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Suche nach Vorbildern : Elser vorn - Rommel zurück

Die Skulptur des Hitler-Attentäters Johann Georg Elser in Konstanz am Bodensee Bild: dpa

Tom Pröse gelingt es, Mut und Leid einiger weniger zu beschwören, die sich einsam gegen Hitler stellten und/oder die das NS-Regime grausam verfolgte. Der Journalist verspürt heute eine Sehnsucht nach Vorbildern und möchte das Vermächtnis von 18 „Jahrhundertzeugen“ weitergeben.

          Eines der berührendsten Bücher dieses Jahres, dem viele Leser zu wünschen sind: Tom Pröse gelingt es, Mut und Leid einiger weniger zu beschwören, die sich einsam gegen Hitler stellten und/oder die das NS-Regime grausam verfolgte. Der Journalist verspürt heute eine Sehnsucht nach Vorbildern und möchte das Vermächtnis von 18 „Jahrhundertzeugen“ weitergeben, denen er begegnet ist oder deren Verwandte/Bekannte ihm Eindrücke vermittelten. So traf Berthold Beitz den von ihm geretteten Jurek Rotenberg wieder. Inge Aicher-Scholl las aus Aufzeichnungen über ihre Schwester Sophie vor. Hans Splinter, Fahrer bei Claus Schenk Graf von Stauffenberg, und der älteste Sohn des Wolfsschanze-Attentäters blickten zurück auf den 20. Juli. Franz Hirth, Neffe von Georg Elser, schwärmte vom Bürgerbräu-Attentäter von 1939 und zeigte Pröse ein Elser-Tablett mit „feinen Intarsien“. Elsers Tat ist für den Autor „Beweis dafür, dass ein Einzelner, ganz auf sich gestellt, sehr wohl Verantwortung für das große Ganze übernehmen kann und dass dafür manchmal weniger ein intellektueller Überbau vonnöten ist als vielmehr die unbedingte Bereitschaft, etwas zu wagen“.

          Rainer  Blasius

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Einfühlsam schildert Pröse sein Treffen mit Emilie Schindler, die ihren Ex-Mann Oskar äußerst kritisch und ihre eigene Rolle zu wenig gewürdigt sieht: „Ich hab’ damals getan, was ich konnte. Ich musste ja, sonst wären die ,Schindler-Juden‘ verhungert.“ Mit Anne Franks Cousin Buddy Elias besuchte der Journalist das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Wie Fernsehlegende Hans Rosenthal, der durch den Holocaust seine Familie verlor, im Gartenlauben-Versteck in Berlin durch die Hilfe von drei Frauen überlebte, rekonstruiert Pröse anhand von dessen Memoiren und durch Gespräche mit dessen Sohn Gert. Rosenthal wollte „kein Mahner“ sein: „Er machte ,nur‘ Unterhaltung. Aber in dem Wort steckt das Wort ,Haltung‘, und die hatte er.“

          Pröse ist in seinen Reportagen nicht immer auf der Höhe der Forschung. Demgegenüber pochen die sieben Autoren des Sammelbandes über „kontroverse Deutungen des 20. Juli“ auf Fachliteraturkenntnis und Quellenkritik. Magnus Brechtken arbeitet sich am Hitler-Biographen und langjährigen F.A.Z.-Mitherausgeber Joachim Fest ab. Das 1973 publizierte Hitler-Buch, über das prominente Fachhistoriker (darunter auch Brechtkens Doktorvater Klaus Hildebrand) „voll des Lobes“ waren, wirke „eher wie ein überlanger Essay denn als forschungsbasierte Analyse“. Eine selektive Beachtung verfügbarer Quellen sei bei ihm festzustellen, hin und wieder habe Fest sich auf trübe Zeitzeugen verlassen und den eigenen Weg ins Archiv „für obsolet“ gehalten. In der Studie „Staatsstreich“ habe er 1994 das konservative Offizierskorps im „Dritten Reich“ verklärt: „Sobald man das Wurzelwerk der Festschen Geschichtsbilder ausleuchtet, zeigen sich, stilistisch brillant konstruiert und verpackt in regelmäßig elegante Formulierungen, eklatante handwerkliche Mängel.“

          Christopher Dowe und Cornelia Hecht zerlegen die 1978 erschienene Rommel-Biographie von David Irving, der Hans Mommsen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ stilistische Brillanz, fesselnde Darstellung und „Präzision im Detail“ bescheinigte. Und das „Zeit-Magazin“ resümierte: „Rommel war ein großartiger Soldat, aber kein Widerstandskämpfer.“ Solchen Vorgaben aus Hamburg schlossen sich damals viele Rezensenten an. Dowe und Hecht überprüfen nun einerseits diverse Aussagen von Hans Speidel, der unter dem Heeresgruppen-Oberbefehlshaber Erwin Rommel Chef des Stabes war und später in der Bundeswehr eine große Karriere machte. Speidel präsentierte nach 1945 Rommel und sich selbst „als Zentrum einer eigenen Widerstandsgruppe im Westen“, die weitgehend unabhängig von der Pariser Gruppe um Stülpnagel agiert habe. Auf diese Weise wollte Speidel sich und Rommel von dem „vielen als moralisch verwerflich erscheinenden Attentatsversuch“ vom 20. Juli 1944 „distanzieren und trotzdem dem Widerstand zurechnen“. Andererseits zeigen die Autoren durch Abgleich mit der im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte lagernden „Sammlung Irving“, wie der Brite für sein Buch eigene Zeitzeugenbefragungen „veränderte und manipulierte“ und nicht einmal davor zurückschreckte, „einzelne wörtliche Zitate zu erfinden“. Ob diese Ergebnisse schon ausreichen, um aus dem jahrelangen Hitler-Gläubigen noch einen sehr späten Hitler-Gegner zu machen, sei dahingestellt. Jedenfalls gilt es laut Dowe und Hecht, Deutungen des Generalfeldmarschalls „zu überwinden, wie sie von David Irving oder auch Hans Speidel vor Jahrzehnten in die Welt gesetzt wurden“.

          Tim Pröse: Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler. 18 Begegnungen. Wilhelm Heyne Verlag, München 2016. 318 S., 19,99 €.

          Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Herausgeber): Verräter? Vorbilder? Verbrecher? Kontroverse Deutungen des 20. Juli 1944 seit 1945. Frank & Timme Verlag, Berlin 2016. 264 S., 19,80 €.

          Quelle: F.A.Z.

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