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BND-Chef Gerhard Schindler Der uneitle Terrorismus-Bekämpfer

Gerhard Schindler bringt frischen Wind in den BND. Anders als sein Vorgänger Uhrlau scheut er nicht das Risiko. Präzise Informationen liefert sein Dienst über die Situation in Syrien. Der BND-Chef hat sich festgelegt, dass das Assad-Regime seinem Ende entgegengehe.

© dpa Vergrößern Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Gerhard Schindler: „Bleibt abzuwarten“ ist nicht sein bevorzugter Sprachgebrauch

Im Juni vor zwei Jahren reiste Wolfgang Schäuble nach Ägypten. Der damalige Bundesinnenminister traf sich mit Kollegen aus der ägyptischen Regierung, hielt eine Rede an der Universität Kairo über die Bedeutung der Religion für die Gesellschaft und sprach mit Priestern der christlichen Minderheit der Kopten. Zu seiner Reisegruppe gehörte der Leiter der Sicherheitsabteilung des Ministeriums. Doch der blieb bei den offiziellen Terminen verschwunden. Später stellte sich heraus, dass er die Zeit in Kairo für den Besuch einschlägig bekannter Islamschulen genutzt hatte, um zu erfahren, welche jungen Männer aus Deutschland sich dort zum Studium eingeschrieben hatten.

Markus Wehner Folgen:  

Die Geschichte mag typisch sein für Gerhard Schindler. Er macht sein Ding, aber kein Aufheben davon. Seit acht Monaten ist der 59 Jahre alte Verwaltungsjurist Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Chef von rund 6000 Männern und Frauen, von denen 2500 in Berlin, 3000 in Pullach und knapp 500 an vielen verschiedenen Orten der Welt arbeiten. Das kostet den Steuerzahler 500 Millionen Euro im Jahr. Lohnt sich das? Oder kann man das, was der BND liefert, nicht auch aus der Zeitung und im politikwissenschaftlichen Institut günstiger bekommen?

Vorgänger Uhrlau scheute das Risiko

Schindler nimmt diese Frage ernst. Unter seinem Vorgänger Ernst Uhrlau war es nach einer Reihe von Skandalen und Pannen still um den BND geworden, auch deshalb, weil Uhrlau jedes professionelle Risiko scheute, und der Dienst immer mehr zum zweiten Bundesverwaltungsamt wurde. Schindler will das ändern. Er will den BND wieder auf sein Kerngeschäft ausrichten, also auf nachrichtendienstliche Informationen, die durch Quellen und Technik gewonnen werden.

Und er will Schwerpunkte setzen. Etwa in Afghanistan, wo sich ständig 50 BND-Mitarbeiter um den Schutz der Bundeswehr kümmern. In den vergangenen anderthalb Jahren will der BND so neunzehn Anschläge verhindert haben. Auch nach dem Abzug der Bundeswehr will der BND mit gleicher Stärke im Land bleiben. Schwerpunkte sollen auch die Krisengebiete im Nahen Osten, in Nordafrika und Iran sein.

Präzise Analysen über die Lage in Syrien

Zurzeit steht Syrien oben an. Während unter Schindlers Vorgänger nach der Schließung der Deutschen Botschaft in Damaskus den BND-Mitarbeitern verboten wurde, weiter Informanten aus dem Land zu kontaktieren, hat der neue BND-Chef die entgegengesetzte Strategie angewandt.

Flottendienstboot vor Syriens Küste?

Heute kann der BND besonders gute Analysen der Vorgänge in Syrien liefern. Das Auswärtige Amt sieht sich auf diese Informationen angewiesen. Nach einem Bericht der „Bild am Sonntag“ kreuzt ein sogenanntes Flottendienstboot mit modernstes „Spionagetechnik“ des BND vor der Küste Syrien. Damit ließen sich Truppenbewegungen bis zu 600 Kilometer tief in Syrien beobachten. Der BND reiche die gewonnenen Erkenntnisse, etwa über militärische Einsätze der Assad-Armee, an amerikanische- und britische Partnerdienste weiter. Von dort aus gelangten auch Informationen an die syrische Befreiungsarmee, hieß es.  Zudem hörten BND-Mitarbeiter vom türkischen Nato-Stützpunkt in Adana aus Telefonate und Funkverkehr aus Syrien ab. Daneben werde der informelle Kontakt zu Quellen im direkten Umfeld des Assad-Regimes gehalten.

Das Bundesverteidigungsministerium dementierte den Bericht. Das Flottendienstboot, das für Frühwarn-, Melde- und Aufklärungsarbeiten konzipiert sei, kreise seit Jahren routinegemäß auch im Mittelmeer, derzeit befinde es sich im Hafen Talikari in Sizilien,sagte ein Ministeriumssprecher. Informationsbeschaffung sei keine Spionage. Der BND wollte den Bericht der Zeitung an diesem Sonntag nicht kommentieren.

Kein Haudegen

Gleichwohl hat sich Schindler festgelegt, dass das Assad-Regime seinem Ende entgegengehe. „Bleibt abzuwarten“ ist nicht sein bevorzugter Sprachgebrauch. Dabei ist Schindler kein Haudegen, keiner, der gern das große Wort führt. Zwar hat er einer Reihe von Innenministern sehr klar gemacht, was er für die innere Sicherheit und die Terrorismusbekämpfung für unabdingbar hält. Er tat das ebenso bestimmt wie freundlich. Mitarbeiter und Kollegen beschreiben ihn als umgänglich, teamfähig und absolut uneitel. Als er BND-Präsident wurde, war im Innenministerium kein Lebenslauf von ihm aufzutreiben.

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