Manolis Andronikos muss ein Besessener gewesen sein. Die anderen Archäologen haben ihn verlacht und verspottet, aber er ließ sich nicht beirren. Er glaubte fest daran, dass unter jenem Hügel in dem nordgriechischen Dorf Vergina etwas Bedeutendes zu finden sein müsse. Denn das erst 1922 von griechischen Flüchtlingen aus Kleinasien gegründete Dorf (ein orthodoxer Bischof hatte es auf den Namen Vergina getauft), stehe möglicherweise auf den Ruinen der antiken makedonischen Hauptstadt Aigai - und wenn diese Vermutung korrekt sei, dann könne der Hügel am Rande des Ortes ein Grab mit bedeutenden Schätzen enthalten. Die anderen Wissenschaftler spotteten über solche Ideen, weil die herrschende Forschermeinung Aigai im Gebiet der zentralmakedonischen Stadt Edessa verortete.
So hatte es der römische Geschichtsschreiber Justinus geschrieben, so galt es als ausgemacht. Nur der britische Historiker Nicholas Hammond, der im Zweiten Weltkrieg hinter den deutschen Linien als Verbindungsoffizier zu den griechischen Partisanen eingesetzt war und die Region gut kannte, vertrat dieselbe Ansicht wie Andronikos. Doch die griechischen Altertumsforscher nahmen die Ideen von Hammond und Andronikos nicht ernst. „Manolakis (der kleine Manolis) und seine Hügel“, das war eine Art running gag in der Zunft. „Hügel-Manolis“ nannten sie den kinderlosen, ganz seinen Forschungen ergebenen Professor, der an der Aristoteles-Universität Thessaloniki klassische Archäologie unterrichtete, wenn er nicht Sponsoren für sein Grabungsvorhaben zu gewinnen versuchte. Lange sah es so aus, als werde Hügel-Manolis als archäologischer Don Quijote enden.
“Reden wir besser nicht darüber“
„Das ist gar nichts“, sagt Kostas Katsigianopoulos. Von der Terrasse seiner Pension kann er den Parkplatz sehen, auf dem die Touristenbusse der Ausflügler parken. Etwa zwanzig Busse sind heute nach Vergina gekommen, der Parkplatz bietet aber Platz für hundert, und wenn Herr Katsigianopoulos nicht übertreibt, dann hat selbst das bis vor wenigen Jahren nicht gereicht. „Von 2007 bis 2009 lief es gut, ab 2010 ging es bergab, 2011 war noch schlechter.“ Und 2012? Herr Katsigianopoulos macht eine Handbewegung, die wohl bedeuten soll: Reden wir besser nicht darüber. Immer weniger Griechen leisten sich einen Ausflug nach Vergina. Schulausflüge werden gestrichen, weil die Eltern sie nicht bezahlen können. Dabei hatten viele gedacht, es werde immer weiter aufwärts gehen mit dem Ort. Schließlich war es jahrelang aufwärts gegangen.
Wie weit Vergina es gebracht hat in nur einem halben Menschenleben, wird an der Geschichte mit der Münze deutlich. Herr Katsigianopoulos war noch ein Junge damals und Vergina ein Dorf wie viele andere in Nordgriechenland. Es war irgendwann Mitte der sechziger Jahre, er war elf Jahre alt oder zwölf, und er hütete Schafe. Ein starker Regenguss war über Vergina niedergegangen und hatte an einem Abhang am Rande des Dorfes Erde weggeschwemmt. Als die Sonne wieder schien, sah der Junge etwas blinken auf dem Boden - eine Münze.
Aber nicht so eine, mit der man im Dorfladen etwas bezahlen konnte, das erkannte der Junge gleich. Sie war nicht so rund und glatt wie die anderen Münzen. Die Bauern von Vergina fanden oft solche Geldstücke bei der Feldarbeit, und sie gaben sie dann Herrn Andronikos, der in einem Bauernhaus am Rande des Ortes ein Zimmer gemietet hatte und sich mit Dingen beschäftigte, die man nicht so recht verstand im Dorf. Er grub den Boden um, aber nur ganz langsam. Als sei die Erde Gold. Heute lebt das halbe Dorf von dem, was der Professor dabei gefunden hat. Nur Münzen werden nicht mehr so oft gefunden in Vergina. Weil die Kinder nicht mehr Schafe hüten, sondern Playstation spielen.
Studium und Ausbildung sind nicht gut für die Feldarbeit
Herr Katsigianopoulos gehört noch zu der Generation, die weiß, was harte Feldarbeit bedeutet. Man sieht das an seinen Händen. Früher lebten die Leute in Vergina von ihren Kühen und Schafen, sie bauten Tabak an und Obst. Die jungen Leute wissen nicht mehr, wie hart ein Tag auf dem Feld ist, und das sei auch gut so, sagt Kostas Katsigianopoulos. Die Alten haben auf den Feldern geschuftet oder in Deutschland, um ihre Kinder studieren zu lassen oder ihnen eine Ausbildung zu bezahlen, und das haben sie geschafft. Das ist ein Segen. Nur für die Pfirsichernte ist es nicht gut.
Wie viele Leute in Vergina besitzt Herr Katsigianopoulos eine Pfirsichbaumplantage. Zur Blütezeit zieht sich eine rosafarbene Pracht in Reih’ und Glied über das Land, soweit das Auge reicht. Als sei eine besonders schöne Armee angetreten, um nicht zu kämpfen. Einträglich ist die Pracht allerdings nicht. Vor einem Jahrzehnt bekamen die Bauern für ein Kilo Pfirsiche noch 80 Cent, jetzt höchstens 30, und selbst das nur mit Verspätung. Für die Ernte des vergangenen Jahres haben die Bauern von Vergina bisher nur eine Teilzahlung erhalten, denn die Pfirsichkonservenfabrik steckt in Schwierigkeiten.
Aber der Preisverfall ist nicht alles. Früher stand zur Pfirsichernte die ganze Familie auf dem Feld, vom Sonnenaufgang an bis gegen zwei, wenn die Hitze zu groß wurde. „Damals blieb das Geld in der Familie. Aber seit die Albaner hier sind, arbeitet kein Grieche mehr auf dem Feld. Höchstens als Aufsicht“, berichtet Herr Katsigianopoulos. Er beklagt das nicht, er stellt es nur fest. In Vergina bekommen die fleißigen Albaner für sieben Stunden Feldarbeit 30 Euro. Dafür arbeitet kein Grieche.
Kaum Polizei auf den Straßen wegen knappem Benzin
Die Albaner in Vergina sind gut integriert, niemand beschwert sich über sie. Aber es gibt natürlich auch die anderen Albaner, die aus Albanien. Manchmal kommen sie zu regelrechten Raubzügen über die Grenze. Neulich waren sie nachts mit Lastwagen unterwegs und haben die Elektromotoren für die Beregnungsanlagen der Pfirsichplantagen gestohlen. In der ganzen Gegend, bis nach Larissa runter. Man hätte sie vielleicht erwischen können, sagen die Bauern von Vergina. Aber da die Polizei kein Geld hat für Benzin, fährt sie kaum noch Streife. Woher man weiß, dass es Albaner waren? Wer denn sonst, antworten die Bauern. Wenn es so weiter geht, werden eines Tages noch die Funde vom alten Andronikos gestohlen.
Die Stunde, die das Leben der Bauern von Vergina änderte, schlug am 8. November 1977, und Angeliki Kottaridi war dabei. Heute ist sie Direktorin des 11. Aufsichtsamts für byzantinisches Altertum sowie des 17. Aufsichtsamts für prähistorisches und klassisches Altertum. Damals war sie einfach nur Studentin und Gehilfin von Manolis Andronikos. Frau Kottaridi ist eine leidenschaftliche Archäologin, die von den Griechen der Antike nur im Präsens spricht. Wenn sie mit Kreisen und Pfeilen die komplizierten verwandtschaftlichen Verbindungen des makedonischen Königshauses auf ein Blatt Papier zeichnet, wirkt das so lebendig, als könne Alexander der Große jederzeit auf einen Kaffee vorbeikommen. Und wenn sie erzählt, dass ein Archäologe nicht in der Studierstudie sitzen dürfe, sondern raus müsse in die Landschaft, um sich ein Gespür für Entfernungen und die Topographie zu erwandern, dann unterstreicht sie das, indem sie mit Zeige- und Mittelfinger der linken Hand über den Tisch wandert. „Ich bin durch ganz Nordgriechenland gewandert“, sagt sie dazu.
Ein Hügel wie ein Donnerwetter
Auch ihr Zorn auf Justinus, den Römer, der vor etwa 1800 Jahren die makedonische Hauptstadt in seinen Schriften nach Edessa verlegte, klingt recht frisch: „Dieser Kerl hat keine Ahnung von der Landschaft hier. Das ist absoluter Boulevardstil, wie der schreibt. Völlig unzuverlässig.“ Frau Kottaridi hat in Köln studiert, sie spricht ein schönes Deutsch, dessen Reiz sie unbeabsichtigt steigert, indem sie ausgefallene Worte in ungewohntem Zusammenhang verwendet. Zum Beispiel, wenn sie über die beeindruckenden Ausmaße des Grabhügels von Vergina spricht, der mit 100 Metern Durchmesser und 13 Metern Höhe mit Abstand der größte Tumulus der Balkanhalbinsel war: „Der Hügel war sehr groß, wie ein Donnerwetter.“
Im Jahr 1976 hatte Manolis Andronikos zwar noch nicht genug Geld, um das Donnerwetter abtragen zu lassen, doch er hatte mehrere Schnitte anlegen können und dabei eine seltsame Entdeckung gemacht - er stieß auf zerbrochene Grabsteine. „Das war absolut ungewöhnlich, denn die Griechen bekämpfen sich zwar, aber sie zerstören nicht die Grabstätten anderer Griechen. Sie haben ja dieselben Götter, und mit den Göttern der Unterwelt will man es sich lieber nicht verderben. Gräber zu zerstören, war eine sehr böse, sehr seltene Frevlertat“, berichtet die damalige Gehilfin des Professors. Der erinnerte sich daran, dass Plutarch von der Plünderung der Nekropole von Aigai durch keltische Söldner berichtet. So gelangte er zu der Vermutung, dass die zerbrochenen Grabstelen ein Hinweis auf die von Plutarch erwähnte Plünderung sein könnten. Dann aber wäre Vergina tatsächlich Aigai, und dann wäre unter dem Hügel womöglich...
Der letzte Versuch des Hügel-Manolis
Aber diesen Gedanken behielt Professor Andronikos zunächst für sich. Im Jahr 1977 gelang es ihm, von der Universität Thessaloniki eine Million Drachmen für seine Grabung in Vergina zu erhalten. Davon konnte er zwanzig Arbeiter und einen Baggerführer bezahlen. Von Ende September bis Anfang Oktober gruben die Arbeiter unter der Leitung des rastlosen Professors. Aber nach 40 Tagen Maulwurfsarbeit hatte die Erde weder ein Königsgrab freigegeben noch einen unwiderleglichen Beweis für die These, dass Vergina an der Stelle des alten Aigai liege. Sehr nervös sei ihr Professor damals gewesen, sei ständig den Hügel herauf und wieder herunter gelaufen, erinnert sich Frau Kottaridi. Bald würde es zu kalt sein für die Grabungen, und in Thessaloniki würden sie wieder spotten: „Hügel-Manolis hat wieder nichts gefunden.“ Anfang November wagte Andronikos einen letzten Versuch. Er ließ nicht in der Mitte, sondern an der Seite des Hügels graben.
Damals war Herr Katsigianopoulos noch in Heilbronn. Er hatte denselben Weg genommen wie viele Griechen, vor allem im Norden des Landes. In den sechziger und siebziger Jahren, vor dem Beitritt Griechenlands zur Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1981, war noch nicht abzusehen, dass es für die Leute von Vergina jemals ein Leben geben werde, das nicht aus harter Feldarbeit bestünde. Wer ein anderes Leben wollte, musste Beamter werden (aber dafür brauchte man Beziehungen), oder auswandern.
Herr Katsigianopoulos hatte sieben Geschwister, aber keine Beziehungen. Er war erst 14, als er nach Deutschland ging. Der Vater war schon vorausgegangen. Kostas begann als Laufbursche in einer Baufirma. „Vesper holen und so weiter“, sagt er über die Zeit, die nicht leicht war für den Jungen, der anfangs kaum Deutsch sprach. Doch er biss sich durch. Zimmermannsgehilfe, Zimmermann, schließlich ein Job bei AEG. Er verdiente gut. Doch inzwischen war das Leben auch in Griechenland besser geworden, und Herr Katsigianopoulos wollte, dass seine Kinder dort aufwachsen. Also kehrte die Familie Ende der achtziger Jahre zurück.
Noch ein Fund würde die Stadt retten
Heute sagt der Familienvater: „Wissen Sie, ich mag Griechenland. Wirklich. Aber ich weiß nicht, wie aus diesem Land jemals etwas werden soll. Wenn ich jünger wäre, ginge ich wieder zurück nach Deutschland.“ Der Sohn, ein Bauingenieur, ist schon da. Neulich haben die Eltern ihn besucht. An der griechischen Parlamentswahl am kommenden Sonntag wird Herr Katsigianopoulos nicht teilnehmen. Er hofft, viele werden es so machen wie er.
„Wenn keiner zur Wahl geht, sind wir diese ganzen Parteien endlich los.“ Wie es danach weitergehen soll, weiß Herr Katsigianopoulos allerdings auch nicht genau. Am besten wäre es, wenn sie bei den Grabungen noch einmal so etwas finden würden wie damals Professor Andronikos, damit Vergina ein zweites großes Museum bekommt und die Touristen einen Tag länger bleiben. Den Moment, als Manolis Andronikos einen der größten Funde in der Geschichte der Archäologie machte und zu Howard Carter, Heinrich Schliemann und anderen Großen seiner Zunft stieß, hat der 1992 verstorbene Professor später eindrucksvoll geschildert.
Am Rande des Hügels (und deshalb von den Grabräubern früherer Jahrhunderte nicht entdeckt) war er völlig überraschend auf das gewaltige Portal einer prachtvollen Grabkammer gestoßen, deren Ausmaße darauf hinwiesen, dass sie einem zu Lebzeiten sehr bedeutenden Menschen galt. Durch ein kleines Loch stiegen Andronikos und ein Gehilfe in das Gewölbe hinab: „Minutenlang verschlug es uns die Sprache. Im völlig unberührten Grab gab es eine Fülle von Totengaben aus Bronze, Gold und Silber, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. An der linken Wand lehnten die bronzene Schutzdecke eines Schildes mit dem sternförmigen Wappen des makedonischen Reiches, ein kupferner Dreifuß, ein Beinschienenpaar mit Goldauflage, der erste überhaupt gefundene makedonische Kriegshelm, zwei Schwerter und verschiedene Gefäße. Rechts am Boden lagen zahlreiche Vasen und vergoldete Gefäße sowie Gegenstände des täglichen Gebrauchs aus Leder und Elfenbein. Mitten vor der Wand stand ein Sarkophag aus Marmor.“
Der Großteil liegt noch vergraben
Als sie den Sarkophag öffneten, sahen sich die Forscher „mit etwas konfrontiert, das unsere abenteuerlichsten Vorstellungen übertraf und das wir nicht hatten erwarten können, weil es etwas Vergleichbares bisher nicht gegeben hatte“. In einer goldenen Truhe lagen die sterblichen Überreste des ermordeten Königs Philipp II., des Vaters von Alexander. Auf der Truhe prangte der Stern von Vergina, der eigentlich eine Sonne ist und „Sonne von Aigai“ heißen müsste. Heute befinden sich die Grabbeigaben in einem Museum unter dem Grabhügel von Vergina, und die Hoffnung auf weitere Funde ist nicht unbegründet. Frau Kottaridi sagt, bisher sei erst ein Hundertstel der Nekropole und ein Fünfhundertstel der antiken Stadt ausgegraben.
Als wir das am anderen Morgen Herrn Katsigianopoulos berichten, bleibt er dennoch skeptisch. „Sie sagen, die Krise werde zehn Jahre dauern. Ich bin jetzt 57. Mit 67 habe ich nichts mehr davon, dass es wieder aufwärts geht.“ Es ist ein schöner Morgen. Die Mutter von Herrn Katsigianopoulos sitzt am Fenster neben der Terrasse und blickt auf die Pfirsichbaumfelder hinaus. Sie trägt schwarz, wie es noch üblich ist auf dem Lande bei griechischen Witwen.
Frau Katsigianopoulos bringt ihrer Schwiegermutter einen griechischen Kaffee, die Ruinen des alten Palastes strahlen in der Sonne, das Radio in der Pension spielt Red Hot Chili Peppers und der Hausherr empfiehlt uns, auf der Rückreise unbedingt einen Abstecher in das nahe Kloster zu machen. Das Kloster liegt abseits der Straßen in einer malerischen Schlucht, aber die Tore sind verschlossen. Wir hofften, wenigstens einige Mönche zu Gesicht zu bekommen, doch dann tritt nur ein telefonierender Mann in grünem Hemd auf den alten Holzbalkon des Klosters und spricht Finnisch. Verstehe einer diese Welt.
