http://www.faz.net/-gpf-9278j

Waffen-SS : Die fünf Prozent, die jeder nennt . . .

  • -Aktualisiert am

Helmut Kohl (l), der ehemalige Luftwaffeninspekteur der Bundeswehr Johannes Steinhoff (2.v.l.), Ronald Reagan (M) und US-General Matthew Ridgeway, am 5. Mai 1985 auf dem Militärfriedhof in Bitburg. Bild: dpa

Dem Propagandaapparat der Waffen-SS gelang es im Laufe der Jahre 1943/44, die Selbstdarstellung der Wehrmacht immer mehr zurückzudrängen und die Bedeutung von Himmlers Armee für die deutsche Kriegführung weit zu überzeichnen.

          Das Thema Waffen-SS sorgt bei uns mit einer gewissen Regelmäßigkeit für heftige öffentliche Diskussionen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Erinnert sei nur an das recht späte Eingeständnis von Günter Grass „Beim Häuten der Zwiebel“ im Jahr 2006 oder an die Kontroverse um den Soldatenfriedhof „Kolmeshöhe“ bei Bitburg im Jahr 1985. Als sich herausstellte, dass dort auch 59 Angehörige der Waffen-SS liegen (neben etwa 2000 Angehörigen der Wehrmacht), schien der Friedhof plötzlich ungeeignet für jene gemeinsame Gedenkveranstaltung, zu der sich Ronald Reagan und Helmut Kohl trafen. Damals nannte Grass das einen „selbstgefälligen Freispruch“.

          Warum diese Aufregung, warum diese Heuchelei? Und warum fällt ein verbindliches Urteil über die Waffen-SS so schwer? Dass wir noch längst nicht alles wissen über die Geschichte dieser komplexen, vielschichtigen Organisation, steht außer Frage. Und auch, dass sich Charakter und Geschichte der Waffen-SS nur schwer auf wenige Worte reduzieren lassen. Natürlich ist an der Formel von Bernd Wegner nichts auszusetzen: „Hitlers Politische Soldaten“. Doch war deren Funktion über weite Strecken des Zweiten Weltkriegs oft die einer „ganz normalen“ Fronttruppe, was immer das dann im Einzelnen zu bedeuten hatte. Sicher ist: Die schließlich 38 Divisionen der Waffen-SS waren organisatorisch, mental, funktional und ethnisch sehr unterschiedliche Formationen. Entsprechend groß ist daher das Spektrum an Meinungen über „die“ Waffen-SS: von der Betonung ihres militärischen Elite-Charakters über die beschwichtigende Formel von den „Soldaten wie andere auch“ bis hin zum apodiktischen Urteil in Nürnberg, wo die Waffen-SS 1946 zur „verbrecherischen Organisation“ erklärt wurde.

          Jochen Lehnhardt will diese Fragen auf seine Weise beantworten. Am Anfang seiner Dissertation steht ein Verdacht: Bis heute seien unsere Vorstellungen von der Waffen-SS stark beeinflusst von ihrer Propaganda, die sie im Zweiten Weltkrieg selbst produziert habe. So etwas zu belegen beziehungsweise zu „dekonstruieren“ ist nicht ganz einfach, denn Perzeption ist ein höchst komplexer Vorgang, unauflöslich verknüpft mit ganz bestimmten individuellen wie subjektiven Voraussetzungen. Noch schwieriger aber wird der Nachweis eines kollektiven Transfers – erst recht, wenn sich dieser Transfer über mehrere Jahrzehnte erstreckt.

          Am überzeugendsten ist das Buch in seinem organisationsgeschichtlichen Teil: bei der Darstellung des Propagandaapparats der Waffen-SS. Dieser Abschnitt, hochinteressant, mitunter geradezu spannend, kann immer auch als Beitrag zur alten Streitfrage „Modernität des Nationalsozialismus“ gelesen werden. Denn die Propaganda der Waffen-SS ist ein Beleg dafür, wie virtuos dieses Regime die Möglichkeiten der damaligen Propagandatechnik nützte und wie sicher das sozialpsychologische Gespür seiner Propagandisten oft war. Nach bescheidenen Anfängen umfasste dieser Apparat, der seit November 1943 als SS-Standarte „Kurt Eggers“ auftrat, schließlich knapp 1200 Mann, darunter Journalisten, Schriftsteller, Bildreporter, Kameraleute, Tontechniker, Maler oder Lektoren.

          Die meisten waren Profis, manche auch wirkliche Könner; es sei der SS gelungen, so Lehnhardt, das „beste Fachpersonal“ für diesen Verband zu rekrutieren. Zur Zentralfigur wurde dabei Gunter d’Alquen, der schon vor 1939 eine Art journalistisches Sprachrohr der SS gewesen war. Dieser „Jungstar der NS-Publizistik“ fungierte nicht nur als Kommandeur der Standarte, ihm gelang es auch, sich einen wachsenden Einfluss auf die gesamte deutsche Kriegspropaganda zu sichern. Das vermehrt freilich die Abstrusität der deutschen Geschichte während der Jahre 1933 bis 1945 nur um eine weitere Variante: Je hoffnungsloser die militärische Situation wurde, desto professioneller und effektiver funktionierte die Propaganda der Waffen-SS.

          Weitere Themen

          Du sollst nicht morden

          Bundeswehr : Du sollst nicht morden

          Als Berufsarmee des seit 1990 vereinten Deutschlands braucht die Bundeswehr nicht nur einen neuen Traditionserlass. Unabdingbar ist auch ein Ethik-Kodex. Ein „Staat im Staat“ wäre nicht hinnehmbar. Es gilt nicht nur der Primat der Politik und des Zivilen, sondern auch des Zivilisatorischen, also des Humanum.

          Citroën C3 Aircross Video-Seite öffnen

          Fahrbericht : Citroën C3 Aircross

          Von außen mehr SUV, von innen aber immer noch Minivan: der Neueste bei Citroën. Warum unsere Testerin in diesem robusten, farbenfrohen, frechen, sympathischen Raumwunder bei hohen Geschwindgkeiten das Flattern kriegt und was sie dann doch nervt - alles in diesem Clip.

          Ein Rezept für Glück Video-Seite öffnen

          Hygge heißt Wohlbefinden : Ein Rezept für Glück

          Gemeinsam Zeit verbringen, es sich gemütlich machen, selbstgebackene Zimtschnecken essen... all das ist Hygge, ein typisch dänisches Lebensgefühl. Dieses Gefühl soll der Grund sein, warum die Dänen als die glücklichsten Menschen gelten. Haben die Dänen also ein Rezept für Glück?

          Topmeldungen

          Islamistische Gefahr in Berlin : Gewachsene Gewaltbereitschaft

          In Berlin ist eine beunruhigende Entwicklung zu beobachten: Die Zahl der Salafisten hat sich in den vergangenen sechs Jahren beinahe verdreifacht. Zur großen Mehrheit gehören keine Flüchtlinge.
          Die Anfänge der Gruppe: Proteste gegen Flüchtlinge in Freital im Sommer 2015

          Freital-Prozess : Alles andere als Lausbubenstreiche

          Die Eskalation der Gewalt habe noch bevorgestanden: Die Anklage sieht den Terrorvorwurf bestätigt und fordert Haftstrafen im Prozess gegen die Gruppe Freital.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.