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Unangenehme Partner : Immer aufeinander fixiert

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Gedenken im Namen aller Deutschen: Die Bundeskanzlerin besucht im Sommer 2017 in Buenos Aires den Park der Erinnerung an die Opfer der Diktatur. Bild: dpa

Mit Diktatoren möchte man nicht gerne etwas zu tun haben. Aber in der Politik ist es wie im wirklichen Leben: Keine Regel ohne Ausnahme.

          Der Tote war im Mai 1976 am Ufer des Río de la Plata im Süden von Buenos Aires gefunden worden. Man hatte ihn stranguliert und anschließend aus einem Flugzeug heraus in den Fluss geworfen. Es handelte sich dabei um den deutschen Staatsangehörigen Klaus Zieschank, der in den Verdacht geraten war, revolutionäre Kreise zu unterstützen. Zwei Tage nach dem Putsch des argentinischen Militärs am 26. März 1976 war er in einen Wagen gezerrt worden und seitdem wie vom Erdboden verschwunden. Die Botschaft der Bundesrepublik in Buenos Aires suchte Zieschank zur Hilfe zu kommen, doch führten weder diskrete Kontakte zum argentinischen Geheimdienst noch ein offizielles Schreiben von Außenminister Genscher an seinen argentinischen Amtskollegen zum Erfolg.

          Die Bemühungen der Botschaft, „verschwundene“ beziehungsweise offiziell verhaftete Regimegegner oder unschuldige Opfer der Militärdiktatur zu befreien oder ihnen zumindest einen rechtsstaatlichen Prozess zu gewähren, ist Teil einer Studie von Angela Abmeier zum Verhältnis der beiden deutschen Staaten zu Argentinien zwischen 1976 und 1983. Sie stützt sich dabei auf den seit einigen Jahren in der Historiographie diskutierten Ansatz, wonach Bundesrepublik und DDR im Sinne einer „asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte“ (Lutz Niethammer) in ihrem Handeln stets (zumeist negativ) aufeinander bezogen gewesen seien. Abmeier untersucht deshalb nicht nur die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen beider deutscher Staaten zu Argentinien, sondern auch das wechselseitige Verhältnis der Bonner und Ost-Berliner Diplomaten in Buenos Aires zueinander.

          Dabei zeigte sich am Río de la Plata die deutliche Dominanz der Bundesrepublik, während die DDR ein weitgehend marginalisierter Akteur blieb. Allein während des Falkland-Krieges, als sich Bonn zur Solidarität mit Großbritannien gezwungen sah, konnte die DDR minimale Erfolge in Argentinien feiern. Ansonsten hatten die Deutschen wenig gemein, außer in einem entscheidenden Punkt: Bonner wie Ost-Berliner Diplomaten litten unter einem notorischen Verständnis für das Gastland und betrachteten das Militärregime über alle ideologischen Grenzen hinweg als das „geringere Übel“.

          Insgesamt verliefen die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Argentinien trotz Militärdiktatur einschläfernd erwartbar. Ein wenig lenkt von diesem Befund die antagonistisch verstandene Kulturpolitik der beiden deutschen Staaten ab. Hier war es ausnahmsweise die Bundesrepublik, die sich in ihrem Handeln nach einer weitgehend inaktiven DDR richtete und deshalb eigene Ambitionen zurückschraubte. Die Bonner Kulturhoheit unter argentinischem Himmel war dennoch umfassend. Ost-Berlin – bar jeglicher finanzieller Mittel – konnte in einem antikommunistisch geprägten Land weitab von Europa wenig mehr als Kulturhascherei betreiben. Denn die Weimarer Klassik, die gleichzeitig in Paris zumindest einen verstreuten Haufen DDR-Freunde erquicken konnte, verpuffte unbeachtet in Buenos Aires.

          Abmeier gelingt es am ehesten in der Frage der Menschenrechte, ihrem Untersuchungsgegenstand neue Erkenntnisse zu entlocken: Während die DDR erwartungsgemäß keinerlei Interesse an diesem Thema erkennen ließ, war die westdeutsche Kritik an Argentinien, so Abmeier, sogar der Hauptgrund für die Verschlechterung der bilateralen Beziehungen Ende der siebziger Jahre. Bonn reagierte dabei auch auf den Druck von Journalisten, Kirchen und Opfervertretern in der Bundesrepublik. Kommunistische Staaten wie die Sowjetunion oder die DDR hingegen, die dem antikommunistischen Argentinien keine Menschenrechtsverletzungen vorwarfen, konnten gleichzeitig ihre Beziehungen nach Südamerika verbessern, womit sich ein völlig anderes Verhaltensmuster als nach dem Putsch in Chile 1973 zeigte.

          Die Bonner Diplomaten hatten auch zu entscheiden, mit welchen Mitteln den inhaftierten Deutschen oder Deutschstämmigen am ehesten geholfen werden konnte. Man entschied sich für den Weg der „stillen Diplomatie“. Die Interventionen der Botschaft waren aber letztlich derart stille, dass sie sich als ineffektiv erwiesen. Nur in wenigen Fällen konnten Häftlinge befreit werden, bei den „Verschwundenen“ stellte sich sogar nur ein echter Erfolg ein.

          Doch hätte ein lautstarker Protest eher gefruchtet? Abmeier verneint dies und verweist auf das Beispiel Schweden. Dem Land gelang es trotz vehementer Kritik aus Stockholm, flankiert von einer Intervention von Papst Paul VI., nicht, die 17 Jahre alte Dagmar Hagelin vor Folter und anschließender Ermordung zu schützen. Ähnlich erging es den Vereinigten Staaten. Hatte man am Río de la Plata also nur die Wahl zwischen Skylla und Charybdis? Der Bonner Diplomat würde dies bejahen, doch muss gefragt werden, ob dies tatsächlich der einzige oder nur der bequemste Weg war.

          Angela Abmeier: Kalte Krieger am Río de la Plata. Die beiden deutschen Staaten und die argentinische Militärdiktatur (1976–1983).

          Droste Verlag, Düsseldorf 2017. 562 S., 58,– .

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