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Horst Seehofer : Der doppelte Boden des Herrschenden

  • -Aktualisiert am

Hofnarr im Königsmantel: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer Bild: dpa

Kaum wiedergewählt, hat Seehofer schon die meisten seiner Minister verspottet. Ein Heidenspaß – vor allem für den CSU-Chef. Aber die Ironie ist nicht nur Dekor.

          Die großen Verlierer der bayerischen Landtagswahl sind bislang unbeachtet geblieben – die Kabarettisten. Der Erfolg der CSU hat dem Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden Horst Seehofer spöttische Flügel verliehen, die ihn in ungeahnte Höhen bringen. Noch hat in München wegen der Berliner Sondierungsgespräche keine Kabinettssitzung stattgefunden, da hat Seehofer schon mit fast allen, die bald im Sitzungssaal der Staatskanzlei Platz nehmen dürfen, ein ironisches Tänzchen gewagt.

          Seine Staatskanzleiministerin Christine Haderthauer, die auch für „Sonderaufgaben“ zuständig ist, weiß seit der Aushändigung ihrer Ernennungsurkunde, dass in Seehofers Sicht darunter „alles“ zu verstehen ist. Sie muss nur „und nichts“ hinzudenken, dann wird sie in Seehofers Welt überleben. Justizminister Winfried Bausback muss beherzigen, dass er mit Seehofer einen „Erfahrungsjuristen“ – eine bevorzugte Selbstbeschreibung Seehofers, die er bereits in Bausbacks Vokabelheft geschrieben hat – als Vorgesetzten hat. Seine Ministerialbeamten dürften ihm noch erklären, was darunter zu verstehen ist, etwa bei der europarechtlichen Beurteilung der PKW-Maut für Ausländer. Und Georg Eisenreich ist nicht nur Staatssekretär im Kultusministerium, sondern nach Seehofers Arbeitsplatzbeschreibung auch für „Pünktlichkeit“ zuständig, weil er sich beim Empfang seiner Ernennungsurkunde verspätet hat.

          Seehofers Politik braucht Spott und Ironie

          Keine Frage: Das Verspotten der Politiker beim Starkbieranstich am Nockherberg – im Landesidiom „Derbleckn“ genannt – muss bis zum Ende der Legislaturperiode ausfallen. 2018 will Seehofer von der Bühne abtreten; dann können Kabarettisten, die sich nicht zu Pförtnern in der Staatskanzlei haben umschulen lassen, aufatmen. Bis dahin gibt Seehofer den obersten Derblecker. Und wie auf dem Nockherberg verbirgt sich hinter jedem Spaß – „Spasss“, wie Seehofer sagt – bitterer Ernst. Seehofer hat die Doppelbödigkeit zu einem zentralen Herrschaftsinstrument entwickelt. Natürlich weiß jeder, dass Haderthauer nur zu gerne für alles zuständig wäre, sprich doch noch Ilse Aigner und Markus Söder aus dem Rennen um Seehofers Nachfolge werfen würde. Natürlich versteht jeder die Botschaft, die der Erfahrungsjurist Seehofer seinem Justizminister auf den Weg mitgibt – nämlich vor lauter Paragraphen nicht die politische Opportunität aus den Augen zu verlieren, wie es Bausbacks Vorgängerin Beate Merk im Fall Mollath unterlaufen ist. Und natürlich weiß jeder einzuschätzen, was es bedeutet, wenn ein Staatssekretär wie ein Schüler, der auf dem Schulweg ins Trödeln geraten ist, zur Ordnung gerufen wird.

          Spott und Ironie sind bei Seehofer nicht nur Dekor. Sie garantieren ihm die Freiheit (oder Wendigkeit), die er für seine Art, Politik zu betreiben, braucht. Weil sie ihm jederzeit die Möglichkeit geben, mit der Zauberformel, das sei doch alles „Spasss“ gewesen, sich in Luft aufzulösen. Politischen Durchschnittsbegabungen wird zwar der Schweiß auf die Stirn getrieben, weil Seehofer definiert, was Spaß und was Ernst ist – und wann Spaß in Ernst umschlägt und umgekehrt. Aber das ist auch schon wieder ein riesiger „Spasss“, zumindest für Seehofer. Seine Worte, er achte bei Gesprächen über Personalia darauf, was er zu wem sage, eine „Spurenrückverfolgung“ sei jederzeit möglich, wissen alle einzuordnen, deren Ambitionen über einen stellvertretenden Ausschussvorsitz im Landtag hinaus reichen. „Spasss“ ist nur einem erlaubt: Aus anderen Mündern werden daraus „Schmutzeleien“, bei denen Seehofer keinen „Spasss“ versteht – wer das reumütig erkennt, kann wie Söder sogar zum Heimatminister aufsteigen, mit einem Dienstsitz in seiner Heimatstadt Nürnberg.

          Alles nur „Spasss“, oder?

          Natürlich ist es nur „Spasss“, wenn Seehofer Landwirtschaftsminister Helmut Brunner und Justizminister Bausback mitteilt, ihm sei nicht entgangen, dass diese von der Opposition gelobt worden seien – sie stünden jetzt unter seiner „besonderen Beobachtung“. Natürlich ist es nur „Spasss“, wenn er wissen lässt, er habe Haderthauer bei einem Gespräch mit Journalisten „genau beobachtet“ – was denn morgen in Haderthauers Ingolstädter Heimatzeitung stehe (die auch Seehofers Heimatzeitung ist)? Natürlich ist es nur „Spasss“, wenn Haderthauer sich beeilt, dem Chefbeobachter zu versichern, sie habe nichts gesagt. Und natürlich ist es nur „Spasss“, wenn Seehofer einen kleinen Zettel zückt, auf dem seine Überlegungen stünden, wer was werden könnte. Wer damit die ernste Botschaft verbindet, auf dieses kleine Format passten bequem alle Talente der CSU mit Ausnahme Seehofers: Selbst schuld! Wer für bare Münze nimmt, was Seehofer sagt – oder nicht für bare Münze nimmt, was er sagt: Selbst schuld! Seehofer hängt dem Hofnarren den Königsmantel um – und wer nicht sieht, dass der Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende höchstpersönlich darin steckt: Selbst schuld!

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