http://www.faz.net/-gpf-7h341

Im Gespräch: Julian Nida-Rümelin : „Wir sollten den Akademisierungswahn stoppen“

  • Aktualisiert am

Nida-Rümelin fordert: Menschen sollen befähigt werden, die „Autorschaft“ über ihr Leben zu erlangen. Bild: Müller, Andreas

Julian Nida-Rümelin, Philosoph mit SPD-Parteibuch, spricht über fehlenden Respekt vor Azubis, schwache Studenten und die gescheiterte Studienreform.

          Herr Nida-Rümelin, manche sehen die Universität in einer tiefen Krise, weil sie überfüllt und unterfinanziert sei. Die anderen sagen, die Hochschulen boomen, weil sie so viel Geld und Studenten haben wie nie zuvor. Was stimmt denn nun?

          Es gibt beides, positive und negative Aspekte, das war immer so. Krisenphänomene haben die europäische Universität seit ihren Anfängen im zwölften Jahrhundert begleitet. Wir stehen vor einer Weichenstellung: Es geht um eine Frage, die das ganze Bildungssystem berührt: Soll die Universität eine Vielzahl von Berufen aufnehmen und sie akademisieren? Und soll dann das Gros der Studierenden nach drei Jahren von der Universität abgehen, wie es die Bologna-Reform mit ihren Bachelorstudiengängen vorsieht? Oder wollen wir die besondere Stärke des deutschen Bildungssystems als Ganzes erhalten?

          Was wäre diese Qualität in Ihren Augen?

          Dass eine hochwertige Berufsausbildung weiter im dualen System erfolgt. Das kann aber nur funktionieren, wenn die Mehrzahl eines Jahrgangs weiter in die berufliche Lehre geht, nicht eine kleine Minderheit.

          Das bedeutet, Sie wollen die Öffnung der Hochschulen wieder rückgängig machen?

          Nein, das will ich natürlich nicht. Wir haben ja jetzt auch noch mehr Auszubildende als Studenten.

          Aber die Abiturquote schnellt unaufhaltsam in die Höhe.

          Sie liegt jetzt bei knapp 50 Prozent eines Jahrgangs und hat sich damit in den letzten 12 oder 13 Jahren nahezu verdoppelt. Wir haben aber immer noch viele Abiturienten, die kein Studium aufnehmen und lieber eine Lehre machen. Zugleich legen rund 17 Prozent der Jugendlichen überhaupt keine Berufsausbildung ab. Von daher haben wir bislang noch ein leichtes Übergewicht für Ausbildungsberufe. Die Zahlen ändern sich aber Jahr für Jahr, bald laufen die Studenten den Azubis den Rang ab. Das finde ich falsch. Wir sollten den Akademisierungswahn stoppen.

          Sie sind Sozialdemokrat, also Mitglied einer Partei, die historisch und auch ganz aktuell für Bildungsexpansion steht.

          Ich bin zunächst Philosoph, der versuchen muss, das Wesen der Entwicklungen zu verstehen und einzuordnen. Bildungsexpansion heißt mehr Bildung für mehr Menschen - das befürworte ich -, aber nicht Universitätsstudium für alle. Was ich der Bildungspolitik aller Parteien - auch der SPD - vorwerfe, ist, dass sie einen Weg eingeschlagen hat, der dazu führen könnte, die einzigartige Qualität des deutschen Bildungssystems zu beschädigen oder zu zerstören - nämlich die Herausbildung einer exzellenten Facharbeiterschaft, die alle Schichten der Gesellschaft aufnimmt. Wir erleben ja gerade, dass ganz Europa in seiner Finanz- und Arbeitskrise neidisch auf Deutschland schaut - und auf sein Ausbildungsmodell.

          Die Bundesregierung nutzt das und will im großen Stil Jugendliche aus den Krisenländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit nach Deutschland zur Ausbildung holen.

          Ich finde es hochgefährlich für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft, wenn wir die besten Jugendlichen aus den Krisenländern abwerben - und die prekär gebildeten deutschen Jugendlichen aus dem Blick verlieren. Es ist beinahe zynisch von der Bundesregierung zu erklären, das helfe der Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern und schließe unsere Angebotslücke. In Wahrheit ist es ein unfreundlicher Akt gegenüber Staaten wie Spanien oder Italien.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Merkels CDU siegt schwach : Krampf statt Zauber

          Merkel kann Kanzlerin bleiben, wenn es ihr gelingt, ein schwarz-gelb-grünes Bündnis zu schmieden. Das wird nicht einfach werden. Merkels Flüchtlingspolitik erwies sich schon für die untergegangene große Koalition als Ballast, der beiden Partnern schwere Verluste einbrachte. Ein Kommentar.
          Gute Laune auf der Wahlparty der AfD in Berlin

          Dritte Kraft im Bundestag : Tabubrecher AfD

          Nun ist die AfD im Bundestag, mit demokratischem Gütesiegel und Millionen an Staatsgeldern. Doch im Parlament wären sie nicht die erste Partei, die vorgeführt wird. Ein Kommentar.

          FAZ.NET live um 19:30 Uhr : Deutschland hat gewählt - was jetzt?

          Volksparteien schwach, AfD und FDP stark. Was bedeutet das für die Republik? Im FAZ.NET-Livestream beantworten Jasper von Altenbockum, Ressortleiter Politik Inland, und Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur digital die wichtigsten Fragen zur Bundestagswahl.

          Hochrechnungen : Merkel kann weiter regieren, SPD geht in Opposition

          CDU und CSU verlieren laut Hochrechnungen viele Stimmen, werden aber wieder stärkste Kraft. Die SPD erzielt ein historisch schlechtes Ergebnis und geht in die Opposition. Die AfD ist Dritter und die FDP wieder im Bundestag. Grüne und Linkspartei legen zu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.