheidung über die jüngste Stellungnahme zur Aufhebung des Inzestverbots unter erwachsenen Geschwistern, die nicht in der gleichen Familie aufgewachsen sind, hat sie sich nicht nur von der Anhörung der Betroffenen leiten lassen. Ihre Stellungnahme als Vorsitzende - sie hatte sich dem Mehrheitsvotum angeschlossen - endete mit einer sehr persönlichen Bemerkung, dass etwas so „Wunderschönes und Wertvolles wie die aufrichtige Liebe zwischen zwei Menschen, die keinen anderen Menschen tiefgreifend schädigt, in unserer Gesellschaft lebbar sein möge“. Es will ihr nicht einleuchten, dass Paragraph 173 Strafgesetzbuch zwar den vaginalen Beischlaf verbietet, alle anderen sexuellen Handlungen jedoch nicht. Man müsse sich schon überlegen, wie weit der Schutz der Gesellschaft für bestimmte Tabus gehen könne, begründet sie ihre Haltung.

          Woopen, Jahrgang 1962, ist nicht nur Ärztin und Fachärztin für Gynäkologie, sondern hat als gläubige Katholikin in Bonn und Hagen auch fünf Jahre lang Philosophie studiert. Sie hat sich früh für medizinethische Fragen interessiert und war Mitarbeiterin am Institut für Wissenschaft und Ethik in Bonn, das damals Ludger Honnefelder leitete. In Köln lehrt sie Ethik und Theorie der Medizin. Seit Ende vergangenen Jahres ist sie Direktorin des Cologne Center for Ethics, Rights, Economics and Social Sciences of Health (CERES) in Köln. Mit dem Ethikrat ist sie schon seit dem Jahr 2001 vertraut, zunächst als Mitglied, seit 2012 als dessen Vorsitzende.

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