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Schrittmacher im Antwortwind

10.08.2006 ·  Die Studiengruppe für Systemforschung und die Reformära Brandt

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Ist Krieg doch der Vater aller Dinge - auch der Großforschung und der Politikberatung, der "Systemforschung" und der "think tanks"? Jedenfalls liegen deren amerikanische Ursprünge im Zweiten Weltkrieg und im beginnenden Kalten Krieg. Das "Manhattan-Projekt" zum Bau der ersten Atombombe war Muster und Stimulans des Bestrebens, an Großprojekten orientierte, ganzheitlich ausgerichtete Teamarbeit zwischen Regierungsbehörden, Militär und Wissenschaft zu institutionalisieren. Neue Non-Profit-Organisationen - wie die Research and Development Corporation (RAND) in Kalifornien - wurden gegründet, um im Auftrag der amerikanischen Streitkräfte Lösungen für militärische Strategie- und Planungsprobleme im Kalten Krieg zu erarbeiten: interdisziplinäre Systemanalyse als Kriegführungswissenschaft (science of war).

In den sechziger Jahren ging man dazu über, Systemanalysen auf soziale Systeme auszuweiten: sie aus dem militärischen Kontext zu lösen (wie bei Präsident Johnsons sozialstaatlichem Programm der "Great Society"). Zur gleichen Zeit lieferten Talcott Parsons strukturell-funktionale Systemtheorie und die kybernetische Variante K.W. Deutschs das soziologische Rüstzeug für gesellschaftspolitische Systemanalysen und zugleich Ansätze für eine kritische Auseinandersetzung mit einer Sozialpolitik, die auf bloß technokratischer Expertise gründete. Die große Bedeutung der Systemforschung und Politikberatung in den Vereinigten Staaten stellt Andrea Brinckmann ausführlich dar, weil sie junge deutsche Wissenschaftler, die als Stipendiaten an amerikanischen Universitäten und Laboratorien in den fünfziger Jahren tätig waren, stark beeindruckte - in einer Zeit, in der in der Bundesrepublik Deutschland die Notwendigkeit von gesellschaftlichen und wissenschaftspolitischen Reformen und Planungen in Richtung auf rationale Entscheidungsfindung und Technikfolgenabschätzung, Partizipation und Demokratisierung ins öffentliche Bewußtsein rückte. In diesem historischen Kontext - "amerikanische Herausforderung" und "technisch-wissenschaftliche Machbarkeitsphantasien" - entstand 1958/59 jene interdisziplinäre Heidelberger Gruppierung um den Atomforscher Helmut Krauch, die sich zunächst "Forschungsgruppe für Entwicklungsfragen der Atomkernenergie" nannte und sich schließlich (1964) den "unverfänglichen" Namen "Studiengruppe für Systemforschung" gab.

Die Vereinigten Staaten waren das große Vorbild, dem man nacheiferte, auf das man verwies, um die Vereinbarung von freier Marktwirtschaft und Planung zu belegen und den "Rückstand" in Deutschland aufzuholen. Zugleich sahen die Heidelberger Wissenschaftler in Amerika jedoch auch die negative Seite "einer von Macht- und Militärinteressen dominierten Technologiepolitik". Die Vorstellungen der Studiengruppe oszillierten "zwischen der Begeisterung für die Methoden wissenschaftlicher Entscheidungsvorbereitung staatlicher Forschungsförderung und Politikberatungspraxis in den Vereinigten Staaten und der Absage an das Unmaß staatlicher Forschungsförderung aus militärischen und machtpolitischen Erwägungen". Richtungsentscheidend war der Input, den der junge Jürgen Habermas Anfang der sechziger Jahre einbrachte - sein "pragmatisches" Politikberatungsmodell des herrschaftsfreien Diskurses, das die Studiengruppe auf Planungsprozesse im politischen und sozialen Kontext übertragen wollte. Demgemäß unterschied die Studiengruppe im Hinblick auf Beratungsprozesse zwischen technokratischer und demokratischer Planung. Und obwohl sie letztere eindeutig favorisierte, wurden beide Arten der Politikberatung praktiziert - mit beachtlicher finanzieller Zuwendung des Forschungsministeriums schon in der Zeit der großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger.

Frau Brinckmann schildert ausführlich die Hauptphasen der projektbezogenen Arbeit, die in den Jahren 1967 bis 1971 (also den Regierungswechsel übergreifend) ihre Blütezeit hatte. Insgesamt betrachtet, lassen die Ergebnisse keine einheitliche Bewertung zu. Bei der "administrativen Zuarbeit" (Dokumentation, Forschungsstatistiken, Gutachten, Mitarbeit an den Bundesforschungsberichten) war die Studiengruppe einigermaßen erfolgreich. Aber bei den Vorschlägen für die Reorganisation und Umstrukturierung des politisch-administrativen "Systems" (also im ambitiösen Kernbereich der raison d'être der Studiengruppe) ist die Bilanz ziemlich ernüchternd. So wurde die Systemanalyse im (unpolitischen) Patentamt erfolgreich abgeschlossen und implementiert, aber das "Kanzleramtprojekt", das heißt die Analyse zur Modernisierung des Kanzleramtes, scheiterte. Gleichwohl erkennt die Autorin der Studiengruppe eine "Schrittmacherfunktion" zu, weil sie zur breiteren Diskussion planungsrelevanter Themen beigetragen und zeitweise Einfluß auf die Handlungskonzepte ihrer Auftraggeber genommen habe.

Als die Reformära mit Brandts Kanzlerschaft zu Ende ging, endete auch die Studiengruppe; der Teilbereich "Planung und Entscheidung" wurde 1975 in das Kernforschungszentrum Karlsruhe eingegliedert. Die Geschichte der Studiengruppe für Systemforschung illustriert die Kontextabhängigkeit wissenschaftlicher Politikberatung und ihr "Dilemma", nämlich "keine - nach traditionellem Wissenschaftsverständnis - gesicherten Antworten geben zu können". Diese zweifache Einsicht durfte auch für die Einschätzung der gegenwärtigen Politikberatung hilfreich sein.

WERNER LINK

Andrea Brinckmann: Wissenschaftliche Politikberatung in den 60er Jahren. Die Studiengruppe für Systemforschung, 1958 bis 1975. Verlag Edition sigma, Berlin 2006. 240 S., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2006, Nr. 184 / Seite 7
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