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Scholl-Latour: Die Welt aus den Fugen Im Winter, da schneit es ...

 ·  Peter Scholl-Latour erklärt die aus den Fugen geratene Welt. Er bezieht dabei auch die klare Gegenposition zu der in Deutschland weitverbreiteten idealistischen Betrachtungsweise.

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© F.A.Z.-Foto Jens Gyarmaty Vergrößern Peter Scholl-Latour und seine Frau Eva im Oktober 2012

Peter Scholl-Latour hat ein neues Buch geschrieben - über die heutige Welt, die „wirklich aus den Fugen geraten“ sei. Wie in seinen zahlreichen früheren Büchern über die globalen und regionalen Konflikte dieser Welt unternimmt der hochbetagte, unermüdliche Autor den Versuch, gedankliche Ordnung in die „Wirren der Gegenwart“ zu bringen - mit einem dezidiert ideologiekritischen Realismus, der ihm einst am Pariser „Sciences Po“, dem renommierten Zentrum der französischen Politikwissenschaft, gelehrt worden ist und der sein publizistisches Werk durchgängig auszeichnet. Durch die glückliche Verbindung mit dem Studium der Arabistik und dank der kontinuierlichen Beschäftigung mit der arabischen Welt ist Scholl-Latour wie kein anderer prädestiniert, insbesondere die Umwälzungen, die als Arabellion firmieren, kritisch journalistisch zu begleiten.

So hat denn auch das Werk eines arabischen Gelehrten des 14. Jahrhunderts die Überschrift des ersten Teils des Buches inspiriert. „El Muqaddima“ nannte Ibn Khaldun seine staatsphilosophischen und universalgeschichtlichen Ausarbeitungen, was mit Einleitung/Einführung oder Prolegomena übersetzt werden kann. Scholl-Latours „Muqaddima“, in der Ibn Khalduns Weisheiten mehrfach zitiert werden, ist Einleitung und zugleich ein langer Diskurs auf 137 Seiten. Kommentare, Dokumentationen und Interviews, die in den Jahren 2008 bis 2012 publiziert wurden, schließen sich an. Sie können gewissermaßen als ausführliche Anmerkungen zum Haupttext angesehen werden. Umgekehrt betrachtet, ist der Diskurs das Destillat der wieder abgedruckten Teilstücke. Sie sind in vier großen Abschnitten chronologisch angeordnet und thematisch nur locker gruppiert. Weil die „verschwommenen Konturen einer Multipolarität“ sich von Tag zu Tag verändern, haben sich - so der Autor - „unweigerlich“ sprunghafte thematische Abweichungen und Wiederholungen ergeben. Das beeinträchtigt ein wenig die Lesefreude.

Was Scholl-Latours politische Analysen so interessant und aufschlussreich macht, ist die klare Gegenposition zu der in Deutschland vorherrschenden idealistischen Betrachtungsweise und dem obwaltenden Menschenrechts- und Demokratiemissionarismus. Folgt man dem Autor, so geht es in der Außen- und internationalen Politik in Wirklichkeit um Macht und Sicherheit der Staaten, die eine interessengeleitete Politik auf der Basis ihrer jeweils sehr unterschiedlichen, oft konträren Wertesysteme, Kulturen und Religionen betreiben. So heißt es zum Beispiel, bezogen auf eine der aktuellen Konfliktsituationen: „Viele in Europa nehmen an, hinter dem Konflikt von Syrien steht der Ruf nach Freiheit und Menschenrechten. Das ist Unsinn. Bei diesem Konflikt geht es um die Frage, ob die Iraner eine Verbindung zum Mittelmeer bekommen - und zwar über Irak, Syrien und den Libanon. Dies bildet den Hintergrund der Aktionen gegen den syrischen Präsidenten.“ Dass diese machtpolitische Einschätzung und die ähnliche Beurteilung anderer Konfliktfälle die Empathie des Autors mit den Opfern diktatorischer Unterdrückung und Gewalt keineswegs ausschließen, wird immer wieder unmissverständlich deutlich gemacht. Was den Autor „anwidert“, sind die heuchlerischen Instrumentalisierungen der Menschenrechte und die „selektive Auswahl der Entrüstung“. Bezüglich der „Arabellion“ und deren Entwicklung und Folgewirkungen überwiegt die Skepsis. Scholl-Latour relativierte schon früh die Anfänge in Kairo und warnte vor der „Überschätzung dieser umstürzlerischen Zufallsgemeinschaft“. Inzwischen ist seiner Meinung nach der „Arabische Frühling“ längst vorbei, eingetaucht „in einen Nebel voll Blut“ im Übergang in einen „frostigen arabischen Winter“: „Eiszeit“.

In Anbetracht dieser negativen Perspektive, die sich auch und gerade auf die Entwicklung in Libyen bezieht, ist es erstaunlich, mit welcher Schärfe Scholl-Latour die deutsche Libyen-Politik verdammt. Die Stimmenthaltung im UN-Sicherheitsrat sei „die größte Torheit“ der Berliner Diplomatie gewesen; ein „Bruch mit Nato und EU“, ein „Dolchstoß“ gegen die europäischen Einheitsbestrebungen - ein „schändliches“ Verhalten, mit dem sich zudem Deutschland isoliert habe. So steht es im unverändert abgedruckten Text vom März 2011. Ob der Autor dieses vernichtende Urteil tatsächlich heute noch aufrechterhält, da er doch jetzt die Auswirkungen der Libyen-Intervention kritisiert? Auch manch andere Aspekte der Rundum-Kritik an der Politik von Angela Merkel wirken wenig überzeugend.

Eine Rezension kann nicht in Gänze aufscheinen lassen, was die Kapitel dieses Buches „wie ein Kaleidoskop“ darstellen. Es versteht sich von selbst, dass die geopolitischen Konkurrenzen zwischen den Vereinigten Staaten, China und Russland ebenso thematisiert werden wie die anderen weltpolitischen und regionalen Wirren. Beim Iran-Konflikt rechnet der Autor „nicht mehr mit einem massiven amerikanischen Eingreifen“. Nach dem Abzug der ISAF aus Afghanistan werde ein „rigoroser koranischer Gottesstaat“ entstehen und „das Gemetzel der Stämme neuen Auftrieb“ erhalten.

Kurzum: Anregungen zur Diskussion findet der Leser zur Genüge. Und selbstverständlich auch typische Süffisancen - wie zum Beispiel Spott über die internationale „Bussi-Bussi“-Begrüßungsmode der Spitzenpolitiker, die Titulierung der Kanzlerin als eine Zarin aus der Uckermark oder die Bemerkung, dass der neue ägyptische Staatschef Mursi dem Ministerpräsidenten Beck „ein wenig ähnelt“. Am Schluss steht eine Art persönliche Confessio mit der bezeichnenden Überschrift „Ich neige nicht zur Sentimentalität“. Das ist fürwahr eine schöne Selbstcharakterisierung des Grandseigneurs und Doyens der deutschen Auslandsreporter, der unverzagt über die Weltengewitter berichtet und sie erklärt.

Peter Scholl-Latour: Die Welt aus den Fugen. Betrachtungen zu den Wirren der Gegenwart. Propyläen Verlag, Berlin 2012. 400 S., 24,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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27.12.2012, 14:14 Uhr

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