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Waffen-SS : Die fünf Prozent, die jeder nennt . . .

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Helmut Kohl (l), der ehemalige Luftwaffeninspekteur der Bundeswehr Johannes Steinhoff (2.v.l.), Ronald Reagan (M) und US-General Matthew Ridgeway, am 5. Mai 1985 auf dem Militärfriedhof in Bitburg. Bild: dpa

Dem Propagandaapparat der Waffen-SS gelang es im Laufe der Jahre 1943/44, die Selbstdarstellung der Wehrmacht immer mehr zurückzudrängen und die Bedeutung von Himmlers Armee für die deutsche Kriegführung weit zu überzeichnen.

          Das Thema Waffen-SS sorgt bei uns mit einer gewissen Regelmäßigkeit für heftige öffentliche Diskussionen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Erinnert sei nur an das recht späte Eingeständnis von Günter Grass „Beim Häuten der Zwiebel“ im Jahr 2006 oder an die Kontroverse um den Soldatenfriedhof „Kolmeshöhe“ bei Bitburg im Jahr 1985. Als sich herausstellte, dass dort auch 59 Angehörige der Waffen-SS liegen (neben etwa 2000 Angehörigen der Wehrmacht), schien der Friedhof plötzlich ungeeignet für jene gemeinsame Gedenkveranstaltung, zu der sich Ronald Reagan und Helmut Kohl trafen. Damals nannte Grass das einen „selbstgefälligen Freispruch“.

          Warum diese Aufregung, warum diese Heuchelei? Und warum fällt ein verbindliches Urteil über die Waffen-SS so schwer? Dass wir noch längst nicht alles wissen über die Geschichte dieser komplexen, vielschichtigen Organisation, steht außer Frage. Und auch, dass sich Charakter und Geschichte der Waffen-SS nur schwer auf wenige Worte reduzieren lassen. Natürlich ist an der Formel von Bernd Wegner nichts auszusetzen: „Hitlers Politische Soldaten“. Doch war deren Funktion über weite Strecken des Zweiten Weltkriegs oft die einer „ganz normalen“ Fronttruppe, was immer das dann im Einzelnen zu bedeuten hatte. Sicher ist: Die schließlich 38 Divisionen der Waffen-SS waren organisatorisch, mental, funktional und ethnisch sehr unterschiedliche Formationen. Entsprechend groß ist daher das Spektrum an Meinungen über „die“ Waffen-SS: von der Betonung ihres militärischen Elite-Charakters über die beschwichtigende Formel von den „Soldaten wie andere auch“ bis hin zum apodiktischen Urteil in Nürnberg, wo die Waffen-SS 1946 zur „verbrecherischen Organisation“ erklärt wurde.

          Jochen Lehnhardt will diese Fragen auf seine Weise beantworten. Am Anfang seiner Dissertation steht ein Verdacht: Bis heute seien unsere Vorstellungen von der Waffen-SS stark beeinflusst von ihrer Propaganda, die sie im Zweiten Weltkrieg selbst produziert habe. So etwas zu belegen beziehungsweise zu „dekonstruieren“ ist nicht ganz einfach, denn Perzeption ist ein höchst komplexer Vorgang, unauflöslich verknüpft mit ganz bestimmten individuellen wie subjektiven Voraussetzungen. Noch schwieriger aber wird der Nachweis eines kollektiven Transfers – erst recht, wenn sich dieser Transfer über mehrere Jahrzehnte erstreckt.

          Am überzeugendsten ist das Buch in seinem organisationsgeschichtlichen Teil: bei der Darstellung des Propagandaapparats der Waffen-SS. Dieser Abschnitt, hochinteressant, mitunter geradezu spannend, kann immer auch als Beitrag zur alten Streitfrage „Modernität des Nationalsozialismus“ gelesen werden. Denn die Propaganda der Waffen-SS ist ein Beleg dafür, wie virtuos dieses Regime die Möglichkeiten der damaligen Propagandatechnik nützte und wie sicher das sozialpsychologische Gespür seiner Propagandisten oft war. Nach bescheidenen Anfängen umfasste dieser Apparat, der seit November 1943 als SS-Standarte „Kurt Eggers“ auftrat, schließlich knapp 1200 Mann, darunter Journalisten, Schriftsteller, Bildreporter, Kameraleute, Tontechniker, Maler oder Lektoren.

          Die meisten waren Profis, manche auch wirkliche Könner; es sei der SS gelungen, so Lehnhardt, das „beste Fachpersonal“ für diesen Verband zu rekrutieren. Zur Zentralfigur wurde dabei Gunter d’Alquen, der schon vor 1939 eine Art journalistisches Sprachrohr der SS gewesen war. Dieser „Jungstar der NS-Publizistik“ fungierte nicht nur als Kommandeur der Standarte, ihm gelang es auch, sich einen wachsenden Einfluss auf die gesamte deutsche Kriegspropaganda zu sichern. Das vermehrt freilich die Abstrusität der deutschen Geschichte während der Jahre 1933 bis 1945 nur um eine weitere Variante: Je hoffnungsloser die militärische Situation wurde, desto professioneller und effektiver funktionierte die Propaganda der Waffen-SS.

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