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Diederik Samsom Energiebündel

 ·  Die niederländischen Sozialdemokraten haben bei der Parlamentswahl die zweitmeisten Stimmen erzielt. Ihr Spitzenkandidat Diederik Samsom dürfte Koalitionspartner der Rutte-Regierung werden. Die Differenzen sind enorm.

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© dapd Vergrößern Kernphysiker und Atomkraftgegner: Diederik Samsom

Tage vor der Wahl ließ Diederik Samsom ein Foto verbreiten, das ihn beim Telefonat mit Frankreichs Staatspräsident François Hollande zeigt. Solche Bilder kannte man aus dem Oval Office des amerikanischen Präsidenten, aber nicht aus Den Haag. Dort lautet die oberste Politikerpflicht, sich bloß nicht wichtig zu nehmen. Doch der Sozialdemokrat Samsom, der noch vor vier Wochen beinahe unerkannt durch niederländische Fußgängerzonen lief und bangte, den Sozialisten die Führung im linken Lager überlassen zu müssen, hat sich den Wählern als Staatsmann verkaufen können. Das ist keine kleine Leistung.

Nun braucht der rechtsliberale Ministerpräsident Mark Rutte, der einen schrillen Lagerwahlkampf führte, Samsom als Koalitionspartner. Die Differenzen zu den Sozialdemokraten, die mit zwei Mandaten weniger auf Augenhöhe verhandeln können, sind enorm: Im Gegensatz zu Rutte will Samsom die Marktwirtschaft im Gesundheitswesen stutzen, Steuerentlastungen für Hausbesitzer zurückfahren und der Wirtschaftskrise mit mehr schuldenfinanzierten Investitionen beikommen, als die EU erlaubt. Doch die Konkurrenten sind zur Koalition verdammt.

Abteilungsleiter bei Greenpeace

Diederik Samsom könnte auch ein Atomkraftwerk leiten. Doch schon bevor er 1997 sein Studium der Kernphysik in Delft abschloss, protestierte er gegen Atomstrom. Er wurde Abteilungsleiter bei Greenpeace, bis er vor zehn Jahren im Alter von 32 Jahren ein kleines Unternehmen für „grüne“ Energie gründete. Kurz danach kam er ins Parlament, wo er spätestens dann der Parteilinken zugerechnet wurde, als er 2004 gegen die Beteiligung am Irakkrieg stimmte. In dieser Zeit ist Samsom als ein sich und seine hohe Stimme nicht immer unter Kontrolle habendes Energiebündel aufgefallen, das sich vielen intellektuell überlegen fühlt. Sein Versuch, die Parteiführung zu übernehmen, glückte denn auch erst im zweiten Anlauf im März dieses Jahres, als Samsom eine Urwahl gewann. Deshalb war er noch im Kampagnenmodus, als Ruttes Minderheitsregierung im April die Mehrheit verlor. Doch er wirkte überfordert: Als eine breite Ad-hoc-Koalition einen Nothaushalt verabredete, stand Samsom abseits.

Seine Unbekanntheit bekämpfte er zunächst mit einem Film über seine Familie, in dem er seine schwerbehinderte Tochter vorstellte. Ob das nicht zu amerikanisch sei, wurde gefragt. Doch den Politiker, der schon zur Vorbereitung seines parteiinternen Wahlkampfs Reden von Barack Obama auswendig gelernt hatte, focht das nicht an. Hatte anfangs noch in Frage gestanden, ob er an einer Fernsehdebatte der wichtigsten Kandidaten überhaupt teilnehmen dürfe, wurde er im Studio zwischen den Lagerkämpfern mit seinem Plädoyer für Kompromisse und Ehrlichkeit zum Sympathieträger. Auch Parteifreunde erkannten Samsom kaum wieder, der nicht mehr herumzappelte, nie aus der Haut fuhr und seine Stimme in einen beruhigenden Bariton verwandelt hatte. Jetzt werden sie mit Argusaugen beobachten, wie viel Sozialdemokratie er seinem Zwangsbräutigam Rutte abtrotzen kann.

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