Der Himmel ist grau, doch Raimund Ostendorps Laune könnte prächtiger nicht sein. Um kurz nach halb elf Uhr morgens schaut Ostendorp durch eines der beiden Schaufenster seines „Profi-Grills“ in Bochum-Wattenscheid. Gerade rattert die Straßenbahn aus Gelsenkirchen vorbei. „So ein Wetter, 20 Grad bedeckt, das ist mein Wetter“, sagt Ostendorp zufrieden. „Weisse, mein natürlicher Feind, die Holzkohle, steigt dann aus. Die Leute grillen nicht, sondern kommen zu mir.“ Gleich geht es los. Also plattiert Ostendorp schnell noch ein paar Schnitzel und legt ein paar Bratwürste auf den Grill.
Raimund Ostendorp kommt eigentlich vom Niederrhein. Als ganz junger Koch schuftete er in der Sternegastronomie. Zuletzt war er in Düsseldorf als Demi-Chef tätig. Aber irgendwann wurde ihm das ganze Getue mit den Trüffeln und Hummern, mit den Soufflés und den Sorbets zu viel. Vor 21 Jahren geriet Ostendorp auf der Suche nach der bodenständigen, ehrlichen Küche an eine Bude in Bochum, wie man sie sich schöner nicht vorstellen kann. Er übernahm sie und ließ vieles, wie es war: die Balkenattrappen an der Decke, den Strukturputz an den Wänden, den bunten Spielautomaten neben der Toilettentür. „Wegen der Atmosphäre, weisse. Diese 35 Quadratmeter sind meine Bühne, auf der ich vor dem Blaumann vom Stahlwerk nebenan ebenso bestehen muss wie vor dem Manager des Konzerns.“ Fröhlich brutzeln die Würste hinter Ostendorp. So muss Heimat hier schmecken.
Die Currywurst sei für Bochum so wichtig wie die Weißwurst für München, sagt Ostendorp. Sie sei nicht nur der schichtübergreifende gemeinsame Nenner, sondern die schönste bleibende Gewissheit. „Die Zechen haben dichtgemacht, und der Stahl ist auch weniger geworden, 2008 hat uns Nokia verlassen, aber es ging trotzdem irgendwie weiter.“ Und mit Opel sei es ja auch schon ein ziemlich langes Siechtum. Die Leute wüssten, was sie früher oder später erwartete. „Zerbrechen werden die trotzdem nicht dran. Wenn es im Süden so zuginge wie hier im Ruhrpott, dann wären manche sicherheitsbewusste Schwaben richtig in den Arsch gekniffen“, sagt Ostendorp, als er um kurz nach elf Uhr die ersten Portionen Currywurst mit Pommes an ein Rentnerpaar und drei Straßenbauarbeiter über die Theke reicht.
Im Bochumer Rathaus kann man noch die alte Pracht und Herrlichkeit des Kohle- und Stahlzeitalters erspüren. Die Gänge sind breit, die Flure hoch. Und das Büro von Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD) Dienstzimmer zu nennen wäre eine arge Untertreibung. Dienstsaal ist die angemessene Bezeichnung. Er ist konsequent mit schwerem, dunklem Holz vertäfelt. Auf dem Besuchertisch liegt ein winziger Glücksbringer: ein Steinkohlestückchen mit einem Pfennig obendrauf.
Ein Fluch über der Amtszeit der Oberbürgermeisterin
Opel hängt wie ein Fluch über der Amtszeit der Oberbürgermeisterin. Gleich das erste Telefonat, das man am Tag ihrer Amtsübernahme im Herbst 2004 zu ihr durchgestellte, drehte sich darum. Vor acht Jahren sollte das Werk zum ersten Mal geschlossen werden. Beim großen Protestmarsch zog Ottilie Scholz ganz vorne mit. Am Schauspielhaus hielt die Oberbürgermeisterin dann vor 20.000 aufgebrachten Leuten eine Rede. Damals konnten die Opelaner ihren Mutterkonzern GM noch per Streik zum Einlenken zwingen, weil in Bochum auch Teile für andere Opel-Werke hergestellt werden. Doch kaum vier Jahre später stand alles wieder in Frage, und ein aufreibender Nervenkrieg begann.
„Und das ist jetzt meine dritte Opel-Krise“, sagt Frau Scholz. Als Opel im Mai entschied, seinen Kompaktwagen Astra im Ausland zu bauen, schrillten in Bochum die Alarmglocken. Seither befürchten die Opel-Arbeiter, die Produktion des Familienwagens Zafira (der einzige Typ, der noch in Bochum hergestellt wird) könnte nach Rüsselsheim verlegt werden. „Im Vergleich zu allen anderen Opel-Krisen macht mir diese am meisten Sorgen.“ Auch die Oberbürgermeisterin rechnet also mit dem Schlimmsten, wenn GM in diesen Tagen im fernen Detroit wieder einmal einen Sanierungsplan für Opel aufstellt. Mit „Die Region braucht Opel - Opel braucht die Region!“ ist die Resolution überschrieben, die Frau Scholz gemeinsam mit ihren Amtskollegen aus Bochum, Castrop-Rauxel, Dortmund, Gelsenkirchen, Herne, Witten und Recklinghausen unterzeichnet hat.
Es ist eine Gratwanderung für die Oberbürgermeisterin. Einerseits muss sie Solidarität bekunden. Andererseits befürchtet sie, dass sich in der Öffentlichkeit die fatale Formel „Opel gleich Bochum gleich Krise“ festsetzt. Schon vor vier Jahren, als der Handyhersteller Nokia von jetzt auf nachher der Ruhrgebietsstadt den Rücken kehrte, habe Bochum schwer mit dem Krisenimage zu kämpfen gehabt. „Dabei ist Bochum eine unheimlich spannende Stadt, die sich immer neu erfindet“, sagt Frau Scholz.
Bochum war ein ziemlich verschlafenes Nest, ein beschauliches Ackerbürgerstädtchen mit wenigen tausend Einwohnern, bis es im 19. Jahrhundert in den Zeitensturm der industriellen Revolution geriet. 1841 wurde im damals selbständigen Hamme der erste Schacht der Zeche Präsident abgeteuft. Und die Mutter aller Bochumer Großansiedlungen war dann wenige Jahre später das Unternehmen des aus Schwaben zugewanderten Mechanikers Jacob Meyer, der Industriegeschichte schrieb, weil es ihm erstmals gelang, Stahl in Formen zu gießen.
Aus der später als „Bochumer Verein für Bergbau und Gussstahlfabrikation“ geführten Fabrik entwickelte sich das zweite industrielle Standbein Bochums: die Stahl- und Eisenindustrie. Aus Bochum kamen Werkzeuge, Schiffswellen, Dampfräder, Glocken, auch die Schienen für den rasanten Ausbau des Eisenbahnnetzes in Deutschland, später dann die Kanonen für den Kaiser und schließlich auch für Hitler. 1905 überstieg die Einwohnerzahl erstmals die Grenze von 100.000, und Bochum war Großstadt. 1929 noch war Bochum mit 74 Schachtanlagen die zechenreichste Stadt Europas.
Es war ein Zukunftszeichen
Bochum, das heute 375.000 Einwohner hat, ist zwischen den beiden dominanten Ruhrgebietsgroßstädten Essen und Dortmund eingeklemmt. Aber Bochum hat aus seiner Lage oft das Beste gemacht. Vor fünfzig Jahren, als das ganz große Zechensterben begann, bekam nicht Essen oder Dortmund vom Land den Zuschlag für die erste Universitätsneugründung der Bundesrepublik Deutschland, sondern Bochum. Und als in jener Zeit die Montan-Fürsten in Dortmund die Zeichen der Zeit nicht erkannten und die Ansiedlung von Opel auf ihrem Gebiet unterbanden, weil sie befürchteten, der Autobauer werde ihnen die Arbeiter mit hohen Löhnen abwerben, griff Bochum zu.
Das Opel-Werk, das im Herbst 1962 auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Dannenbaum im Stadtteil Laer seinen Betrieb aufnahm, war ein Zukunftszeichen, das wichtigste „Symbol der wirtschaftlichen Umstrukturierung“ im Ruhrgebiet, wie der Wirtschaftshistoriker Dietmar Petzina schreibt. In den besten Zeiten fanden 21000 Leute Beschäftigung bei Opel. Und so wie sich die Arbeiter bei Krupp stolz Kruppianer nannten, so nannte sich, wer bei Opel Autos baute, Opelaner.
Rainer Einenkel kommt von einer Beerdigung. Seine Kollegen und er haben einen alten Betriebsratskollegen zu Grabe getragen. Natürlich drehten sich die Gespräche beim Leichenschmaus nur um die eine Frage: wie es weitergeht bei Opel in Bochum. Nun ist Einenkel, der Betriebsratsvorsitzende, noch einmal in sein Büro in das aus roten Backsteinziegeln gemauerte Opel-Werk gekommen, weil er sich vorbereiten will. Am nächsten Morgen muss er wieder einmal nach Rüsselsheim zur Opel-Zentrale.
Vielleicht erfährt er dann endlich mehr. Vielleicht hält die „andere Seite“, wie Einenkel die Opel-Mutter „General Motors“ nennt, die Bochumer aber wieder nur hin. Irgendwann in diesem zermürbenden Spiel hat Einenkel drei Jonglierbälle auf seinen Tisch gelegt. Manchmal benutzt er sie, wenn er eine kurze Auszeit von seinem großen Kampf braucht, den er seit Jahren schon kämpft. Neben dem Tisch am Kleiderständer hängt das offizielle Demo-Hemd der Opelaner mit dem Aufdruck „Wir bleiben Bochum“.
Einenkels Vater Manfred gehörte zu jenen, die 1962 mit der Produktion des Opel Kadett A in Bochum begannen. Er war ein schönes Auto. Er war ein gutes Auto. Dem Käfer auch technisch klar überlegen. Rainer Einenkel ist seit 1972 Opelaner. Er hat alle Höhen erlebt und in den letzten Jahren dann alle Tiefen. 3.800 Opelaner gibt es heute nur noch in Bochum. „Sechs Schließungspläne haben wir schon abgewehrt“, sagt Einenkel. Ob es ein Sieg in Etappen oder ein Sterben auf Raten ist? Einenkel spricht lieber vom Auto, das die Opelaner heute in Bochum bauen.
Der Zafira ist ein schönes Auto. Er ist ein gutes Auto. Fast alle Vergleichstests hat er gewonnen. Gegen den allgemeinen Opel-Trend legt der Zafira in der Zulassungsstatistik zu. Vom Abzug der Zafira-Produktion aus Bochum zu reden sei dummes Geschwätz, sagt Einenkel. Am Mittwoch heißt es dann aus Rüsselsheim, das Werk Bochum solle zumindest so lange erhalten bleiben, bis die Zafira-Produktion Ende 2016 ausläuft. „Schon 2015 aber brauchen wir ein zweites Modell, sonst können wir nicht weiterbestehen“, sagt Einenkel.
Der Nokia-Schock wirkt bis heute nach
Anselm Weber, der Intendant des Bochumer Schauspielhauses, dreht sein Mobiltelefon verlegen um. Es ist von Nokia und also von jener Firma, mit der man in Bochum eigentlich nichts mehr zu tun haben will. „Aber es will einfach nicht kaputtgehen“, entschuldigt sich Weber. Die Finnen ließen viele Jahre lang Handys in Bochum herstellen. Bis zu 3.000 Leute arbeiteten in dem mit Subventionen aufgebauten Werk. Nokia in Bochum, das schien ein sicheres Zukunftszeichen an die digitale Welt. Doch 2008 ging alles ganz schnell. Am 15. Januar gaben die Finnen bekannt, dass man das Werk schließe und die Produktion nach Rumänien verlagere.
Der Schock, vom Eiswind der Globalisierung so unvermittelt erfasst worden zu sein, wirkt bis heute nach. Denn Nokia war anders als Opel immer ein potenter Gewerbesteuerzahler. Nokia ging es blendend. Am 30. Juni 2008 standen trotzdem alle Nokianer, wie sich die Angestellten stolz nannten, auf der Straße. Niemand konnte ihnen erklären, warum das so sein musste. Die Opelaner bauten aus Solidarität einen Tag lang keine Autos. Und Bochum reagierte mit Reinigungsritualen. Vor dem Schauspielhaus stand eine Tonne, in die jeder sein Nokia-Handy schmeißen konnte.
Die Tonne stand nicht zufällig vor dem Schauspielhaus, das an der Bochumer Königsallee wie ein stolzer Dampfer in die Stadt hineinragt. Theater in Bochum ist eine große Sache. Berühmt ist die Bühne in ganz Deutschland. Einst machte sie mit ihrem Bochumer Stil als Shakespeare-Bühne von sich reden. In den siebziger und achtziger Jahren hatten Claus Peymann und Peter Zadek als Intendanten in Bochum ihre beste Zeit. Schauspieler reißen sich um Gastauftritte in Bochum. Theater in Bochum war aber auch immer ganz nah beim Volk. Webers Vorgänger Elmar Goerden brachte das Nokia-Desaster als Drei-Mann-Stück mit dem Titel „Connecting People“ auf die Bühne.
„In München oder Hamburg sehnen sie sich als Theatermacher nach Realität. Hier sind Sie mittendrin“, sagt der Bayer Weber, der in München und Hamburg Theater geführt hat, seit 2010 Intendant in Bochum ist und „politisches Stadttheater“ macht, wie er sagt. Natürlich plant Weber deshalb in diesen Tagen eine Solidaritätsaktion für die Opelaner. „Aber wenn eine Stadt so gebeutelt wird wie Bochum, muss man irgendwann anfangen, das Gegenteil zu behaupten. Eine Stadt möchte stolz sein.“ Auch andere Städte hätten sich schon neu erfinden müssen. „Bochum hat es lange versäumt, über den Neuanfang zu reden.“
Die Ruhr-Universität (RUB) am Rande einer Anhöhe über dem Kemnader See in Bochum-Querenburg ist beides zugleich: der Ort, an dem sich Bochum immer wieder neu erfindet, und eine Beton-Zumutung im Trabantenstadt-Format. Dafür liegt bei der RUB alles nah beieinander. Und weil das ziemlich praktisch ist, ist der 1949 in Bochum geborene Elmar Weiler der RUB treu geblieben. Er studierte dort Biologie und Chemie und habilitierte sich.
Drei Jahre war er Professor in Osnabrück, dann folgte er gerne dem Ruf aus Bochum auf den Lehrstuhl für Pflanzenphysiologie. Für seine Forschung ist er auf den Botanischen Garten der Universität angewiesen, der steil zur Ruhr hin abfällt. Kaum sonst wo seien die Bedingungen so gut wie in Bochum, sagt Weiler. Einen Ruf der TU München lehnte er ebenso ab wie das Angebot, Direktor des Max-Planck-Instituts für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam zu werden. Seit 2006 ist Weiler Rektor der RUB.
„Wir wollen an die Weltspitze“
Die RUB ist eine der forschungsstärksten Universitäten in Deutschland. Nur ganz knapp scheiterte sie 2007 in der Exzellenzinitiative des Bundes. Die neueste Idee soll bald am Ostrand des weitläufigen Campus ihre Heimat finden: Dort wird ein sogenanntes Solvation-Zentrum gebaut, in dem Lösungsmittelprozesse erstmals umfassend mit chemischer, physikalischer und ingenieurwissenschaftlicher Grundlagenforschung erkundet werden sollen. „Wir wollen hier an die Weltspitze“, sagt Weiler.
Die Hochschule hat sich mit dem Projekt bei der Exzellenzinitiative des Bundes beworben. Es ist eine seltsame Parallelität der Ereignisse: Während die Opelaner erleichtert sind, dass GM das Licht in Bochum doch noch nicht gleich ausmacht, kann die Ruhr-Universität auf den nicht nur prestigeträchtigsten Erfolg ihrer Geschichte hoffen: Bekommt Bochum am Freitag den Exzellenz-Zuschlag, fließen in den kommenden Jahren im Idealfall insgesamt mehr als 100 Millionen Euro Fördergelder an die RUB.
Es sei ein kluger Entschluss gewesen, den Leuten im Ruhrgebiet eine Universität „vor die Nase“ zu setzen, sagt Weiler. „Die Ruhr-Uni eröffnete neue Bildungschancen in einer Männer- und Arbeitergesellschaft.“ Heute gilt das Ruhrgebiet als eine der dichtesten Hochschullandschaften Europas. „Aus einer von Kohle und Stahl geprägten Gesellschaft hat sich, ein Stück weit, eine Wissensgesellschaft entwickelt. Das ist nicht abgeschlossen, wird es vielleicht nie sein, aber gerade deshalb behalten die Universitäten ihre Aufgabe in der Region.“ Allein in Bochum gibt es heute neun Hochschulen. Zudem entsteht in Bochum ein sogenannter Gesundheitscampus, auf dem das Land Nordrhein-Westfalen viele seiner medizinischen Einrichtungen konzentrieren will.
Norbert Lammert hätte sich gerne bei Raimund Ostendorp verabredet. Er schätzt die Currywürste im „Profi-Grill“. Weil aber dienstliche Pflichten den Bundestagspräsidenten in Berlin binden, analysiert der Bochumer Lammert die Bochumer Lage mit Lust zur Schärfe am Telefon. Ja, Bochum könne sich etwas darauf einbilden, immer wieder einen glücklichen Griff auf Neues wie Opel, die RUB und den Gesundheitscampus gemacht zu haben. Und doch sei das ganze Ruhrgebiet durch Eigensinn und Kirchturmdenken weit unter den Möglichkeiten geblieben.
Schon auf die Bergbau- und Stahlkrise habe man keine gemeinsame Antwort gehabt. Und auch wenn jeder vernünftige Mensch alles dafür tun müsse, das Opel-Werk in Bochum zu halten, solange es auch nur einen Rest an Aussicht gibt, sei doch die Behauptung „Opel ist Bochum, Bochum ist Opel“ genauso gut gemeint und genauso wenig zutreffend wie früher die Behauptung „Kohle ist Bochum und Bochum ist Stahl“.
