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Im Gespräch: Julian Nida-Rümelin „Wir sollten den Akademisierungswahn stoppen“

Julian Nida-Rümelin, Philosoph mit SPD-Parteibuch, spricht über fehlenden Respekt vor Azubis, schwache Studenten und die gescheiterte Studienreform.

© Müller, Andreas Nida-Rümelin fordert: Menschen sollen befähigt werden, die „Autorschaft“ über ihr Leben zu erlangen.

Herr Nida-Rümelin, manche sehen die Universität in einer tiefen Krise, weil sie überfüllt und unterfinanziert sei. Die anderen sagen, die Hochschulen boomen, weil sie so viel Geld und Studenten haben wie nie zuvor. Was stimmt denn nun?

Es gibt beides, positive und negative Aspekte, das war immer so. Krisenphänomene haben die europäische Universität seit ihren Anfängen im zwölften Jahrhundert begleitet. Wir stehen vor einer Weichenstellung: Es geht um eine Frage, die das ganze Bildungssystem berührt: Soll die Universität eine Vielzahl von Berufen aufnehmen und sie akademisieren? Und soll dann das Gros der Studierenden nach drei Jahren von der Universität abgehen, wie es die Bologna-Reform mit ihren Bachelorstudiengängen vorsieht? Oder wollen wir die besondere Stärke des deutschen Bildungssystems als Ganzes erhalten?

Was wäre diese Qualität in Ihren Augen?

Dass eine hochwertige Berufsausbildung weiter im dualen System erfolgt. Das kann aber nur funktionieren, wenn die Mehrzahl eines Jahrgangs weiter in die berufliche Lehre geht, nicht eine kleine Minderheit.

Das bedeutet, Sie wollen die Öffnung der Hochschulen wieder rückgängig machen?

Nein, das will ich natürlich nicht. Wir haben ja jetzt auch noch mehr Auszubildende als Studenten.

Aber die Abiturquote schnellt unaufhaltsam in die Höhe.

Sie liegt jetzt bei knapp 50 Prozent eines Jahrgangs und hat sich damit in den letzten 12 oder 13 Jahren nahezu verdoppelt. Wir haben aber immer noch viele Abiturienten, die kein Studium aufnehmen und lieber eine Lehre machen. Zugleich legen rund 17 Prozent der Jugendlichen überhaupt keine Berufsausbildung ab. Von daher haben wir bislang noch ein leichtes Übergewicht für Ausbildungsberufe. Die Zahlen ändern sich aber Jahr für Jahr, bald laufen die Studenten den Azubis den Rang ab. Das finde ich falsch. Wir sollten den Akademisierungswahn stoppen.

Sie sind Sozialdemokrat, also Mitglied einer Partei, die historisch und auch ganz aktuell für Bildungsexpansion steht.

Ich bin zunächst Philosoph, der versuchen muss, das Wesen der Entwicklungen zu verstehen und einzuordnen. Bildungsexpansion heißt mehr Bildung für mehr Menschen - das befürworte ich -, aber nicht Universitätsstudium für alle. Was ich der Bildungspolitik aller Parteien - auch der SPD - vorwerfe, ist, dass sie einen Weg eingeschlagen hat, der dazu führen könnte, die einzigartige Qualität des deutschen Bildungssystems zu beschädigen oder zu zerstören - nämlich die Herausbildung einer exzellenten Facharbeiterschaft, die alle Schichten der Gesellschaft aufnimmt. Wir erleben ja gerade, dass ganz Europa in seiner Finanz- und Arbeitskrise neidisch auf Deutschland schaut - und auf sein Ausbildungsmodell.

Die Bundesregierung nutzt das und will im großen Stil Jugendliche aus den Krisenländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit nach Deutschland zur Ausbildung holen.

Ich finde es hochgefährlich für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft, wenn wir die besten Jugendlichen aus den Krisenländern abwerben - und die prekär gebildeten deutschen Jugendlichen aus dem Blick verlieren. Es ist beinahe zynisch von der Bundesregierung zu erklären, das helfe der Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern und schließe unsere Angebotslücke. In Wahrheit ist es ein unfreundlicher Akt gegenüber Staaten wie Spanien oder Italien.

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