10.06.2008 · Neue Qualität der Gewalt: Mussolinis Italien und der Abessinienkrieg 1935/36
Dass der faschistische Krieg gegen das heutige Äthiopien 1935/36 ein "schöner langer Spaziergang" gewesen sei, wie der italienische Starjournalist Indro Montanelli einstmals behauptete, wird heute niemand mehr sagen. Ob dieser Krieg aber mehr war als ein verspäteter, geradezu anachronistischer Kolonialkrieg, ist - nicht zuletzt in Italien - in der Forschung bis heute umstritten. Die Schweizer Historikerin Brogini Künzi liefert jetzt einen bemerkenswerten Beitrag zu dieser Debatte. Den faschistischen Überfall auf das afrikanische Kaiserreich stellt sie als eine sich von einem konventionellen Kolonialkrieg deutlich unterscheidende militärische Gewaltaktion dar. Frau Brogini Künzi knüpft damit an kritische italienische Historiker an, geht jedoch über deren in Italien bis heute eher verdrängte Erkenntnisse hinaus.
Der faschistische Überfall auf Abessinien gehört nach ihrer Interpretation in das Vorfeld des Zweiten Weltkrieges, nicht in die Tradition der italienischen Kolonialkriege seit 1896, dem Jahr der einzigartigen Niederlage Italiens gegen das afrikanische Kaiserreich bei Adua. Die Verfasserin macht es sich nicht leicht mit ihrer Beweisführung. Sie meint, die politischen, ideologischen und ökonomischen Entstehungszusammenhänge des italienischen Faschismus seit 1919 ebenso darstellen zu müssen wie die diplomatiegeschichtlichen und militärgeschichtlichen Zusammenhänge des Abessinienkrieges. Das führt zu mancherlei Überschneidungen und unnötiger Wiederholung. Man kann das jedoch getrost überlesen und die Lektüre auf den eigentlichen Kern des Buches konzentrieren, in denen es um den Krieg selbst geht.
Die große Stärke der Verfasserin liegt in der Rekonstruktion des Zusammenhangs zwischen langfristig angelegter Kriegsplanung und rigoroser Kriegführung durch das faschistische Regime. Es gab in Abessinien keinen der kolonialen Anlässe für ein militärisches Eingreifen, keine indigenen Aufstände, keine Konkurrenz anderer Kolonialmächte und keinen imperialistischen Konsens im Innern, der unbedingt auf Expansion drängte. In Abessinien wurde ein selbständiger Staat mit einer alten Monarchie mit einer überdimensionalen Militärmaschine angegriffen und gewaltsam in das faschistische Imperium eingegliedert, ohne dass es dafür die traditionellen kolonialistischen Begründungen gegeben hätte. Der Abessinienkrieg hatte damit in der Tat eine "neue Qualität". Überzeugend führt die Verfasserin dies auf die dem Faschismus von Anfang an inhärente militaristische Grundstruktur zurück.
Mussolinis faschistische Diktatur war, nicht anders als die Hitlers in Deutschland, in ihrem zentralen Kern ein auf Krieg um des Krieges willen angelegtes Regime. Das macht auch die eigentliche Gemeinsamkeit der beiden faschistischen Diktaturen aus. Die kriegerische Gewaltanwendung wurde von Mussolini von langer Hand vorbereitet und in den italienischen Kolonien Tripolitanien und Cyrenaika, dem heutigen Libyen, schon in den zwanziger Jahren eingeübt. Schon hier wurde die Zivilbevölkerung von den Italienern erstmals systematisch in den Krieg einbezogen, wurden ganze Dörfer zerstört und die Bevölkerung durch Giftgas getötet oder auf Todesmärschen in Konzentrationslager getrieben. Nicht zufällig waren die militärischen Führer des Vernichtungskrieges in Libyen dieselben wie wenig später in Abessinien. Frau Brogini Künzi arbeitet diesen Aspekt militärischer Brutalisierung zu Recht besonders heraus.
Auch der Einsatz chemischer Kampfstoffe, der im Abessinienkrieg vor allem zu Anfang verheerende Auswirkungen hatte, wurde schon von langer Hand geplant und vom faschistischen Regime keineswegs erst in Erwägung gezogen, als die Abessinier überraschend starken Widerstand gegen die Invasoren leisteten. Anders als in allen vorhergehenden Kolonialkriegen, in denen stets eingeborene Söldner, sogenannte Askaris, die übergroße Mehrheit der kämpfenden Truppe gebildet hatten, kämpften in Abessinien schließlich über 300 000 italienische Soldaten, denen nur etwa 87 000 solcher Askaris aus den italienischen Kolonien Eritrea und Somalia zur Seite standen. Besonders wichtig ist, dass nach den Erkenntnissen der Verfasserin fast die Hälfte der italienischen Kombattanten Angehörige der faschistischen Miliz waren. Daran wird vollends deutlich, dass es sich bei dem faschistischen Abessinienkrieg keineswegs um einen verspäteten Kolonialkrieg handelte, dass dieser vielmehr hochgradig regimebedingt war.
Diktator Mussolini führte den Krieg bewusst auch mit jungen Parteisoldaten, die zwar militärisch schlecht ausgebildet, dafür aber ideologisch umso mehr motiviert waren. Im "Stahlbad" des Krieges sollte der neue faschistische Mensch entstehen, den Mussolini zur dauerhaften Sicherung seines Regimes schaffen wollte. Mit Recht bezeichnet die Verfasserin den massenhaften Einsatz der faschistischen Milizionäre deshalb auch als "absolutes Novum" in der Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Bedenkt man noch, dass der Kern der faschistischen Kriegsideologie in Abessinien, wie auch schon zuvor in Libyen, zutiefst rassistisch geprägt war, wird man dem Forschungsergebnis von Frau Brogini Künzi, dass es sich um einen totalen Krieg handelte, ohne weiteres zustimmen können. Eigenartigerweise scheut die Verfasserin allerdings in ihrem Fazit davor zurück, dies unzweideutig zu formulieren, obwohl ihre gesamte Beweisführung darauf hinausläuft. Gleichwohl liefert sie mit ihrem Buch einen wichtigen Beitrag zum Abbau der italienischen Variante der Wehrmachtslegende, wonach der Faschismus nur saubere Kriege geführt habe. Der Faschismus beruhte auf einem zivilisatorisch entgrenzten Drang zum Kriege, in Italien kaum weniger als in Deutschland.
WOLFGANG SCHIEDER
Giulia Brogini Künzi: Italien und der Abessinienkrieg 1935/36. Kolonialkrieg oder Totaler Krieg? Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2007. 375 S., 44,90 [Euro].