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Mission Freiheit : Nutznießer des SED-Regimes

  • -Aktualisiert am

Bundeskanzler Kohl und Rechtsanwalt Vogel 1987 in Berlin (West) Bild: Abb. aus dem bespr. Band

Als Wanderer zwischen beiden Welten hat Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der zugleich in Ost- und West-Berlin eine Lizenz besaß, insgesamt 33 755 Menschen die Freilassung aus DDR-Gefängnissen ermöglicht, wobei die meisten von ihnen in die Bundesrepublik überwechselten.

          Eine der schillerndsten Figuren während der Zeit der deutschen Teilung war zweifellos Wolfgang Vogel. Als Wanderer zwischen beiden Welten hat der Rechtsanwalt, der zugleich in Ost- und West-Berlin eine Lizenz besaß, insgesamt 33 755 Menschen die Freilassung aus DDR-Gefängnissen ermöglicht, wobei die meisten von ihnen in die Bundesrepublik überwechselten. Darüber hinaus verhandelte er erfolgreich den Austausch von rund 150 Angehörigen von Geheimdiensten beider Seiten aus insgesamt 23 Ländern. Das alles war jedoch nur möglich, indem Vogel eng mit der Stasi zusammenarbeitete und zugleich permanente Unterstützung von den höchsten politischen Vertretern beider deutscher Staaten erfuhr, ja genoss.

          Vogels oftmals heikle Tätigkeit wurde von Herbert Wehner, Helmut Schmidt und Hans-Jochen Vogel genauso geschätzt wie von Erich Honecker. Gleichzeitig machte ihn der „Freikauf“ zu einem wohlhabenden Mann. Sein „goldener“ Mercedes war in der DDR mehr als auffällig. Entsprechend gehen die Urteile über ihn bis heute weit auseinander. Jürgen Fuchs, einer der aufrechten DDR-Oppositionellen und vom MfS geradezu manisch verfolgt, sagte über ihn: „Ich glaube, dass einem Mann wie Wolfgang Vogel tatsächlich viel daran liegt, Gefangene rauszuholen. Und dafür gehen er und andere in die Machtstrukturen, übernehmen die Sprachregelung und sind manchmal erfolgreich, wenn die ,Interessenlage‘ es erlaubt.“ Ganz anders Wolfgang Biermann: „Dieser Rechtsanwalt ist eine eindeutig zwielichtige Gestalt, einer, der seit Jahrzehnten davon lebt, dass die DDR Kopfgeld beim Verkauf von unbotmäßigen Landeskindern kassiert. Und von diesem Schandgroschen zweigt Vogel sein Honorar ab - Westpfennige für Menschenfleisch, die sich beim Umfang des Warenumschlags eben summieren. Vogel lebt davon in der DDR so, wie man eigentlich in der DDR nicht lebt.“ Doch wie sah Vogel selbst sein Leben und seine Tätigkeit: „Meine Wege waren nicht weiß und nicht schwarz. Sie mussten grau sein - anders ging es nicht. Ich wollte Anwalt der Menschen zwischen den Fronten sein.“ In der Tat bietet sein Lebensweg genug Stoff für eine Biographie. Norbert F. Pötzl hat sich dieses ambivalenten Lebens zwischen Ost und West angenommen und konnte erstmals aus Vogels Nachlass schöpfen. Er hat auch noch weitere Archive eingesehen und kannte Vogel seit 1992 persönlich. Für ihn fügt sich aus dem umfangreichen Material „das Bild eines oft auf sich allein gestellten Grenzgängers zwischen den Fronten im Kalten Krieg“.

          Im Jahr 1925 in der schlesischen Grafschaft Glatz als Sohn eines Dorfschullehrers geboren, wuchs Vogel in einer bodenständigen, tief katholischen Familie auf. Obwohl er sich nach dem Krieg für den sozialistischen deutschen Staat entschied, der jegliche religiöse Überzeugung bekämpfte, blieb er zeit seines Lebens mit seinem Glauben verbunden. Sich selbst bezeichnet er als Marxist und Katholik. Das muss man erst einmal mit sich vereinen können. Im Herbst 1944 noch als Jugendlicher eingezogen, ist er vom Krieg rasch desillusioniert. Nur knapp überlebt er die Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 und wird danach noch einmal in der letzten Schlacht um Berlin eingesetzt. Des sinnlosen Mordens müde, desertiert er, wird jedoch in Görlitz gefasst und entgeht nur deshalb dem Tod, weil ihn russische Soldaten befreien und wegen seiner Fahnenflucht als Nazi-Gegner ausweisen. Nach weiteren schrecklichen Erlebnissen in seiner völlig zerstörten Heimat beginnt er in Jena im Herbst 1945 und dann in Leipzig Jura zu studieren; im Februar 1949 schließt er es mit dem Referendarexamen ab. Rasch bekommt der junge Jurist hautnah mit, wie aus einer unabhängigen Justiz „Klassenjustiz“ wird; die Abschaffung der Unabhängigkeit von Gerichten erschüttert ihn. Doch Vogel ist ehrgeizig und bleibt in der DDR; 1952 tritt er ins Justizministerium ein.

          Hier gerät er erstmals ins Visier der Stasi, Anfang November 1953 wird er „Geheimer Informator“ (GI). Vier Jahre später erhält er auch die Zulassung in West-Berlin; das MfS erhofft sich substantielle Informationen durch seinen GI über den westdeutschen Klassenfeind. Erst jetzt, als Anwalt in beiden Teilen Berlins, ist Vogel in der Lage, seine spätere Tätigkeit des Häftlingsfreikaufs und des Austausches von Spionen auszuüben. Obwohl er seine Tätigkeit für das MfS reduziert, bleibt er immer damit verbunden, wie auch sonst?

          Durch eine Reihe von Gerichtsprozessen wird Vogel westlichen Stellen bekannt. Seine Stunde schlägt, als nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 die innerdeutschen Grenzen dicht sind. Noch gibt es jedoch kein Verfahren, wie man politische Häftlinge oder Ausreisewillige aus DDR-Gefängnissen herausholen kann; angesichts der unversöhnlichen Haltung beider deutscher Staaten zueinander und dem Umstand, dass die SED mit den Häftlingen über ein Faustpfand verfügt, verwundert das nicht. Im März 1962 gelingt erstmals der Austausch von zwei Häftlingen aus der Bundesrepublik und der DDR; Mitte 1964 setzt der Freikauf ein und wird trotz immer wieder auftretender Probleme bis Ende 1989 durchgehalten.

          Pötzl übergeht nicht, dass sich Vogel von 1993 an gegen Anschuldigungen von Meineid, Bereicherung und Steuerhinterziehung in verschiedenen Prozessen erwehren muss; für ein halbes Jahr ist er in U-Haft. Erst im August 1998 wird er durch den BGH von den Beschuldigungen freigesprochen. Pötzl schildert das alles im Einzelnen, manchmal zu detailliert, aber immer in gut lesbarem Stil. Unverkennbar ist seine Sympathie für Vogel, auch wenn er feststellt, dass dieser „ein Produkt, Vertreter und Nutznießer des Systems, dem er diente, war“. Es hätte nicht geschadet, wenn er sich noch mehr der Frage gestellt hätte, inwieweit Vogel auch zum Dr. Faustus wurde.

          Norbert F. Pötzl: Mission Freiheit. Wolfgang Vogel, Anwalt der deutsch-deutschen Geschichte. Heyne Verlag, München 2014. 512 S., 22,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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