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Porträt Schönbohm „Wilde Schwermut“

05.08.2005 ·  Seine Rolle ist es, „den Wessi zu machen“: Nach seinen umstrittenen Äußerungen zu den Säuglingsmorden wird auf Brandenburgs Innenmminister Schönbohm (CDU) mal wieder eingedroschen - ein eingespieltes Ritual.

Von Mechthild Küpper, Berlin
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Jetzt dreschen wieder alle auf Jörg Schönbohm ein; das ist in der deutschen Politik ein eingespieltes Ritual. Dabei gehört seine unkomplizierte, selbstdenkende, frisch formulierende Art unbedingt zu den Vorzügen des Brandenburger Innenministers.

Doch würdigen das diejenigen, die mit ihm in irgendeiner Funktion persönlich zu tun bekommen, offenbar viel stärker als diejenigen, die ihm und seinen Ansichten nur im Fernsehen oder durch Zeitungsinterviews begegnen.

Schönbohm macht den Wessi

Entsetzt über den Fall von Sabine H., die beschuldigt wird, neun ihrer Kinder nach der Geburt umgebracht zu haben, gab er ein Interview, von dem er schon ahnte, daß es ihm und der CDU, deren Brandenburger Landesverband er vorsteht, den Bundestagswahlkampf nicht gerade erleichtern würde: „Jetzt werden natürlich wieder viele sagen, der Wessi tritt uns Ossis ins Kreuz“, begann er, und dann sagte er, die von der SED erzwungene Proletarisierung sei in seinen Augen „eine der wesentlichen Ursachen für Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft“.

Schönbohm ist gebürtiger Brandenburger, er kam 1937 in Neu-Golm zur Welt, doch das hilft ihm in der „kleinen DDR“ Brandenburg nicht im geringsten: Ministerpräsident Platzeck (SPD) ist „einer von uns“, Schönbohm (CDU) macht den Wessi, so sind die Rollen verteilt. Sein Parteifreund Diestel (Ossi) erklärte ihn zum „Schnösel Schönbohm“ und sagte Angela Merkel voraus, Schönbohms wegen werde die CDU im Osten Wähler verlieren.

Alle erklären Schönbohm, daß die mangelnde Anteilnahme und die Gewaltbereitschaft, die in Brandenburg erschreckend häufig sichtbar werden, nur von einem Wessi in einen Zusammenhang mit dem Leben im SED-Staat gesetzt werden können und daß, wer diesen Zusammenhang herstellt, es nicht gut mit den Ossis meinen kann.

Zwei legitime Sichtweisen

Platzeck rügte seinen Stellvertreter, Kommentatoren legten dar, wie sehr er sich irre, abermals forderten etliche Politiker seinen Rücktritt, und angeblich glühten am Mittwoch die Telefone in der Potsdamer Staatskanzlei im Volkszorn über Schönbohm.

Der Leipziger Psychiater Maaz äußerte gar, es sei „erschreckend, daß ein Minister aus einem ostdeutschen Bundesland so über die Menschen in Ostdeutschland denkt“. Dabei denkt Maaz ganz ähnlich: „Nach der Wende“, sagte er der Berliner „Tageszeitung“, habe er viele Menschen behandelt, „die durch Verlust dieser Strukturen erst krank geworden sind“, die also das abrupte Verschwinden der gewohnten Kollektive schwer ertragen hätten.

„Abweichenden Meinungen“

Schönbohm, der seit 1990 „im Osten“ arbeitet - er erwarb sich höchstes Ansehen dafür, wie er die Nationale Volksarmee der DDR abwickelte und den Abzug von 340.000 Sowjetsoldaten aus Deutschland begleitete - blickt auch 16 Jahre nach der Revolution mit Anteilnahme auf die Zustände davor.

Die heutigen Verhältnisse erklärt er sich mit den früheren. Maaz aber sieht, wie viele Ostdeutsche, vor allem die Effekte des Bruchs, die Risse nach der Zäsur, die Schmerzen des Zusammenbruchs und des Neubeginns. Beide Sichtweisen sind legitim; doch Schönbohm erlebt dieser Tage, was er oft für seine „abweichenden Meinungen“ über den Osten erfährt: Sie werden seiner geistigen Verwurzelung im Westen zugeschrieben, er wird damit für Aufgaben im Osten delegitimiert. Er ist als Verteidigungsminister im Kabinett Merkel im Gespräch.

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