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Weltgeschichte : Kennerverstand mit leichter Hand

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Das Foto zeigt die deutsche Kriegsgräberstätte in Menen/Belgien. Bild: obs

Hundert Jahre auf nicht einmal 400 Seiten - eine Herausforderung

          Ein starker Titel: „Krieg“! Selbst Carl von Clausewitz’ Hauptwerk hieß nur: „Vom Kriege“. Und von Krieg im Allgemeinen handelt dieses Buch auch gar nicht. Tatsächlich liegt ein Überblick über die vergangenen 100 Jahre Internationaler Geschichte vor. Hierzu gilt jedoch: „Es ist keine umfassende Geschichte der Weltpolitik eines Jahrhunderts.“ Was ist es dann? „Es ist das Porträt einer Welt, die seit hundert Jahren am Abgrund steht.“ Aber was signalisiert diese Metapher?

          Kaum jemand ist für ein solches Werk so qualifiziert wie der Erlanger Historiker Schöllgen, der sein Privileg betont, „35 Jahre lang im Auswärtigen Amt für die historische Ausbildung der Attachés verantwortlich zu sein“. Er hat seit Jahrzehnten maßgebliche Überblicksdarstellungen von der Zeit des Imperialismus bis an die damalige Gegenwart Gorbatschows heran geschrieben, speziell zur deutschen Außenpolitik knappe Zusammenfassungen vorgelegt, ist zuletzt mit einer Biographie des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder hervorgetreten. Man kann also füglich eine Summe seiner Erkenntnisse erwarten.

          Doch das wird einem nicht leichtgemacht. Es finden sich so ziemlich alle zentralen Aspekte der Weltgeschichte aufgeführt, zumeist aus einer diplomatiegeschichtlichen Sicht der Aushandlungsprozesse, Kriegskonstellationen, Nationsbildungsprozesse, Friedens- und anderen Verhandlungen. Das ist kenntnisreich geschrieben, zeugt von Belesenheit und oft scharfem, aber doch zumeist abwägendem Urteil, dargeboten in gut lesbarem Stil. Die Studie setzt mit dem Ersten Weltkrieg und den russischen Revolutionen ein und betont, dass mit der staatlichen Konsolidierung des sowjetischen Staates „der Krieg in der Welt und die Welt im Krieg blieb“. Sind die ersten Kapitel recht europazentrisch gehalten, so weitet sich der Blick zumal für die Zeit ab 1945 zu weltweiten Konstellationen, aber auch zu Querschnitts- und Strukturfragen. Insbesondere zur allerjüngsten Entwicklung, sei es im Nahen Osten seit George W. Bush, in Afghanistan seit dem sowjetischen Einmarsch, schreibt Schöllgen detaillierte Analysen, was ebenso für das Russland Putins insgesamt und zumal seine Politik um die Ukraine und anderswo gilt. Das Buch ist so aktuell, dass Trumps Twitter-Drohungen an Nordkorea vom 9. August dieses Jahres noch Berücksichtigung finden, die vor der UN am 19. September naturgemäß nicht mehr.

          Problematisch ist etwas anderes: die gelegentlich zutage tretende Neigung, etwas zu kurz, zu knapp und damit letztlich unangemessen zu benennen. Nach einer Einleitung „Rückblick in die Gegenwart“ markieren einzelne Nomina die 14 Kapitel, in ihrer Wucht noch dadurch verstärkt, dass fünf von ihnen – wie der Buchtitel – einsilbig sind: Putsch, Blitz, Mord, Flucht, Raub sind das. „Putsch“: die Bolschewiki kamen auf diese Weise 1917 an die Macht. Auch das Deutsche Reich sei, so heißt es rückgreifend, 1871 durch eine Art Putsch ins Leben getreten. Also: „Wenn man so will, kamen die deutschen Putschisten des Jahres 1871 den russischen Putschisten des Jahres 1917 zur Hilfe.“

          Den Sachverhalt Putsch – so er denn angemessen wäre – sollte man aber doch ein wenig stärker differenzieren. In der Regel beginnt jedes Kapitel mit einem knapp skizzierten besonderen historischen Sachverhalt. Kapitel 6 etwa heißt „Teilung“ und startet mit der Aufteilung der Welt durch die Souveränität der beiden deutschen Staaten 1955. Die Folgerung lautet, dass diese – angeblich in Jalta ein Jahrzehnt zuvor beschlossene – Teilung der Welt zur stillschweigenden Spielregel der Weltpolitik wurde. Es folgen Darlegungen zum vorausgegangenen Korea-Krieg, zur Dritten Welt im Allgemeinen als Rohstofflieferant und Objekten des Nordens. Daran schließt sich Vietnam an – mit bemerkenswerten Überlegungen zur Kopplung der sowjetischen Unterstützung für Frankreich auf der Genfer Indochina-Konferenz 1954 mit dem von Paris herbeigeführten Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft; dann sind wir wieder in Europa.

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