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Porsche Die Fliehkräfte eines Überholmanövers

23.07.2009 ·  Nachher ist man immer schlauer. Trotzdem hätten die kühnen Pläne des Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking funktionieren können. Doch es kam anders. Die Geschichte seines Scheiterns.

Von Susanne Preuß
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Am Ende musste es einfach noch einmal etwas ganz Besonderes sein. „Versüßen 250 Millionen Euro Wiedeking den Abschied?“, prangt es am Donnerstag als Überschrift einer Stuttgarter Regionalzeitung. Die Eigentümerfamilien von Porsche wollten den Chef unbedingt loshaben und seien daher bereit, „mindestens“ 250 Millionen Euro für die Abfindung in die Hand zu nehmen. Die Spekulation über diese gigantische Abfindungssumme für Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hatte es am Vorabend schon in die Fernsehnachrichten geschafft, weil die vermeintliche Enthüllung aus Stuttgart schon verbreitet worden war. 250 Millionen Euro: Alle 12.000 Mitarbeiter des Stuttgarter Sportwagenbauers verdienen zusammen 1,2 Milliarden Euro, also nicht einmal fünfmal so viel wie diese angebliche Ablösesumme. Doch unglaublich schien im Fall Wiedeking nichts mehr zu sein: so hohe Gehälter, so hohe Schulden, so gewagte Vorhaben – das gab es nur dort, wo Wiedeking seit 17 Jahren regierte: bei Porsche.

Und so viele Überraschungen. Um 6.43 Uhr am Donnerstag sah die Welt schon ganz anders aus. Vorstandsvorsitzender Wiedeking verlasse das Unternehmen, meldete Porsche in einer Ad-hoc-Mitteilung aus der seit mehr als zwölf Stunden laufenden Aufsichtsratssitzung heraus. Und siehe da: Die Abfindung liegt mit 50 Millionen Euro gerade mal bei einem Fünftel der kolportierten Summe. Die Hälfte des Betrags werde einer sozialen Einrichtung gespendet, heißt es in der Meldung, die andere Hälfte, das kann man sich ausrechnen, bekommt im Wesentlichen das Finanzamt. Oft genug hat Wiedeking darauf hingewiesen, dass er all seine üppigen Gehälter schließlich in Deutschland versteuere. Und Wiedeking provoziert damit schon wieder: selbstgerecht bis zum Schluss.

Im Morgengrauen war Wiedeking weichgeklopft

Dabei, so ist zu hören, hat der Anwalt Wiedekings sehr wohl ausgerechnet, dass dem Porsche-Manager aufgrund seines bis 2012 laufenden Vertrags eine Abfindung von 255 Millionen Euro zustünde. Bei Porsche kam man immerhin noch auf 170 bis 175 Millionen Euro – auch das noch jenseits aller Vorstellungskraft. Doch Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück, obschon lange Jahre ein treuer Vasall des patriarchalischen Wiedeking, platzte der Kragen. Das werde er nicht mittragen, tobte er. Irgendwann im Morgengrauen, dazwischen lag noch ein Kompromissvorschlag von 80 Millionen Euro vor, war Wiedeking weichgeklopft.

Nachher ist man immer schlauer. Trotzdem hätten die kühnen Pläne des Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking funktionieren können. Doch es kam anders. Die Geschichte seines Scheiterns.

Wiedeking, promovierter Maschinenbauingenieur, Vater zweier Kinder, steht wenige Wochen vor seinem 57. Geburtstag vor einem Scherbenhaufen. Sein Plan geht nicht auf. Er wollte allen zeigen, dass der kleine Sportwagenbauer Porsche, den er vom Pleitekandidaten zum weitaus rentabelsten Autohersteller der Welt gemacht hatte, in der Lage sein würde, Volkswagen zu übernehmen und zu beherrschen. Aus dem größten Autohersteller Europas könnte er eine Goldgrube machen, so seine Vision. Würde bei Volkswagen nur alles so am Schnürchen laufen wie bei Porsche, dann gäbe es dort keine Sex-Affären und keine Korruption, stattdessen aber Renditen in ungeahnten Höhen. Die Eigentümerfamilien von Porsche glaubten ihm gern.

Schließlich lockte Wiedeking auch noch mit der schier unglaublichen Fähigkeit zur Geldvermehrung, die Porsche- Finanzvorstand Holger Härter in den Jahren zuvor schon bewiesen hatte. Der Finanzjongleur hatte es geschafft, dass Porsche immer am Dollar-Kurs verdiente, egal, wie der Kurs sich entwickelte. Das war etwas ganz Besonderes für den Sportwagenbauer, der einst beinahe pleitegegangen wäre, weil die teuren Autos in Amerika, dem wichtigsten Abnehmerland, unerschwinglich geworden waren. Nun sollte sich der David-Goliath-Deal ähnlich selbst finanzieren, indem Porsche durch seinen Einstieg für steigende VW-Kurse sorgte und Porsche genau darauf spekulierte.

Viel Porzellan zerschlagen

Es hätte tatsächlich klappen können, meinen viele, die sich mit der Idee befasst haben. Wenn nicht die Finanzkrise gekommen wäre. Wenn der Westfale Wiedeking durch seine forsche Art bei der selbstbewussten VW-Belegschaft nicht allzu viel Porzellan zerschlagen hätte. Wenn Härter nicht die Banken, also die potentiellen Kreditgeber, so brüskiert hätte. Wenn das VW-Gesetz wirklich gefallen wäre und Porsche durch einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag direkten Zugriff auf die VW-Mittel hätte nehmen können. Wenn Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff nicht so vehement für den größten Arbeitgeber in seinem Land gekämpft hätte. Wenn die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch, eine Sippschaft von mittlerweile rund fünf Dutzend Mitgliedern, sich im Klaren gewesen wären, was sie wirklich wollen. Und wenn Wiedekings Erzfeind, der Porsche-Miteigentümer und VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch, die Sache nicht immer wieder hintertrieben hätte.

Es sind zu viele Wenns, als dass Wiedeking hätte Erfolg haben können, mag man im Nachhinein sagen. Wiedeking selbst hat das längst gespürt. „Die Krise macht uns mit messerscharfer Eindringlichkeit bewusst, dass der Erfolg von gestern Geschichte ist. Und sie lehrt uns, was wir zwar wissen, aber im Erfolgsrausch allzu gerne verdrängen, dass er jeden Tag neu erarbeitet werden muss“, sagte Wiedeking Ende Januar bei der Porsche-Hauptversammlung in Stuttgart. Da musste er zugeben, dass in den Monaten zuvor 27 Prozent weniger Autos verkauft worden waren, ein herber Rückschlag für den Sportwagenbauer, bei dem zuvor immer alles aufwärts gegangen war. Verkaufte Autos, Umsatz, Gewinn, Bonuszahlungen für Mitarbeiter – ein Rekord nach dem anderen, so war man das gewohnt, so wollten es die Porsche-Aktionäre hören. Wiedeking servierte ihnen auch Superzahlen über das zurückliegende Geschäftsjahr, in dem Porsche mehr Gewinn als Umsatz gemacht hatte, ein Kunststück, das nur funktionierte, weil Porsche da schon längst zu einem Hedge-Fonds mit angeschlossener Autofabrik geworden war.

Der letzte, entscheidende Fehler war zu diesem Zeitpunkt schon gemacht: Anfang Januar hatte das Stuttgarter Unternehmen seine Beteiligung an Volkswagen von gut 42 auf über 50 Prozent aufgestockt und dafür Schulden gemacht. „Ja, wir werden auch Glück brauchen“, sagte Wiedeking in der Hauptversammlung. Was er nicht sagte, aber längst wusste: Die Banken waren unruhig geworden, wollten den Weg nicht mehr mitgehen, Kredite waren nur noch nach mühevollen Verhandlungen und zu relativ schlechten Konditionen zu erhalten. Das Scheitern nahm seinen Lauf – mit den Stimmen der Familien übrigens, die der Kapitalaufstockung zugestimmt hatten.

Wendelin Wiedeking: Schon lange angezählt

Die Verantwortung trägt nun Wiedeking. Lange schon ist er angezählt. Spätestens seit VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch im Mai auf Sardinien Giftpfeile auf ihn abgeschossen hat, war klar, dass ein Wunder geschehen müsste, wenn Wiedeking noch lange Chef von Porsche bliebe. Die erste Eilmeldung über Wiedekings Ablösung wurde am Mittwoch vor einer Woche über die Agenturen in die Redaktionsstuben gejagt. Das Dementi kam prompt, doch Wiedeking durfte sich fortan als Randfigur üben: Bei der Jubiläumsfeier zum 100. Geburtstag von Audi wurde er weitab von der Prominenz in die zweite Reihe gesetzt, obwohl er auch dem Audi-Aufsichtsrat angehört. Niedersachsens Ministerpräsident Wulff, der mit VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch ganz vorne saß, hatte dem Porsche-Manager da schon ein Denkmal gesetzt: „Wiedeking hat bei dem Versuch, Volkswagen zu übernehmen, die richtige industrielle Logik erkannt: dass man gemeinsam mehr erreicht als alleine und dass Porsche einen industriellen Partner braucht angesichts eigener geringer Stückzahlen“, sagte der Politiker, der die Kunst des vergifteten Lobs beherrscht. „Er kann sich mit als Vater dieses integrierten Konzerns sehen.“ Wiedeking ließ sich am Donnerstag mit den Worten vernehmen: „Leider. Es tut mir in der Seele weh.“

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Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.