16.09.2011 · Helle Thorning-Schmidt wird wohl Dänemarks erste Ministerpräsidentin werden. Sie schaffte es, die ausgelaugte Sozialdemokratie hinter sich zu vereinen. Ihre zweite Chance hat sie jedoch nicht ihrer Partei zu verdanken.
Von Matthias WyssuwaHelle Thorning-Schmidt sind auch Niederlagen vertraut. Ihr Schwiegervater, Neil Kinnock, erlitt einst eine besonders bittere, da war er 1992 als Spitzenkandidat für die britische Labour Party angetreten und verlor gegen John Major. Auch der erste Anlauf von Helle Thorning-Schmidt endete im Desaster. Als Spitzenkandidatin der Sozialdemokraten in Dänemark erzielte sie 2007 das schlechteste Ergebnis der Partei seit rund 100 Jahren. Damals hatte sie noch versprochen, beim nächsten Anlauf die liberal-konservative Regierung abzulösen. Die Wahlen 2011 waren ihre letzte Chance. Sie hat sie genutzt – doch ein bitterer Beigeschmack blieb auch diesmal nicht aus.
Nach den Wahlen vom Donnerstag hat Helle Thorning-Schmidt nun gute Aussichten, eine links-liberale Regierung zu bilden. Sie ist damit nicht nur die erste Frau an der Spitze der Sozialdemokraten, sie wäre auch die erste Ministerpräsidentin in Dänemark. Dabei war dieser Erfolg nicht unbedingt abzusehen – schon weil die Sozialdemokraten sie lange nicht als eine der ihren zu erkennen vermochten. 1993 war sie in die Partei eingetreten, 1999 zog sie als Abgeordnete ins Europarlament und hatte es dort, so erinnern sich Weggefährten, nicht immer leicht, auch von ihren eigenen Genossen Ernst genommen zu werden. Weder vom Habitus, der Kleidung oder ihren Standpunkten schien sie sich so einfach in die Schublade „Sozialdemokrat“ einordnen zu lassen. Keine Ochsentour, kein Stallgeruch. Ihr Spitzname war „Gucci-Helle“.
Starker Rückhalt, zweite Chance
Helle Thorning-Schmidt etablierte sich aber zumindest auf dem Reformer-Flügel ihrer Partei und als die Sozialdemokraten 2005 nach einer abermaligen Wahlniederlage einen neuen Vorsitzenden suchten, trat sie für diesen Flügel als Kandidatin an. Sie gewann gegen den Kandidaten der Linken nur knapp, es wird berichtet, dass bei ihrer Antrittsrede sich längst nicht alle Sozialdemokraten von ihren Plätzen erhoben hätten. Helle Thorning-Schmidt aber schaffte es, die ausgelaugte Sozialdemokratie hinter sich zu vereinen, auch, weil sie als Vorsitzende nach links rutschte. So sicherte sie sich einen starken Rückhalt und konnte auch die Niederlage 2007 an der Spitze der Partei überstehen.
Dass sie ihre zweite Chance nutzen konnte, hat sie jedoch nicht ihrer Partei zu verdanken – das Katastrophenergebnis von 2007 haben die Sozialdemokraten 2011 sogar noch unterboten, der Vorsprung vor dem konservativen „blauen Block“ ist knapp. Den Sieg für den linksliberalen „roten Block“ haben vielmehr die kleinen Partner gesichert, die sozialistische „Einheitsliste“ und die sozialliberale „Radikale Venstre“ gewannen kräftig hinzu, allein die „Sozialistische Volkspartei“ verlor Prozente. Hier liegt eine Herausforderung für die 44 Jahre alte Thorning-Schmidt: Sie wird zum einen mit zwei vor Selbstvertrauen strotzenden Parteien über eine (formelle oder informelle) Zusammenarbeit verhandeln müssen. Und mit der „Sozialistischen Volkspartei“, mit der sie schon vor der Wahl eine Allianz eingegangen war, hat sie zum anderen einen Partner an Bord, dessen Wahlergebnis enttäuschte – und der noch nie an einer Regierung beteiligt war.