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Völkermord an Armeniern : Rücksicht auf Kriegsinteressen

  • -Aktualisiert am

Eine Gruppe armenischer Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich 1915 in Syrien. Bild: dpa

Weil die Türkei im Ersten Weltkrieg an der Seite der Deutschen kämpfte, waren die Zeugen des „Todes in der Wüste“ hauptsächlich Deutsche. Sie haben versucht, ihre Vorgesetzten in Deutschland und die Öffentlichkeit zu alarmieren.

          Ausgerechnet Max von Scheubner-Richter fand früh die präzise Kategorie für das Geschehen: „Rassenhass“ nannte er, was die türkische Armee zum hunderttausendfachen Mord an den christlichen Armeniern trieb. Ausgerechnet Scheubner-Richter, der wenige Jahre später in München zu der vom Rassenhass getriebenen radikalen Minipartei des Adolf Hitler stieß, diesem Geldquellen aus der Wirtschaft erschloss, ihm am 9. November 1923 das Leben rettete und dabei das eigene verlor. Als Vizekonsul in Erzerum gehörte Scheubner seit April 1915 zu den deutschen Zeugen der Vertreibungen, der Massaker, der Ausrottung eines ganzen türkischen Volksteiles. Seine Einschätzung vom Rassenhass liest man in einer dem „Völkermord an den Armeniern“ gewidmeten Darstellung von Rolf Hosfeld, dem Leiter des Lepsius-Hauses in Potsdam. Das Buch basiert auf zahlreichen früheren wissenschaftlichen Publikationen und Vorträgen. Aber er hat auch die neuesten Forschungen, Editionen und Archivquellen berücksichtigt. Der Autor fasst aktuelles Wissen auf hohem erzählerischen Niveau zusammen. Sein Buch liest sich leicht, die Geschichte wird kompakt und dicht geschildert, eine vorzügliche Gesamtdarstellung, ein Sachbuch in lektürefreundlichem Umfang, gleichzeitig historiographisch auf der Höhe der Zeit.

          Die Armenier nennen das genozidale Geschehen heute Aghet, „Katastrophe“. So ist auch das erste Kapitel der Darstellung von Rolf Hosfeld überschrieben. Der armenische Genozid von 1915 forderte wohl über eine Million Menschenleben. Beginnend mit den städtischen Intellektuellen und sehr rasch auf die armenische Landbevölkerung im Osten der Türkei ausgreifend, vollzog sich der Massenmord in spontanen Massakern und organisierten Hungermärschen. Dabei wurden die tödlichen Maßnahmen auch auf andere christliche, griechische sowie syrische Gruppen ausgedehnt.

          Die Motive für das türkische Vorgehen müssen im übersteigerten Nationalismus gesehen werden, der sich einen türkischen Kernbereich des osmanischen Vielvölkerstaats in relativer ethnischer Homogenität zu gestalten suchte. Gegen eine forcierte Politik der Turkisierung war bei den Armeniern der Wunsch nach Autonomie durchaus vorhanden, den aber nur eine Minderheit aktiv durchzusetzen strebte. Verschiedene Quellen deuten zwar auf eine Sympathie der armenischen Bevölkerung mit den Kriegsgegnern der Türken hin, was angesichts ihrer unterdrückten Lage nicht verwundert. Aber einen gesamtarmenischen Aufstand gab es, trotz gegenteiliger Erwartungen in Konstantinopel, Wien und Berlin, nicht. Räumlich isoliert, durch Kultur und Religion als Minderheit gekennzeichnet, dem ökonomischen Neid der Mehrheit ausgesetzt und vor allem wegen des Krieges nicht durch äußere Abschreckung geschützt, stellte der armenische Bevölkerungsteil ein leichtes Ziel dar. Hosfeld zeigt, wie sich die geheimen Beschlüsse des jungtürkischen Komitees für Vereinigung und Fortschritt zum Massenmord radikalisierten, den man alles andere als im Geheimen vollstreckte. Was geschah, zeichnet der Autor im Detail nach.

          Weil die Türkei im Ersten Weltkrieg an der Seite der Deutschen kämpfte, waren die Zeugen des „Todes in der Wüste“ hauptsächlich Deutsche: Soldaten und Diplomaten, Missionare und Rot-Kreuz-Schwestern, Beamte und Eisenbahningenieure der Bagdadbahn. Sie haben versucht, ihre Vorgesetzten in Deutschland und die Öffentlichkeit zu alarmieren. Heute sind ihre Zeugenberichte die wichtigsten Quellen für die Vertreibungen und Morde. Hosfeld schöpft hieraus in großem Maße für seine Darstellung. Ihm liegt es dabei fern, aus den Zeugen des Geschehens Komplizen der Tat zu konstruieren, wie dies aktuell häufig geschieht. Aber er beschönigt auch nichts. In Berlin hatte man sich von der türkischen Furcht vor einem - den militärischen Erfolg gefährdenden - gesamtarmenischen Aufstand anstecken lassen wollen. Von der Existenzbedrohung des Osmanischen Reichs ausgehend, war das Verhalten konsequent. Die schlimmsten Greuel wurden zwar abgelehnt, aber ein Bruch mit den Türken sollte vermieden werden. Ein wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit durchaus möglicher Druck unterblieb mit Rücksicht auf die deutschen Kriegsinteressen. Hosfeld berichtet, wie der deutschen Presse die Berichterstattung über Armenien verboten wurde. Amtliche Kritik am türkischen Vorgehen kam daher nur aus der deutschen Botschaft in Konstantinopel, nicht direkt aus Berlin. Die Diplomaten in der Türkei positionierten sich eindeutig. Unabhängig von der offiziellen Politik ihrer Metropolen und von dort nicht behindert, gab es zahlreiche Hilfsaktionen von Deutschen, Österreichern und Ungarn vor Ort. Doch ohne wirklichen Druck auf die Führung in Konstantinopel war durch solche Einzelaktionen der massenhafte Tod der Armenier nicht zu verhindern. Diesen Druck hätten in der gegebenen Situation nur die ausreichend informierten Bündnispartner ausüben können. Er unterblieb aus bündnispolitischen sowie militärischen Motiven und nicht, weil man sich von ihm keine Wirkung versprach.

          Der türkische Kriegsminister Taalat Bey wurde 1921 nahe dem Bahnhof Zoo in Berlin erschossen. Hosfeld schildert anhand der juristischen Rezeption des Mordprozesses die frühen Anfänge eines internationalen Rechts zur Ahndung von Völkermord. Das ist für ein sehr gelungenes Buch über schrecklichste Ereignisse ein unerwarteter Abschluss, der zum Nachdenken über den seither erreichten juristischen Fortschritt anregt.

          Rolf Hosfeld: Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern. C. H. Beck Verlag, München 2015. 288 S., 24,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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