22.02.2012 · Beim politischen Aschermittwoch musste sich Horst Seehofer dieses Jahr zurückhalten - mit seinem Amt als Übergangs-Bundespräsident schien die gewohnte Derbheit nicht vereinbar. Deshalb übernahm Edmund Stoiber.
Von Reinhard Bingener, PassauDie Fastenzeit ist eine Zeit der Mäßigung, auch und gerade in Bayern. Statt einem saftigen, zwei Finger dicken Leberkäse klemmen am Aschermittwoch in der Passauer Dreiländerhalle nur zwei verschwitzte Scheiben Emmentaler oder „Lachsersatz“ in der Semmel. Die Mäßigung, die sich Horst Seehofer dieses Mal auferlegt, hat allerdings wenig mit Brauchtum, sondern mit den ganz besonderen Umständen des Aschermittwochs 2012 zu tun.
Seit sechzig Jahren zählt es zu den Amtspflichten eines CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten, zur Mehrung des eigenen Ruhms sowie zur Belustigung des bayerischen Volkes an diesem Tag den politischen Gegner von Passau aus mit ausgesuchter Derbheit und verbalen Schlägen von besonderer Härte zu traktieren. Doch der Rücktritt Christian Wulffs am vergangenen Freitag durchkreuzt dieses Ritual, weil Seehofer als derzeitiger Präsident des Bundesrates bis zur Wahl Joachim Gaucks auch die Amtsgeschäfte des Bundespräsidenten zu führen hat.
Bereits in der Nacht auf Freitag, noch Stunden vor der Rücktrittserklärung Wulffs, dämmerte es der CSU, dass es mit den auf Seehofer zukommenden, interimsstaatsoberhäuptlichen Aufgaben unvereinbar sein könnte, in Passau auf die gewohnte Weise auszuteilen. Unmöglich wäre es, wenn Seehofer in dieser Position gegen die Euro-Retter stänkerte, undenkbar, wenn er einen Tag vor der Gedenkfeier für die Opfer des NSU-Terrors am Donnerstag beim Aschermittwoch die Schweinshaxen gegen die Dönerspieße verteidigte.
Seehofer gibt sich also alle Mühe, dass man ihm die neuen staatsmännischen Pflichten, die auf seinen Schultern ruhen, schon beim Gang zum Rednerpult anmerkt - solch bedächtigen Schrittes hat sich schon lange niemand mehr neben eine Blaskapelle gestellt. Nicht Spott, sondern ein mit Milde vorgetragener Stolz prägt dann auch seine Rede. Bayern, du Maß aller Dinge, das ist die Formel, die Seehofer für jedes Politikfeld durchexerziert. Und wenn er doch einmal einen Angriff auf den politischen Gegner wagt, verwendet er als Schutzschild ein Zitat: Kretschmann, der grüne Kollege in Stuttgart, habe schon recht, der Länderfinanzausgleich sei in der Tat ein „bescheuertes System“, das man reformieren müsse. Am bissigsten ist Seehofer nicht nur in Richtung der anderen Parteien, sondern, als er mit selbstironischer Spitze in die eigene Partei sagt: „Wir sind das Original, die anderen die Plagiate.“ So tief ist der Stern Karl-Theodor Guttenbergs also gesunken, dass man sich vor mehreren tausend CSU-Anhängern über ihn lustig machen kann.
Eine Rede zum Aschermittwoch ist die Rede Seehofers nicht. Das nach Passau angereiste Parteivolk nimmt es mit Langmut - Seehofer könnte es ja besser, wenn er nur dürfte - und der Höhepunkt des Vormittags folgt ja erst noch. Denn in seiner Not hat das CSU-Präsidium am Samstag beschlossen, den vor fünf Jahren gestürzten Edmund Stoiber zu reaktivieren und den politischen Aschermittwoch 2012 mit gleich zwei Hauptrednern zu bestreiten. Mit der Rückkehr Stoibers auf die große Bühne vermied die Parteiführung auch eine Antwort auf die Frage, wer denn sonst geeignet wäre, für den umständehalber unpässlichen Parteivorsitzenden in die Bresche zu springen.
Jeder jüngere, der sich in diese Rolle begeben hätte - Landesfinanzminister Markus Söder und Landesinnenminister Joachim Herrmann waren gerüchteweise dafür im Gespräch -, wäre sogleich als der potentielle Nachfolger Seehofers gesehen und beschrieben worden. Die Brisanz dieser Frage ist so offenkundig, dass Seehofer selbst in einem Interview als einen Grund für das Zurückgreifen auf Stoiber nannte, man wolle in Passau keinen Kronprinzen präsentieren.
Allerdings hat auch der Auftritt Stoibers unangenehme Seiten für Seehofer. Schon beim gemeinsamen Einzug zu den Klängen des bayerischen Defiliermarschs wird deutlich, dass die Liebe der Anhängerschaft sich sehr ungleich auf die beiden Hauptredner aufteilt. Seehofer wird begrüßt, Stoiber aber gefeiert. Von hinten im Saal liest man auf den hochgereckten JU-Plakaten „Seehofer wunderbar“, weil die Parteijugend die Vorderseite mit dem Aufdruck „Stoiber Superstar“ in Richtung Bühne streckt.
Die mit der Einladung Stoibers geweckte Erwartung, der früher ehrfurchtsvoll „das blonde Fallbeil“ genannte CSU-Ehrenvorsitzende werde an Seehofers Stelle die „Abteilung Attacke“ übernehmen, hat Stoiber allerdings bereits am Montag zurückgewiesen. Er wolle sich auf „grundsätzliche Anmerkungen zur politischen Lage“ beschränken, ließ er da wissen. Stoiber hält Wort. Seine Darlegungen, Erwägungen und Betrachtungen zur Zukunft Europas lassen die Zuhörer ratlos in die Bierkrüge starren.
Auch Stoibers gepresstes Stakkato und seine traditionelle, mehrstufig ausgebaute Fußballmetapher („Ich stehe ja nicht mehr am Spielfeld, sondern sitze auf der Tribüne und drücke von dort aus meine Daumen, aber wenn dann die Mannschaftsführung auf mich zu kommt und fragt...“) können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Stoibers neue Popularität weniger seiner Redekunst, sondern eher mit der Erinnerung an die Ära Stoiber verbunden ist, in der die CSU unangefochten und Bayern noch unbestrittene „Benchmark“ in Deutschland war.
Das allerdings könnte - mehr noch als die Verlegenheit nach dem Wulff-Rücktritt - die Erklärung dafür sein, warum Seehofer eine „Edmund, Edmund“ skandierende Parteibasis in Kauf genommen und seinen Vorvorgänger nach Passau eingeladen hat. Im Landtagswahlkampf 2013 scheint Seehofer sich wie einst Stoiber als erster Fitnesstrainer des Freistaates profilieren zu wollen. Auch der ehrgeizige Trainingsplan, den Seehofer für Bayern entworfen hat, atmet stoiberschen Sportsgeist: Bis 2030 soll das Land schuldenfrei sein. Nach all den Jahren der peinigenden Selbstbeschäftigung und den bei der Landesbank verlorengegangenen Milliarden scheint Seehofer nun wieder die Zeit für eine energische Vorwärtsvision gekommen, zumal diese auch seinen Herausforderer Christian Ude von der SPD unter Druck setzen dürfte, im Wahlkampf keine allzu kostspieligen Versprechungen zu machen.
Die explizite Beschäftigung mit der SPD, die in Vilshofen ihren politischen Aschermittwoch erstmals in einem Bierzelt begeht, überlassen die von höheren Pflichten ganz in Beschlag genommenen Staatsmänner Seehofer und Stoiber Generalsekretär Alexander Dobrindt. Bei rein äußerlicher Betrachtung könnte auch der Auftritt des CSU-Generalsekretärs, der sein ganz persönliches Fitnessprogramm bereits absolviert hat, als Beleg dafür angeführt werden, dass der politische Aschermittwoch der CSU wohl niemals zuvor weniger Bierzeltcharakter hatte als in diesem Jahr.
Beim Humor Dobrindts allerdings fühlt man sich im Unterschied zu seiner neuen Brille nur selten an Woody Allan erinnert. Seine Äußerung, Sigmar Gabriel sei „übergewichtig und unterbegabt“, nennt Dobrindt nun eine Untertreibung - Gabriel sei vielmehr ein „übler Foulspieler“. Und nachdem gemeldet wird, dass SPD-Spitzenkandidat Ude in seinem Vilshofener Bierzelt tatsächlich 3.500 Zuhörer um sich versammelt haben soll, lässt es sich Dobrindt nicht nehmen, mit Blick auf 2013 noch einmal die Größenverhältnisse zurechtzurücken: Bei der CSU seien es 7.000.
Die Griechenland-Krise und die Kür von Joachim Gauck zum Kandidaten für das Bundespräsidentenamt haben die Reden zum politischen Aschermittwoch dominiert. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel forderte die Bundesregierung auf, die Konten griechischer Steuerflüchtlinge einzufrieren. „Ich will nicht länger zusehen, dass in Griechenland die Rentner und die kleinen Leute die Zeche zahlen, während die Millionäre und Milliardäre ihr Geld ins Ausland schleppen“, rief er in Vilshofen. Den Zustand der Koalition bezeichnete Gabriel nach dem Streit über die Präsidentennachfolge als verheerend. „Auf dem Schlachtfeld der Koalition sieht es finster aus: Verletzungen, Kollateralschäden, Drohungen, gärendes Misstrauen“, sagte er. „Bei denen ist wirklich Aschermittwoch-Stimmung.“
Der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler forderte in Dingolfing weitere Opfer von den Griechen und sagte, man werde sich nicht erpressen lassen. „Ohne Leistungsbereitschaft wird es kein Wachstum geben“, sagte er. Die Griechen hätten immer wieder Zusagen nicht eingehalten. Auch wenn das Land kollabieren könne, müsse weiter gelten: „Keine Leistung ohne Gegenleistung.“ Rösler verbuchte die Nominierung Gaucks als Erfolg für die FDP. Die Diskussion um Christian Wulff sei quälend gewesen, der frühere DDR-Bürgerrechtler Gauck müsse und könne dem Amt nun die Würde wiedergeben. Unter Applaus verteidigte er die Entscheidung, Gauck auf Kosten des Koalitionsfriedens gegen Kanzlerin Angela Merkel durchzusetzen. „Wenn man uns droht, werden wir noch größer“, sagte Rösler. Die FDP könne zwar eine Wahl verlieren, sie dürfe aber nie ihre Überzeugung verraten. (Reuters)
Es sagt viel über die berufsmoralische CSU aus..
Christian Köhler (Advokaat30)
- 24.02.2012, 22:35 Uhr
warum nicht mal Inhalte wiedergeben?
Erwin Steinhauer (hauer2)
- 23.02.2012, 10:42 Uhr
aschermittwoch
ernst fey (ernst3902)
- 23.02.2012, 09:54 Uhr