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Ulrich Prehn: Max Hildebert Boehm : Nie um ein Stichwort verlegen

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Kisten zum Transport von Aussiedlungsgut sind in der Sonderabteilung „Flüchtlinge und Vertrieben“ im Museum Bayerisches Vogtland in Hof ausgestellt Bild: dpa

Max Hildebert Boehm, bis 1945 Professor für Volkstheorie und Volkstumssoziologie in Jena, war einer der einflussreichsten Vordenker der völkischen Ideologie. Seine Konzepte für Volk und Raum wurden häufig von der Politik herangezogen, im „Dritten Reich“ wie in der Bundesrepublik.

          Heute ist sein Name weithin unbekannt, zu seiner Zeit jedoch besaß er einen besonderen Klang: Max Hildebert Boehm, von 1933 bis 1945 Professor für Volkstheorie und Volkstumssoziologie an der Universität Jena, war einer der einflussreichsten Vordenker der völkischen Ideologie. Seine Konzepte für Volk und Raum wurden immer wieder von der Politik herangezogen, im „Dritten Reich“ wie in der Bundesrepublik. Ulrich Prehn legt eine umfangreiche Studie über diesen Mann aus der zweiten Reihe vor, dessen Leben die Versuchungen des Intellektuellen überdeutlich hervortreten lässt. Aufgewachsen in Livland und Lothringen, engagierte sich Boehm, nach dem Studium in Bonn, München und Berlin 1913 mit einer Arbeit über Johann Gottlieb Fichte promoviert, während des Ersten Weltkriegs zunächst wortmächtig in der deutschen „Grenzlandarbeit“. Nach seiner Tätigkeit in der „Pressestelle Oberost VIII“ in Riga - einer unheilvollen Pflanzstätte radikalnationalistischen und antisemitischen Denkens - gehörte er 1919 zu den Gründern des völkisch-nationalen Juniklubs und avancierte bald zu einem der erfolgreichsten Strippenzieher im „Volkstumskampf“ der zwanziger Jahre.

          Als Leiter des „Instituts für Grenz- und Auslandsstudien“ in Berlin entwickelte er ein System des völkischen Denkens, das unter den Bedingungen des Versailler Vertrags in hohem Maße attraktiv wirkte. Gegen Individualismus, Zivilisationsdenken und Fortschrittsorientierung, gegen das, was man seit dem Ersten Weltkrieg als westliche Werte bezeichnete, betonte Boehm die prägende Kraft von „Stamm“, „Landschaft“ und „Volkstum“ und wurde so zu einem intellektuellen Vordenker der Volksgemeinschafts-Ideologie.

          All dies vermag Prehn in seiner flüssig geschriebenen Biographie anschaulich zu zeigen. Und deutlich wird am Beispiel dieses Manns aus der zweiten Reihe auch, wie rechtsintellektuelle „Gegenmilieus“ die politische Kultur der Weimarer Republik entscheidend prägten. Dass die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der Karriere Boehms nicht eben hinderlich war, liegt auf der Hand. Bereits mit seiner 1932 veröffentlichten Studie „Das eigenständige Volk“ hatte er sich der NSDAP nachdrücklich empfohlen. Nach 1933 war Boehm im Rahmen seiner Tätigkeit für die Akademie für Deutsches Recht maßgeblich an der Ausgestaltung der Volkstumspolitik beteiligt, später legte er ausführliche Gutachten zur bevölkerungspolitischen Planung in den deutschen Besatzungsgebieten vor. Als „Souffleur der Macht“ (Dirk van Laak) hat man Boehm nicht zu Unrecht bezeichnet. Auf Dauer musste er freilich feststellen, dass sich die Welt nicht aus dem Souffleurkasten heraus steuern ließ. Angesichts der mörderischen Implikationen der NS-Volkstumspolitik agierte Boehm radikal und konservativ zugleich, mit Blick auf den „biologischen Mord“ sogar „mäßigend“, wie Prehn anmerkt. Weiß blieb seine Weste gewiss nicht.

          Natürlich ist der Souffleur - eine Aufgabe, für die Boehm, ein Vertreter des alten deutschen Gelehrtentypus mit Vatermörder und ernster Miene, wie geschaffen war - kein Schauspieler. Als Ensemble und Spielplan nach 1945 gleichsam über Nacht wechselten, kam ihm dies insofern zupass, als der Souffleur weder für das Stück noch für die Inszenierung verantwortlich ist. Man habe ja nur Wissenschaft betrieben, so lautete hier wie andernorts die salvatorische Klausel. Was seine Person betreffe, so Boehm in einem Brief an Werner Essen, als Fachmann für Volk und Raum bis 1944 Abteilungsleiter im Reichskommissariat Ost mit Sitz in Riga und seit 1951 Ministerialrat im Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, lege er Wert auf die Feststellung, dass sein Name bereits kurz vor seiner Berufung in Jena 1931 „in den Konversations-Lexika auftauchte, aber nach 1945 [...] überall verschwunden ist“. Ob man ihn für eine „tiefbraune Naziblüte“ halte oder „nur der Meinung ist, dass Volk nicht gefragt ist und niemanden interessiert“, vermöge er nicht zu beurteilen. Er lege nur Wert auf die Feststellung, dass er „sozusagen reif für das Konversations-Lexikon wurde, ehe das Dritte Reich ausbrach“.

          Bescheidenheit war Boehms Stärke nicht. Selbstbewusst machte er sich nach 1945 daran, seinem Denken einen freiheitlich-demokratischen Resonanzraum zu verschaffen. Die „semantischen Umbau-Arbeiten“, die er dabei vornahm, konnten freilich nur bedingt den Eindruck zerstreuen, dass Boehm mit Vorliebe alten Wein in neuen Schläuchen feilbot. Aufgrund seiner guten Kontakte wurde er seit den fünfziger Jahren zu einem wichtigen Stichwortgeber der Vertriebenen- und Flüchtlingspolitik, und die von ihm gegründete (Nord-)Ostdeutsche Akademie in Lüneburg, ein Think-Tank konservativer Deutschlandpolitik, erhielt eine nicht unbeträchtliche Förderung seitens des Staates. Dabei halfen ihm nicht zuletzt seine Verbindungen zu Theodor Heuss, den er aus der gemeinsamen Zeit an der Deutschen Hochschule für Politik in den zwanziger Jahren kannte.

          Bereits während des Entnazifizierungsverfahrens hatte Heuss unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass ihm „die Volkstumsarbeit“ von Boehm „immer als eine höchst wichtige, selbständige Denkarbeit erschienen“ sei, die „ganz notwendig von dem Nationalsozialismus abgelehnt werden musste“. 1953 intervenierte der Bundespräsident dann beim Gesamtdeutschen Ministerium, um Lücken im Finanzierungsplan der Akademie zu schließen, die er zwei Jahre darauf mit seinem Besuch beehrte. Der Antibolschewismus, wie er in den Schulungskursen der Akademie für „Heimatvertriebene“ und „Zonenflüchtlinge“ entfaltet wurde, erwies sich auch hier als ideologische Klammer.

          Sein gesamtes Denken und Forschen, so bekannte Boehm 1951 gegenüber Theodor Heuss, sei „Lebensarbeit an der schmalen Grenze zwischen Wissenschaft und Politik“. Wie umstritten der Verlauf dieser Grenze im Einzelnen war, macht Prehns anregende Biographie mustergültig deutlich.

          Ulrich Prehn: Max Hildebert Boehm. Radikales Ordnungsdenken vom Ersten Weltkrieg bis in die Bundesrepublik. Wallstein Verlag, Göttingen 2013. 576 S., 42,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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