05.10.2011 · Frank Henkel ist beides: ein glaubwürdiger Law-and-Order-Mann und ausgesprochen geschmeidig. Der Wahlkampf des Berliner CDU-Chefs war seriös bis zur Langweiligkeit, aber das hat die Wähler offenbar überzeugt. Wowereit kann er „auf Augenhöhe“ begegnen.
Von Mechthild Küpper, BerlinDieses Gesicht werden die Berliner jetzt häufiger sehen: Frank Henkel kann sich als Gewinner der Saison betrachten. Da es ihm notorisch schwerfällt, Genugtuung zu verbergen, muss das Publikum sich nun wohl an diese Miene gewöhnen. Frank Henkel ist der Vorsitzende der Berliner CDU und ihrer Fraktion im Abgeordnetenhaus. In den vergangenen drei Jahren, seit er die beiden Positionen innehat, hat er für Geschlossenheit seiner Truppen gesorgt und fleißig gearbeitet. Das Wahlergebnis der CDU war am 18. September nicht gut, aber es war besser als gedacht - und vor allen Dingen viel besser als die Umfragen in den vergangenen fünf Jahren. 23,4 Prozent erzielte die CDU, 2,1 Prozentpunkte mehr als 2006. Was noch wichtiger war: Sie, nicht etwa die Grünen oder gar die SPD, wie es vor einem Jahr aussah, wurde zur zweitstärksten Kraft.
Als die Sondierungskommissionen von SPD und CDU am 22. September vor die Journalisten traten, zeigten ihre Mitglieder betont distanzierte, ja eisige Gesichter. Für die weit links stehende Berliner SPD ist es eine Strafe, dass sie nun abermals mit der CDU koalieren muss, wenn auch dieses Mal als Seniorpartner. Doch hinter den verschlossenen Türen, so wurde angedeutet, sei es so eisig zwischen SPD und CDU gar nicht zugegangen, die CDU habe sich ungemein gesprächsfähig und -bereit gezeigt und das bewiesen, was Frank Henkel vorher immer wieder gesagt hatte: Es gebe "keine unüberbrückbaren Gegensätze" in einer künftigen großen Koalition in Berlin. Mit Henkel hat Wowereit jedenfalls keine Rechnungen zu begleichen, er hat sich auch aus der Opposition heraus fair und nicht populistisch gezeigt. So hat er etwa darauf verzichtet, dem Sozialdemokraten und Buchautor Thilo Sarrazin zuzustimmen, dessen Furcht vor dem Aussterben der Deutschen ungemein populär war.
Frank Henkel, Jahrgang 1963, der als Teenager mit seinen Eltern aus der DDR ausreisen konnte, ist beides: ein glaubwürdiger Law-and-Order-Mann und ausgesprochen geschmeidig. Im Bezirk Mitte half er vor zehn Jahren beispielsweise mit, eine Zählgemeinschaft für einen christlich-demokratischen Bürgermeister zusammenzufügen, die auch die PDS umschloss. Sein Wahlkampf 2011 war seriös bis zur Langweiligkeit, aber das hat die Wähler offenbar überzeugt. Ob er seine Truppen auch nach dem Wiedereinzug in die Regierung noch hinter sich hat, wird in der SPD gelegentlich bezweifelt. Aber dass er verlässlich ist, bestreiten auch die Konkurrenten nicht. Henkel ist nicht Jurist, wie Wowereit und Ratzmann, der Grünen-Fraktionsvorsitzende, sondern Kaufmann; er hat Wirtschaftswissenschaften und Journalismus studiert.
Standen die Signale in Umfragen bislang in Berlin eindeutig auf Rot-Grün, so wandelte sich auch dies, seit die Wahlergebnisse bekannt sind. Der "Wahlsieger" Wowereit ist so strahlend nicht, als dass er mit seinen 28,3 Prozent für die SPD nicht mit der CDU "auf Augenhöhe" umgehen müsste, zumal er sie ja so lange warten ließ, bis er in seinem Landesvorstand die Zustimmung dafür fand, die Grünen fallenzulassen.