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SS-Division „Skanderbeg“ : Karabiner als Körperteil

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Bild: Abb. a.d. bespr. Band

Im Zweiten Weltkrieg, als der Zenit deutscher Herrschaft 1943/44 überschritten, die Fähigkeit zur Kriegführung aber noch längst nicht erschöpft war, wurde der Mythos Skanderbeg bei der Aufstellung der „21. Waffen-Gebirgs-Division der SS ,Skanderbeg‘“ im Kosovo 1944 abermals bemüht.

          Antonio Vivaldi hat ihm eine Oper gewidmet - und ein Denkmal in Tirana zeigt ihn hoch zu Ross, den Skanderbeg genannten albanischen Fürsten Georg Kastrioti, der im 15. Jahrhundert die Einverleibung ins Osmanische Reich für einige Zeit aufhalten konnte und bis heute als Nationalheld Albaniens gilt. Im Zweiten Weltkrieg, als der Zenit deutscher Herrschaft 1943/44 überschritten, die Fähigkeit zur Kriegführung aber noch längst nicht erschöpft war, wurde der Mythos Skanderbeg bei der Aufstellung der „21. Waffen-Gebirgs-Division der SS ,Skanderbeg‘“ im Kosovo 1944 abermals bemüht. Sie bestand zum großen Teil aus Muslimen - ein von der Forschung wiederholt behandeltes Phänomen (F.A.Z. vom 19. Januar 2016), das in den letzten Kriegsjahren wiederholt aufgetreten ist, um den Schwund eigener Kräfte ausgleichen zu können.

          Muslimische Einheiten sollten Sonderrechte erhalten, so bei der religiösen Vorschriften entsprechenden Verpflegung oder bei der Beachtung des Ramadans. SS-Chef Heinrich Himmler versprach sich davon eine größere Bereitschaft der zwei Drittel der albanischen Bevölkerung ausmachenden Muslime, sich „aus Hass gegen den gemeinsamen englisch-jüdisch-bolschewistischen Feind und aus Verehrung und Treue zu dem von allen Mohammedanern verehrten Führer Adolf Hitler“ in die deutsche Kriegsmaschinerie einzugliedern.

          Unabhängig davon hatten zivile Dienststellen und Militärs auf deutscher Seite eine Vorstellung von Albanien und seinen Menschen, die geradezu ideal zu dem passte, was der Krieg brauchte. Es handele sich um eines der „waffenfreudigsten Völker, die man sich denken kann“. Albaner, von Natur aus „kriegerisch und kämpferisch“, gehörten zu den „schießfreudigsten Menschen der Welt. Der Karabiner ist kein Instrument, sondern ein Körperteil der Skipetaren.“ Karl May ließ grüßen! Sein „Durch das Land der Skipetaren“ hatte zu einer Wahrnehmung „des“ Albaners geführt, die es in den Augen der Waffen-SS lohnend erscheinen ließen, ihn als „Bundesgenossen und Kampfkameraden“ zu gewinnen.

          Unter dem Eindruck des ausbleibenden Kriegsglücks wandelte sich das Stereotyp des geborenen Helden allerdings rasch ins völlige Gegenteil. Die Albaner erschienen jetzt als disziplinlos und arbeitsscheu. Im Oktober 1944 beklagte der Kommandeur der „Skanderbeg“, sie seien schießwütig, aber nicht kriegstauglich. Am liebsten säßen sie „hinter einer Deckung“, schössen „senkrecht in die Luft bei abgezogenem Abzug und ständigem Durchladen“ und verschwendeten die Munition, die „in deutschen Fabriken von Frauen und Mädchen hergestellt wird“.

          Das nach der Kapitulation Italiens formal wieder selbständige, faktisch aber nicht zuletzt wegen seiner Bodenschätze (Erdöl, Chromerze) aus kriegswirtschaftlichen Gründen unter deutscher Oberherrschaft stehende Albanien befürwortete die Praxis der deutschen Besatzungsmacht in der Hoffnung, damit den Traum eines „Großalbaniens“ unter Einschluss des Kosovos realisieren zu können.

          Soweit die Quellenlage es zulässt, zeichnet die Autorin Rekrutierung, Organisation und mangelhaft bleibende Ausrüstung der „Skanderbeg“ detailliert nach. Auch Albaner, die als Soldaten der jugoslawischen Armee mehrere Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft zugebracht hatten, wurden rekrutiert. Die Hauptaufgabe der Division bestand in der Sicherung des Kosovos im Partisanenkrieg, aber auch in der Aufspürung von Juden oder Kommunisten. Auch ein noch im Frühjahr 1944 in Priština eingerichtetes KZ diente diesem Zweck. Allgemein überfordert, schrumpfte die „Skanderbeg“ bald zu einer bloßen Kampftruppe, deren Angehörige nach Kriegsende oftmals einer Bestrafung nicht entgingen, wie das Kosovo insgesamt zum Armenhaus im Jugoslawien Titos verkam.

          All dies erscheint wissenswert. Aufmerksamkeit verdient die Autorin aber darüber hinaus, weil sie dem politischen und gesellschaftlichen Kontext nachgeht, in dem die „Skanderbeg“ agierte. Das Kosovo und seine Grenzgebiete waren ein von Gewalt durchzogener Raum, gewissermaßen ein Mikrokosmos des größeren europäischen Gewaltraums. Über ihr engeres Thema weit hinausgehend, stellt die Verfasserin Albanien als Objekt italienischer und deutscher Expansions- beziehungsweise Besatzungspolitik dar. Aber auch als lokale Akteure mit eigenem Machtanspruch kommen sowohl die albanische Regierung als auch die mächtigen, sich moderner Staatlichkeit entziehenden Clanführer ins Bild. Dargestellt werden die Konflikte zwischen den Ethnien, vorab diejenigen zwischen Albanern und Serben, daneben aber auch die Ausschreitungen, die beiderseitig zwischen Albanern, Montenegrinern und Bulgaren stattgefunden haben.

          Zwischen 1941 und 1944 wurden zirka 40 000 Serben, die im Kosovo siedelten, vertrieben oder umgebracht. Die Rekrutierung der „Skanderbeg“ ging mit der Aussicht auf ein freies „Großalbanien“ einher, was im Klartext hieß: frei von Serben. Nach 1945 wurden diese Gewaltexzesse zumeist totgeschwiegen. Umso ungestümer brach sich die Erinnerung daran nach dem Zerfall Jugoslawiens Bahn. War es vielleicht, so fragt Franziska Zaugg zum Schluss, kein Zufall, dass die Gewalt im Kosovo und seinen Grenzgebieten in den 1990er Jahren „an denselben Orten eskalierte, die bereits unter deutscher Besatzung Brennpunkte interethnischer Gewalt waren“?

          Franziska A. Zaugg: Albanische Muslime in der Waffen-SS. Von „Großalbanien“ zur Division „Skanderbeg“. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2016. 346 S., 39,90 €.

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