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Waffen-SS : Die fünf Prozent, die jeder nennt . . .

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So gelang es ihr, die Selbstdarstellung der Wehrmacht immer mehr zurückzudrängen und die Bedeutung von Himmlers Armee für die deutsche Kriegführung weit zu überzeichnen. Selbst wenn Größe und Einfluss der Waffen-SS bis Kriegsende kontinuierlich stiegen, so erreichte deren Stärke dennoch nie mehr als fünf Prozent des Gesamtumfangs der Wehrmacht. Demgegenüber war der Anteil der SS-Kriegsberichterstattung in der deutschen Presse – wie diese Studie detailliert belegt – 1944 schließlich dreimal so hoch. Wie das im Einzelnen funktionierte, illustriert etwa die Befreiung Mussolinis auf dem Gran Sasso im September 1943, deren Verlauf im Detail bekannt ist. Obwohl es deutsche Fallschirmjäger waren, die dieses Kommando-

Unternehmen realisierten, stilisierte die SS-Propaganda ihren Hauptsturmführer Otto Skorzeny zum „Befreier des Duce“.

Gut dokumentierte Beispiele wie diese hätte man sich mehr gewünscht. Stattdessen ergeht sich diese Studie in ihrem presseanalytischen Teil in zahllosen Statistiken und langfädigen Auswertungen, bei denen selbst der gutmütigste und interessierteste Leser allmählich den Überblick (und auch die Geduld) verliert. Müssen wir wirklich die „Zahl der Beiträge, die mindestens eine Aussage der Dimension ,Besondere Beziehung zur Reichsführung‘“, noch dazu spezifiziert nach unterschiedlichen Zeitungen und unterschiedlichen Anlässen, müssen wir so etwas wirklich wissen? Auch diesem Buch hätte die alte Formel gutgetan: Weniger ist mehr!

Problematischer erscheint indes ein anderer Punkt: Mit der Frage nach der Propaganda stellt sich zwangsläufig immer auch die Frage nach ihrem Wahrheitsgehalt. Oder anders: Was weiß die historische Forschung heute über das, worüber damals diese Propaganda berichtete? Hier bleibt diese Studie – leider! – dünn und auch seltsam unbestimmt. Ein Beispiel dafür ist die alte wie vieldiskutierte Frage nach der militärischen Leistungsfähigkeit der Waffen-SS. Der Autor referiert auf nicht mehr als sieben Seiten die widersprüchlichen Ergebnisse der Forschung und meint, diese sei eben „noch im Fluss“. Dennoch hält er den militärischen Elite-Charakter der Waffen-SS für eine „Legende“ und auch den „weltanschaulichen Fanatismus“ ihrer Angehörigen. Warum aber schreibt er dann: „Wie sich die Soldaten der Waffen-SS tatsächlich an der Front verhielten, darüber konnte die zeitgenössische Kriegsberichterstattung dagegen nur sehr eingeschränkt Auskunft geben“?

Keine Frage, das ist nun einmal das Wesen der Propaganda. Aber um deren Stellenwert wirklich präzise zu bewerten, braucht es den systematischen Vergleich – hier die Ereignisse an den Fronten, dort die Berichterstattung der SS. Das geschieht aber bestenfalls punktuell. Da jedoch nach knapp 500 Seiten noch immer nichts gesagt wurde zur steilen Ausgangsthese dieser Arbeit, dass „es einen Einfluss der NS-Propaganda auch auf das Bild von der Waffen-SS in der frühen Forschungsliteratur gegeben“ habe, wird das dann am Ende noch nachgeholt – lieblos und wenig überzeugend. Ärgerlich vor allem das Verdikt gegen Autoren wie George H. Stein oder Heinz Höhne. In ihren Pionierstudien habe es „auffallende Parallelen zu der Darstellung der NS-Propaganda“ gegeben. Bei dieser These hat der Autor dann wohl selbst kalte Füße bekommen. Natürlich sei, so heißt es wenige Seiten später, dies alles kein Nachweis, „dass Stein und Höhne so ungewollt das einst gerade von der SS-PK [Propagandakompanie] verbreitete Image der Waffen-SS übernommen haben“.

Warum dann aber eine solche Überfrachtung? Warum dieses Buch nicht als das präsentieren, was es nun einmal ist: eine Geschichte des Propagandaapparats der Waffen-SS – nicht mehr. Eine Gesamtgeschichte der Waffen-SS, erst recht unter Einbeziehung der Zeit nach 1945, wäre aber erst noch zu schreiben.

Jochen Lehnhardt: Die Waffen-SS: Geburt einer Legende. Himmlers Krieger in der NS-Propaganda. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2017. 629 S., 68, – .

Die Selbstdarstellung der Wehrmacht fiel zurück, die Bedeutung von Himmlers Armee wurde überzeichnet.

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