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Todesstrafen-Geschichte : Hingerichtet

  • -Aktualisiert am

Die Todeszelle des Huntsville-Gefängnisses in Texas Bild: dpa

Die Geschichte der Todesstrafe mit ihren wechselnden Hinrichtungsmethoden, namentlich die jüngere, ist, wie Helmut Ortner deutlich macht, die Geschichte des fehlgeschlagenen Versuchs ihrer Humanisierung.

          Seit ihre Wiedereinführung in der Türkei droht, steht die Todesstrafe auch in Europa wieder auf der politischen Tagesordnung. Es ist kein Zufall, dass die EU erklärt hat, dass dies das definitive Ende aller Verhandlungen über einen Beitritt zur Union bedeuten würde. Denn in einer längeren Entwicklung, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf der Europarats-Ebene vollzogen und in völkerrechtlich verbindlichen Zusatzprotokollen zur Europäischen Menschenrechtskonvention niedergeschlagen hat, ist in Europa die Todesstrafe erst in Friedenszeiten, dann auch im Kriegszustand vollständig abgeschafft worden. Ihre Ächtung ist zu einem festen Bestandteil des europäischen ordre public geworden.

          Dass es dafür auch diesseits rechtsphilosophischer Reflexion über den Sinn und die Grenzen staatlicher Strafgewalt überzeugende praktische Gründe gibt, belegt eindrucksvoll Helmut Ortners Buch über die Geschichte der Todesstrafe, das allerdings den zu weit ausgreifenden Titel „Wenn der Staat tötet“ trägt. Ortners Thema ist aber allein die Tötung als staatliche Strafsanktion.

          Das Buch will erklärtermaßen „keine wissenschaftliche Studie, keine historisch stringente Abhandlung, keine politische Streitschrift“ sein, auch wenn der Autor aus seiner Ablehnung der Todesstrafe keinen Hehl macht. Aber gerade dadurch, dass diese Schrift verschiedene Aspekte der geschichtlichen Entwicklung der Todesstrafe und die tatsächliche Praxis ihres Vollzugs im Wandel der Zeiten mit kühler Nüchternheit beleuchtet, liefert sie besonders handfeste Argumente gegen die Todesstrafe. Die Geschichte der Todesstrafe mit ihren wechselnden Hinrichtungsmethoden, namentlich die jüngere, ist nämlich, wie Ortner deutlich macht, die Geschichte des fehlgeschlagenen Versuchs ihrer Humanisierung: Der zum Tode verurteilte Delinquent soll auf humane Weise sterben, nicht grausam, nicht qualvoll, sondern möglichst schnell und möglichst schmerzfrei, das heißt „zeitgemäß“ und „modern“.

          Aber die Hinrichtungswirklichkeit zeigt, dass keines der verschiedenen Hinrichtungsinstrumente diesen immer wieder erhobenen Anspruch einzulösen vermag, nicht das Fallbeil, nicht der elektrische Stuhl, nicht die Giftspritze. Eine humane Gestaltung der Vollstreckung der Todesstrafe ist nicht gelungen, und sie wird, nach aller historischen Erfahrung, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft nicht gelingen. Dieses Scheitern aber lenkt den Blick wieder zurück auf die Todesstrafe an sich. Sie selbst ist, um mit Ortner zu sprechen, „barbarisch, anachronistisch – und wirkungslos“.

          Das Buch lenkt verdienstvollerweise auch den Blick auf die Vollstrecker der Todesstrafe. Was macht sie eigentlich aus ihnen? Wie nehmen sie ihre Rolle selbst wahr, wie werden sie gesellschaftlich wahrgenommen? Der Henker, der ein gesetzliches Amt versieht, dabei aber ein grauenhaftes, tödliches Handwerk ausübt, wurde vielfach zur Schreckensgestalt, und die sensibleren unter ihnen erschraken mitunter auch über ihr eigenes Tun und damit über sich selbst. Ein erschütterndes Selbstzeugnis dieser Art bietet das Tagebuch des Scharfrichters Charles-Henri Sanson, den in der Phase der Französischen Revolution, als die Hinrichtungsmaschinerie auf Hochtouren läuft und die Guillotine zum alltäglichen Instrument einer fürchterlichen Schreckensherrschaft wird, selbst das Grauen überkommt.

          Aber die meisten Vollstrecker identifizieren sich doch mit der ihnen zufallenden Aufgabe: „Selbst in Zeiten, in denen der Henker im sozialen Nahraum als Bote und Inbegriff finsterer Grausamkeit tabuisiert und ausgegrenzt wurde, dominierten in der Eigenwahrnehmung die Elemente der Erfüllung von ,Berufs‘-Pflichten, der Gebundenheit an Recht, Ordnung und Befehle, der Beherrschung und Vervollkommnung technischer Fähigkeiten“, wie Thomas Fischer in seinem Nachwort Ortners Erkenntnisse in dieser Hinsicht zusammenfasst.

          Und was gilt nun für die heutigen Vollstrecker der Todesstrafe, die nur noch auf einen Knopf drücken müssen, um das tödliche Geschehen auszulösen? In den Vereinigten Staaten von Amerika, in denen mehrheitlich die Todesstrafe nach wie vor befürwortet wird, muss jedenfalls kein daran beteiligter Justiz- oder Gefängnisbeamter gesellschaftliche Ausgrenzung befürchten, und diese selbst begreifen ihre todbringende Tätigkeit als selbstverständlichen Teil ihres loyalen Dienstes an der Gerechtigkeit. Ein Umdenken könnten in den Vereinigten Staaten wohl eher die immensen Ausgaben auslösen, die die Einzelstaaten, die an der Todesstrafe festhalten oder diese wieder eingeführt haben, für die zum Tode verurteilten Gefängnisinsassen aufwenden müssen. Immerhin ist die Zahl der Hinrichtungen auch in den Vereinigten Staaten stark rückläufig, und insgesamt geht der langfristige Trend eindeutig in Richtung einer weltweiten Abschaffung der Todesstrafe. Das lässt hoffen.

          Helmut Ortner: Wenn der Staat tötet. Eine Geschichte der Todesstrafe. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2017. 235 S., 22,95 .

          Quelle: F.A.Z.

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