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Willy Brandt: Im Zweifel für die Freiheit Alles Brandt

 ·  Der langjährige SPD-Vorsitzende sah im Vergessenen den Erzfeind unserer Zukunft und in der Freiheit das höchste Gut.

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An diesem 8. Oktober jährt sich der Todestag von Willy Brandt zum zwanzigsten Male - für die nach ihm benannte Stiftung in Berlin ein guter Anlass, mit einer Auswahl von 55 Reden zur sozialdemokratischen und deutschen Geschichte an den Parteivorsitzenden (von 1964 bis 1987) und Kanzler (von 1969 bis 1974) zu erinnern. Die Texte, entstanden zwischen 1955 und 1992, sind nicht nach dem Datum des jeweiligen Vortrags geordnet, sondern in eine „historische Chronologie“ gewürdigter Ereignisse und Personen gebracht. Verwirrend ist die zusätzliche Aufteilung in fünf Kapitel: „Vordenker und Vorkämpfer des demokratischen Sozialismus“, „Wegmarken der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik“, „Das andere Deutschland: Exil und Widerstand während der NS-Zeit“, „Programm und Perspektiven der Sozialdemokratie nach 1945“ sowie „Nachdenken über das eigene Land“. Ein Sachregister wäre hier hilfreicher gewesen.

Herausgeber Klaus Schönhoven meint in seiner engagiert-informativen Einleitung, Brandt habe seine Zuhörer über die Vergangenheit aufklären und Grundüberzeugungen vermitteln wollen. Der SPD-Chef sah im Vergessen „den Erzfeind unserer Zukunft“ und in der Freiheit das höchste Gut. Seine Bemerkung aus den achtziger Jahren, dass die Forderung nach einer Wiedervereinigung im Kalten Krieg zur spezifischen Lebenslüge der zweiten deutschen Republik geworden sei, verbrämt Schönhoven: Die Vorwürfe, „er habe sich mit diesen Äußerungen zum Anwalt der deutschen Zweistaatlichkeit gemacht“, verfehlten „den Kern seines Denkens. Ihn störte vor allem das Präfix ,Wieder’, das nicht nur in seiner sprachlichen Bedeutung, sondern vor allem bei der Formulierung von politischen Zielen nach Brandts Meinung zu vieldeutig war, weil es auf eine Renaissance des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 abzielen konnte und in anderen Staaten auch oft so verstanden wurde.“ Brandt habe sich nicht gegen eine Vereinigung der beiden Nachkriegsstaaten ausgesprochen.

Besonders beeindruckend sind Brandts Ausführungen im Juli 1955 in Plötzensee, mit der Aufforderung, man müsse „die Würdigung des deutschen Widerstandes loslösen von Rechthaberei und falscher Anklage“, dann eine Aussage im März 1961 in New York, dass in der Bundesrepublik seit Jahren „eine ungeschminkte Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit in Fernsehen, Funk und Presse zu verzeichnen“ sei, sich jedoch der „Zonenstaat“ anmaße, „ein Hort des Antifaschismus“ zu sein. Ost-Berlin wolle durch „eine maßlose Hetze“ gegen Bonn „hinter einer Nebelwand von antifaschistischer Propaganda die eigenen Sünden“ verdecken. Bereits im Mai 1965, zum zwanzigsten Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges, stellte er zu einem DDR-Volkskammer-Manifest zum „Tag der Befreiung“ unmissverständlich fest: „Für uns bedeutet der Mai 1945 nicht nur, dass wir frei von etwas, sondern dass wir auch frei für etwas wurden: frei von Zwang, frei für die Würde des Menschen. In diesem Sinne hat die Zone den 8. Mai 1945 erst noch vor sich.“

Rainer Blasius

Willy Brandt: Im Zweifel für die Freiheit. Reden zur sozialdemokratischen und deutschen Geschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Klaus Schönhoven. Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2012. 864 S., 36,00 €.

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07.10.2012, 15:50 Uhr

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