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Stagnation : Der Schattenmann

  • -Aktualisiert am

Nur Zweitkleinster: In der Rückschau russisch/sowjetischer Herrscher schrumpft Leonid Breschnew. Ob Putin aber wirklich der Größte ist, muss sich aber erst erweisen. Bild: Getty

In der Endphase der Sowjetunion war sein Name das Symbol für Stillstand. Im Abstand von 30 Jahren erscheint er in milderem Licht.

          Leonid Breschnew war – nach Lenin, Stalin und Chruschtschow – zwischen 1964 und 1982 der vierte Führer des Sowjetstaates. Die Bilanz dieser knapp zwei Jahrzehnte blieb innen- wie außenpolitisch ambivalent. In seine Amtszeit fiel der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei (1968) und dessen nachträgliche Rechtfertigung durch den Leitsatz von der begrenzten Souveränität sozialistischer Staaten (Breschnew-Doktrin). Wesentlich auf Breschnew ging auch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zurück, sein größter außenpolitischer Erfolg; ihre 1975 in Helsinki unterzeichnete Schlussakte schrieb den territorialen Status quo in Europa fest. Die damit eingeleitete Entspannung dauerte allerdings nur wenige Jahre. Die Stationierung neuer sowjetischer Mittelstreckenraketen und der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan (1979), der Nato-Doppelbeschluss, das Scheitern der Abrüstungsgespräche (1982) und die Stationierung der neuen amerikanischen Pershings (ab 1983) leiteten eine neue Phase des Kalten Krieges ein.

          In der Innenpolitik distanzierte sich die neue Führung, als sie im Oktober 1964 Chruschtschow stürzte, von dessen Aktionismus, vor dem kein Amtsinhaber und keine Institution mehr sicher gewesen waren, auch die Partei nicht. „Vertrauen in die Kader“ hieß die neue Devise, sie suchte auch diejenigen zurückzugewinnen, denen Chruschtschows Absetzbewegungen von Stalin zu weit gingen. Breschnew gerierte sich als Primus inter Pares in einer „kollektiven Führung“, zumindest bis die eigene Macht gesichert war. Obwohl man sich in Helsinki auf die Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten verpflichtet hatte, war und blieb das Verhältnis zu „Andersdenkenden“ repressiv: Sie wurden schikaniert, zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, in psychiatrische Kliniken eingewiesen, in die Provinz verbannt oder abgeschoben und ausgebürgert. Diese Dissidenten störten die Pflege einer sowjetpatriotischen Erinnerungskultur, die die Revolution, die forcierte Industrialisierung und die Kollektivierung zu Vorbedingungen für das Überleben des Landes im Zweiten Weltkrieg und seinem Aufstieg zur Weltmacht erklärte. Zusammengenommen bestimmten sie den Festtagskalender.

          Für all dies stand auch Breschnew in Person, seit 1966 wieder mit dem Titel eines „Generalsekretärs“, seit 1976 auch „Marschall der Sowjetunion“ und seit 1977 nominelles Staatsoberhaupt. Mit seinen Maßanzügen, als Uhrensammler, begeisterter Hobbyjäger, als Liebhaber schneller Autos und verwegener Fahrer schien er mitunter für eine neue, weltoffene Sowjetunion zu stehen. In seiner Garage standen, wie man wusste, auch westliche Luxusmarken (Rolls-Royce, Cadillac, Lincoln Continental, Citroën-Maserati, Mercedes). Seine mediale Allgegenwart wurde seit Mitte der siebziger Jahre zunehmend zur Belastung, da sie nun vor allem den rapiden körperlichen und geistigen Verfall, als Folge von Krankheit und Tablettensucht, dokumentierte. Als höchster Repräsentant des Gemeinwesens wurde sein Siechtum zum Sinnbild für den Zustand des Staates, starr und aufgedunsen. Im Rückblick der zweiten Hälfte der achtziger Jahre sollte man von diesen Jahren als „Zeit der Stagnation“ sprechen.

          Die ganze „Bandbreite und Widersprüchlichkeit“ dieses Lebens zu erfassen und sein „noch stark vom Kalten Krieg geprägtes Bild“ aufzubrechen, es zu entdämonisieren und an den gutaussehenden, schlanken, smarten Breschnew vor seiner Krankheit zu erinnern ist das erklärte Ziel der neuen großen Biographie von Susanne Schattenberg. Die Autorin hat dazu umfangreiche Archivbestände in Moskau durchgesehen und auch jene Stätten aufgesucht, wo Breschnews Karriere begann: in der Ukraine, in Moldau und Kasachstan. Bewundernswert. Selbst wenn in Moskau noch erhebliche Bestände nicht freigegeben sind, ergeben die hier zusammengetragenen Materialien ein relativ dichtes Bild.

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