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Im Gespräch: Julian Nida-Rümelin : „Wir sollten den Akademisierungswahn stoppen“

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Nein, das tue ich nicht. Es findet gegenwärtig keine Bildungsexpansion statt, die soziale Selektivität in Deutschland ist skandalös hoch, höher als in den siebziger Jahren. Ich bin sehr für eine durchdachte Bildungsexpansion. Wir werden bald 60 Prozent Studienberechtigte pro Jahrgang haben, in manchen Städten liegen wir schon bei 70 Prozent. Meine These ist, dass sich daraus eine neue Qualität ergibt - eine negative. Wir gefährden den Kern des deutschen Wirtschaftsmodells, die auf exzellenten Qualifikationen begründeten mittelständischen Unternehmen, die auf dem Weltmarkt mitspielen können. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass, wenn alle studieren, alle in Zukunft Führungsfunktionen in Staat und Wirtschaft einnehmen werden? Das ist naives Wunschdenken.

Die Konkurrenz verschiebt sich, und die Gefahr besteht, dass es am Ende darauf ankommt, welchen Namen die Schule und die Hochschule hatte, an der man studierte. Und warum sollen auch alle studieren? Ich kann nicht verstehen, wieso die Bundesregierung in ihrem zweijährigen Bildungsbericht jene Abiturienten geradezu schmäht, die kein Studium beginnen. „Wer es nicht bis zur Hochschulreife schafft, der ist gescheitert“ - das ist eine ganz gefährliche Botschaft.

Spielen Sie nicht die alte Leier, dass der Schuster bei seinem Leisten bleiben solle - und das Arbeiterkind sich, bitte schön, mit der Hauptschule zufriedengeben soll?

Es darf nicht durch die soziale Herkunft vorherbestimmt sein, wer Erfolg hat und wer nicht. Talent darf nicht von Geldbeutel und Herkunft abhängig sein. Aber es gibt unterschiedliche Talente und Interessen. Nicht jeder muss Lust darauf haben, komplizierte Texte zu lesen oder aus dem Lateinischen zu übersetzen. Und das ist doch auch nicht schlimm. Wieso soll man es abwerten, wenn jemand praktische oder künstlerische Talente an sich entdeckt und entwickelt? Unsere Schulen vernachlässigen das aber. Sie sind einseitig auf das Kognitive und die meist nur kurzfristige Wissensakkumulation orientiert, das Ästhetische, das Technische, das Soziale kommt zu kurz.

Ich frage mich, wie Sie diese Botschaft formulieren wollen. Helmut Kohl gab der dualen Ausbildung den absoluten Vorrang...

...er sagte, lernt was G’scheites...

...und der deutsche Erfinder der Pisastudien Andreas Schleicher sagt: „Ihr solltet auf jeden Fall studieren!“ Was ist Ihre Botschaft?

Gleicher Respekt vor allen Talenten. Jede Begabung ist gleichwertig, eine Elektrotechnikerin verdient die gleiche Anerkennung wie ein Professor oder ein Manager oder eine Erzieherin.

Und alle sollen auch das Gleiche verdienen?

Das kann und will niemand dekretieren, das regelt - überwiegend - der Markt. Aber wir müssen uns schon die Frage stellen: Macht eine Erzieherin einen wichtigen Job? Ja! Übt sie eine qualifizierte Tätigkeit aus? Ja! Brauchen wir diesen Beruf?

Alle tun jedenfalls so.

Wie kommen wir dann dazu, sie so miserabel zu bezahlen, dass eine Erzieherin sich eine Stadt wie München praktisch nicht leisten kann und wir entsprechend einen großen Arbeitskräftemangel in diesem Bereich in den Großstädten haben?

Das Gespräch mit Julian Nida-Rümelin führte Christian Füller.

Zur Person

Julian Nida-Rümelin, 58, ist Philosophie-Professor in München. In den Jahren 2001 und 2002 war er Kulturstaatsminister unter Kanzler Gerhard Schröder, seit 2010 leitet er die Grundwertekommission der SPD. Er ist im Bundesvorstand der Partei und gehört dem Team des bayerischen SPD-Spitzenkandidaten Christian Ude als Berater für Kultur und Wissenschaft an. Der Sohn eines Malers und Bildhauers ist verheiratet und hat drei Kinder.

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