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RAF : Blinde Flecken, linke Fragen

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Bild: dpa

Dieses Buch leistet eine Menge. Aber es bleibt noch viel zu tun. Die RAF-Sympatisantenszene bleibt zum Beispiel deutlich unterbelichtet.

          Der 40. Jahrestag des Höhepunktes des RAF-Terrorismus, des sogenannten „Deutschen Herbstes“, scheint vor allem durch den medial intensiv begleiteten Transport der ehemaligen Lufthansa-Maschine „Landshut“ hervorzustechen. Das über Jahre in Brasilien verrottende Flugzeug war 2017 aufgrund einer Initiative des Auswärtigen Amts gekauft und nach Deutschland transportiert worden. Am 23. September traf es im Friedrichshafener Dornier Museum ein. Dort soll es Teil einer Ausstellung werden, die nicht nur an die Entführung des Flugzeuges 1977 durch palästinensische Terroristen erinnern, sondern dieses Ereignis auch als Teil des „Deutschen Herbstes“ und der Versuche einordnen soll, die inhaftierte erste RAF-Generation freizupressen. Immerhin hat es auch eine Reihe von neuen Büchern sowie Neuauflagen populärer älterer Werke gegeben; doch große Gesamtdeutungen sind nicht dabei gewesen.

          An dieser Einschätzung ändert auch Wolfgang Kraushaars „Die blinden Flecken der RAF“ nichts. Der Politologe und exzellente Kenner der RAF-Geschichte, der mit wichtigen Veröffentlichungen die Erforschung des deutschen Linksterrorismus der 1970er und 1980er Jahre maßgeblich vorangetrieben hat, legt nun eine Sammlung kurzer Beiträge vor, die er offensichtlich im letzten Jahrzehnt verfasst und erst in kleineren Portionen veröffentlicht hat. Entsprechend vielfältig ist die Themenfülle, die Kraushaar behandelt. Während er in seiner Einleitung knapp – auch in Abgrenzung zum heutigen Dschihadismus – sein Verständnis von Terrorismus skizziert, Schwierigkeiten bei der Erforschung der RAF-Geschichte erörtert und auf das Schweigen der Täter sowie der Rolle von Geheimdiensten eingeht, endet der Band mit dem Abdruck seines Gutachtens über den zukünftigen Umgang mit jenem Gebäudekomplex der Justizvollzugsanstalt Stammheim, in dessen siebten Stock RAF-Terroristen inhaftiert waren und in dem sich 1977 Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe nach der Befreiung der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch die GSG9 umbrachten.

          Die übrigen 13 Beiträge thematisieren differenziert die Anfänge des Linksterrorismus der Bundesrepublik in der 1968er Bewegung, skizzieren die besondere Bedeutung von Anwälten und Terroristinnen für die Entstehung und Geschichte der RAF, fragen nach dem Stellenwert von religiöser Sozialisation, von linkem Antisemitismus und Umgang mit der NS-Vergangenheit für die Terroristen und erörtern die Selbstauflösung der RAF von 1998. Der Besuch des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre bei Baader im Stammheimer Gefängnis 1974 sowie das Schicksal von Fritz Rodewald, in dessen Wohnung und auf dessen Anzeige hin Ulrike Meinhof verhaftet wurde, dienen Kraushaar dazu, gesellschaftliche Reaktionen auf den RAF-Terrorismus aufzuzeigen. Kraushaars immenses Wissen ist jedem der Beiträge anzumerken. Zudem schreibt er in gut lesbarer Weise, ohne auf die notwendigen Differenzierungen zu verzichten. Dem Charakter eines Sammelwerkes geschuldet ist jedoch, dass manche wichtige Aspekte an mehreren Stellen des Buches zu finden sind.

          Hervorzuheben ist, dass Kraushaar kritisch so manche Geschichtslegende zur RAF widerlegt. Der Politologe zeigt ferner auf, welches Erkenntnispotential zeitgenössische wissenschaftliche Terrorismusanalysen der frühen 1980er bis heute bieten. Kraushaar warnt überzeugend davor, den deutschen Linksterrorismus auf die RAF zu reduzieren, und geht immer wieder punktuell auf die Geschichte anderer linksterroristischer Gruppierungen wie der „Revolutionären Zellen“, der „Bewegung Zweiter Juni“ oder der Berliner und Münchener Tupamaros ein. Schließlich lassen seine wie Sonden wirkenden Kapitel aufscheinen, welche Bedeutung die Vernetzungen der deutschen Linksterroristen in internationalen Terroristenkreisen – insbesondere der arabischsprachigen Welt – hatten. Bedauerlich ist jedoch, dass Krausshaar diesen Aspekt ebenso wenig weitergehend systematisch thematisiert wie die Rolle des Ostblocks als Terrorunterstützer.

          Kraushaars Beiträge lassen in Themenauswahl und Argumentation auch den 1948 Geborenen erkennen, der in den 1970er Jahren Teil der westdeutschen Linken war und sich als Demokrat bis heute damit auseinandersetzt, welche Wege von links zum RAF-Terrorismus führten. So wichtig ein solcher Zugang aus Täter-biographischer Sicht und für die politische Bildungsarbeit sein mag, so wäre doch für eine künftige Gesamtgeschichte des bundesrepublikanischen Linksterrorismus ein stärkeres Eingehen auf den RAF-Terrorismus der zweiten und dritten Generation, eine konsequente Historisierung und breite Kontextualisierung sowie eine stärkere Einbindung von Unterstützer- und Sympathisanten-Milieus notwendig; außerdem müssten die internationalen Dimensionen des westdeutschen Linksterrorismus stärker berücksichtigt werden. Es wäre wünschenswert, wenn sich ein exzellenter Kenner der RAF-Geschichte wie Wolfgang Kraushaar dieser wissenschaftlichen Herausforderung stellen würde.

          Wolfgang Kraushaar: Die blinden Flecken der RAF. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2017. 423 S., 25,– Euro.

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