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Selbstmordepidemie 1945 : Ein manisch-depressives Volk

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Im Leipziger Rathaus: Kämmerer Kurt Lisso mit Frau und Tochter Bild: Abb. a.d. bespr. Buch

Viele, allzu viele haben den nationalsozialistischen Staat mitgetragen und so lange an ihm festgehalten, bis die „Schicksalswellen des Untergangs“ sie erreicht haben und die Ordnung der Gesellschaft, die Schutzzone der „Volksgemeinschaft“, zusammenbrach.

          Woher hatten diese Leute, fragt man sich heute, eigentlich alle diese Waffen, Pistolen, Gewehre und all dies Zyankali, all diese Stricke, um sich massenhaft umzubringen? Es gab offensichtlich von allem reichlich, die Gesellschaft hatte vorgesorgt. Als das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft nahte und der Krieg in sein allerletztes Stadium gelangte, war die Stunde der Abrechnung gekommen: mit den Mächtigen des Terrorregimes wie mit den Mitläufern und Durchhaltewilligen, mit Tätern, Opfern, Schuldigen und Unschuldigen - und mit sich selbst. In jenen, die vorgesorgt hatten, die nun ihre Pistolen und Gewehre, ihr Gift und ihre Stricke hervorholten oder in die Bäche, Flüsse und Seen stiegen, die ihre Familien, ihre Frauen, Kinder und schließlich sich selbst umbrachten - in ihnen muss die Erwartung auf diese Stunde der Abrechnung geschlummert, auf sie müssen sie gewartet haben. Denn als es so weit war, als von Osten her die russischen Truppen - und von Westen her die Alliierten, wenn auch mit weniger Bedrohungspotential - auf deutsches Territorium vordrangen, als Gerüchte und Berichte vom wahren Ausmaß der Schuld der Deutschen wie vom Furor der „Feinde“ grassierten, da überkam sie der Selbsttötungsrausch wie eine Epidemie, da zögerten sie scheinbar nicht, da brachten sie sich um. Hunderte, Tausende, wie viele?

          Florian Huber mischt in seiner Darstellung Einzelschicksale, lokale Ereignisse, Großereignisse zu einem schrecklichen Triumph des Todes geradezu Breughelschen Ausmaßes in einem vielleicht nicht todessüchtigen, aber dem Tod zunehmend gleichgültig gegenüberstehenden Volk und macht uns mit einem bislang in diesem Ausmaß weitgehend unbekannten und wohl auch verdrängten Kapitel deutscher Zeitgeschichte bekannt. Bilder der toten Goebbels-Familie hat man gesehen, vom Selbstmord Hitlers weiß man selbstverständlich, manche Selbstmorde hoch- und höchstrangiger Parteimitglieder und NS-Funktionäre wie etwa des Leipziger Stadtkämmerers Lisso sind dokumentiert. Deren Beweggründe kann man sich vorstellen, sie hatten Angst und wollten sich der Verantwortung entziehen. Aber so viele Hunderte und Tausende andere? Hat man von den schätzungsweise 600 bis über 1000 Toten der Gemeinde Demmin, und Demmin ist bloß ein Beispiel, gehört? Nein, jedenfalls fanden sie keinen Eingang in die Geschichtsbücher. Auch nicht, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen, in der Studie von Ian Buruma über das Jahr 1945.

          Wie fast alle Erscheinungen der nationalsozialistischen Jahre sind auch diese immer nur ansatzweise zu erklären - Einzelmotivationen, kriminelle Täterprofile und, in diesem Falle Selbstmordmotive ja, aber die Massenhaftigkeit des Mordens, Tötens, et cetera nein. Das bleibt noch immer ein Rätsel. Und so lesen wir auch hier eine fast tragisch zu nennende Geschichte von Schuld und Verstrickung, Verzweiflung, Betrug und Selbstbetrug der Deutschen. Huber tastet sich vorsichtig in einer Art Mentalitäts- und Gefühlssondierung in die gedanklichen und emotionalen Voraussetzungen der Deutschen zurück, die den Keim zu dieser Selbstmordepidemie gelegt haben. Er liest die Erinnerungen und Beobachtungen der französischen Journalistin Stéphane Roussel neu und erinnert an Hannah Arendts bekannten „Besuch in Deutschland“ - vor allem aber bedient er sich der überlieferten Schriften, Berichte, Broschüren, Tagebücher überwiegend unbekannter unauffälliger, also ,normaler‘ Deutscher - erstaunliche und bestürzende Dokumente, aus denen hervorgeht, dass der „Untergang der kleinen Leute“ tatsächlich schon vor der „Höllenmaschine“ von 1945 begonnen hat und in ein Verzweiflungsszenario ohne Beispiel gemündet ist.

          Hubert folgt den hier auffindbaren Spuren, die der kollektive Ehrverlust des als schmählich empfundenen Versailler Vertrages hinterlassen hat oder die die Euphorie des kurzen Wiederaufstiegs nach Wirtschaftskrise und gesellschaftlichem Stillstand und dem Aufschwung der „Bewegung“ hervorgerufen hat; er lässt uns anhand der Aufzeichnungen die Wucht der Glorifizierung Hitlers und dessen Nimbus als Messias und Heilsbringer zumindest sehen. Huber nennt die mentale Haltung „erregenden Schwindel“ und deckt die Doppelsinnigkeit, die Ambivalenz der Erlebniswelt auf.

          Viele, allzu viele haben eben doch den nationalsozialistischen Staat mitgetragen und so lange an ihm festgehalten, bis die „Schicksalswellen des Untergangs“ sie erreicht haben und die Ordnung der Gesellschaft, die Schutzzone der „Volksgemeinschaft“, zusammenbrach: „An ihre Stelle traten in der Erwartung der Menschen Chaos und Anarchie, Terror, Unterdrückung, Gewalt und Demütigung. Eine namenlose Furcht vor dem, was kommen würde. Zugleich rückte der Selbstmord in den Rang eines letzten Auswegs vor der vollkommenen Preisgabe.“ Schemenhaft hier und schärfer umrissen dort taucht in den Dokumenten und in der Deutung Huberts aus der Vergangenheit ein Volk mit einem geradezu manisch-depressiven Krankheitsbild auf. Es mündet, in Anlehnung an Alexander und Margarete Mitscherlichs berühmte Formel von der Unfähigkeit zu trauern, in der „Unfähigkeit zu fühlen“, einer seelischen Verwüstung. Aber am Ende haben die Überlebenden bekanntlich von nichts gewusst, Hitler nie geliebt, die Nationalsozialisten verachtet - Opfer sie alle. Die seelische Verwüstung hat weit um sich gegriffen. Huber hat die Selbstlüge aufgedeckt, die zur Katastrophe geführt hat: während des „Dritten Reichs“, am Ende des Krieges, in der Nachkriegszeit.

          Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945. Berlin Verlag, Berlin 2014. 303 S., 22,99 €.

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