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Völkermord an den Armeniern : Mehr als nur Zeuge eines Jahrhundertverbrechens

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Selbsternannter Schutzherr aller Muslime der Welt: Kaiser Wilhelm II. (mit Pickelhaube) 1917 in Konstantinopel Bild: Wallstein Verlag

Was den Armeniern in der Türkei 1915/16 angetan wurde, war ein Genozid. Man kann darüber diskutieren, ob es zu den Aufgaben eines Parlaments gehört, über den Tatsachencharakter historischer Ereignisse zu befinden.

          Die Regierung tut sich noch schwer, der Bundestag ist schon weiter und nennt es seit einem Jahr beim Namen, Historiker kennen den Sachverhalt inzwischen sehr genau, und eine interessierte Öffentlichkeit sprach schon lange vom Völkermord. Was den Armeniern in der Türkei 1915/16 angetan wurde, war ein Genozid. Man kann darüber diskutieren, ob es zu den Aufgaben eines Parlaments gehört, über den Tatsachencharakter historischer Ereignisse zu befinden. Doch ist es sicher nie von Nachteil, Menschheitsverbrechen dieses Ausmaßes im kollektiven Erinnern zu verankern.

          Dabei handelt es sich in Deutschland eigentlich um ein Wiedererinnern. Schon während des Mordens berichteten deutsche Diplomaten und Zivilisten davon. Bald nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte Johannes Lepsius die Schriftstücke aus den Akten des Auswärtigen Amts. Nachdem 1921 ein armenischer Student den türkischen Politiker Talat Pascha im Berliner Exil ermordet hatte, machte der anschließende Prozess das Ausmaß der Greueltaten zusätzlich öffentlich. Die Fakten waren bekannt und wurden in der deutschen Presse ausführlich dargestellt. Es war öffentlicher Konsens, dass es sich um die „Ausrottung“ oder „Vernichtung“ eines ganzen Volkes auf Grund rassistischer Motive gehandelt hatte. Das Berliner Gericht sprach den armenischen Attentäter denn auch frei.

          Schon damals stand die Frage im Raum, welchen Anteil die deutsche Regierung und ihre diplomatischen und militärischen Vertreter vor Ort an dem Geschehen genommen hatten. Antworten hierauf suchte 2015 eine mit ausgewiesenen Kennern des Themas besetzte internationale Tagung des Lepsiushauses in Potsdam und des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Die wichtigsten Ergebnisse versammelt nun ein äußerst gelungener Band, den der Leiter des Lepsiushauses Rolf Hosfeld gemeinsam mit Christin Pschichholz herausgegeben hat. Einleitend fassen die beiden zusammen: „Der Völkermord an den Armeniern, darüber sind sich Historiker weitgehend einig, war ein ausschließlich jungtürkisches und innenpolitisches Projekt.“ In dieser Sicht war das Deutsche Reich der „Zeuge eines Jahrhundertverbrechens“ – so der Titel der Berliner Tagung. Immerhin darf man diesem Zeugen wohl unterlassene Hilfeleistung vorwerfen. Denn Handlungsspielräume hatten alle am Geschehen beteiligten Akteure, und die Deutschen unterließen aus bündnispolitischen Erwägungen jede Kritik an ihrem türkischen Alliierten oder aktive Maßnahmen zugunsten der Opfer. Zumindest daran wird man heute eine moralische (Mit-)Verantwortung festmachen können.

          Genau diese Handlungsspielräume steckt Mark Levene in dem besonders hervorzuhebenden Einleitungsbeitrag über „tödliche Geopolitik“ ab. Er kann eindrucksvoll zeigen, wie sich die staatlichen Akteure ihre Möglichkeiten zunehmend selbst einengten, indem sie alle Entscheidungen geopolitischen Logiken unterwarfen, die selbst nicht mehr hinterfragbar waren. Einen ganz ähnlich gelagerten Überblick steuert Ronald Grigor Suny bei. Er ordnet den Völkermord an den Armeniern in das Gesamtgeschehen des Ersten Weltkriegs ein. Taner Akçam und Erik-Jan Zürcher untersuchen die innertürkischen Entscheidungsprozesse. Insbesondere Zürcher zeigt eindrücklich, wie sich die Maßnahmen gegen die Armenier in den jungtürkischen Aktionsrahmen der Jahre seit 1913 einfügten.

          Nicht im, sondern kurz vor dem Ersten Weltkrieg sei der deutsche Einfluss in der Türkei am größten gewesen – so die These von Thomas Schmutz. In dieser Zeit verhandelten Berlin und Konstantinopel intensiv über notwendige Reformen des türkischen Staatswesens. Aber beide Seiten waren nicht ehrlich in diesen Verhandlungen. Die Deutschen suchten die wirtschaftliche Dominanz und politisch einen Puffer gegen Russland. Die Jungtürken hatten niemals wirklich vor, irgendwelche Reformen umzusetzen. Sie wollten einen willfährigen Partner bei der Modernisierung des Staatswesens, zu der von allem Anfang an die ethnische Einheitlichkeit gehörte.

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