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Veröffentlicht: 20.03.2017, 10:01 Uhr

Rust, Rabin, Barschel Suche nach der höheren Wahrheit

Der Rechtsanwalt Yitzak Goldfine und sein Koautor Peter Mathews plaudern über spektakuläre Fälle und fügen sich gut in die Zeit des Postfaktischen ein.

von Andreas Wang
© dpa Paragraphen-Symbole an den Türgriffen am Eingang zum Landgericht in Bonn

Als „crime in progress“ charakterisiert Peter Mathews – Koautor des Buches von Yitzak Goldfine oder genauer: der Verwandler von Akteninhalten in Erzählungen – die Vorgänge, die geschildert werden. Sie sind zum Teil bloß „Zwischenberichte“, betont Goldfine, „weitere Ermittlungen sind auf dem Weg“: ein „Trip“ durch zehn juristische Fälle von etwa 300 Verfahren insgesamt. Die „Goldfine Akten“ als solche bleiben uns verschlossen. Wir müssen uns mit einer hybriden, nicht immer überzeugenden Mischung aus Basisinformationen zu den Fällen und Krimi-Erzählungen begnügen.

Was also will das Buch? „Was man sich als Jurist nicht erlauben kann“, schreibt Goldfine im „Vorspiel“, „nämlich Dinge ausschmücken, darf ein Autor sehr wohl, manchmal muss er es tun. Dafür gibt es den schönen Begriff der ,dichterischen Freiheit‘.“ Sie ist der Kern des Buches. Unter Literaturfreunden gilt die Devise, dass eben diese Verwandlung von Tatsachen und harten Fakten in Literatur und Dichtung einen irgendwie höheren Wahrheitsgehalt erreichen könne als die bloße Abbildung oder Anhäufung von Tatsachen, weshalb Dichtung eine längere Daseinsdauer beschieden sei. Auf jeden Fall darf man in ihr schwadronieren und Zusammenhänge behaupten.

Yitzhak Goldfine, 1936 in Haifa als Sohn eines jüdischen Einwanderers aus Weißrussland geboren, ist Jurist und lässt sich gern international als Anwalt für hoffnungslose Fälle titulieren. Womöglich ist er das auch, jedenfalls sind die zusammen mit dem Publizisten, Ghostwriter und Krimischreiber Peter Mathews erzählten Fälle durchaus verwickelt, zum Teil haben sie die Seiten unserer Tageszeitungen wochen- oder gar monatelang gefüllt: der Fall des Kreml-Fliegers Mathias Rust, für den Goldfine zwar nichts tun konnte, dessen psychischen Zustand, in dem Rust eine junge Frau mit einem Messer bedroht hatte, er aber doch nach eigenen Recherchen in Russland mit Verweis auf irgendeine Art von Drogen mit Spätwirkung aufklären konnte; der Fall jener Fluchthelferin, die den Heidemörder versteckte und deren Verhalten der Hamburger Justiz kein Kopfzerbrechen, sondern bloß Fehldeutungen bereitete. Von besonderer Brisanz ist der Fall des Attentats auf Yitzhak Rabin, weil Goldfine sich im Grunde jene Verschwörungstheorien wenn nicht zu eigen macht, dann aber doch klammheimlich stützt, die der Regierung Netanjahu Eigeninteresse an der Verschleierung bestimmter Berichte unterstellen: „Der Tod von Yitzhak Rabin hat nicht nur den Friedensprozess im Nahen Osten ins Stocken gebracht, sondern in der Folge letztlich zur Regierung Netanjahu geführt. Fragt man“, so Goldfine mit Rückblick auf das bekannte Diktum cui bono Ciceros weiter, „wem der Tod Rabins genutzt hat, kann man die Antwort also ruhig im Raum stehen lassen.“

Andeutungen sagen oft mehr als ausschweifende Beweisführungen, so auch hinsichtlich des nicht übernommenen, sondern nur angedeuteten Falls Uwe Barschel. Goldfine versenkt sich in die Akten und lehnt das Mandat ab: „Ich befand mich unversehens in einem Minenfeld aus Bundesnachrichtendienst, der Staatssicherheit der DDR, des israelischen Mossad und des südafrikanischen Geheimdienstes BOSS.“ Schade, denn hätte er den Fall übernommen, wüssten wir vielleicht etwas mehr über die Wahrheit hinter dem Mysterium.

Goldfine orientiert seine Erzählungen an der alten Methode „Schot“ des jüdischen Rechts, in der Antworten zu Rechtsfragen „seit dem 13. Jahrhundert gesammelt und als Beispiele herangezogen werden“. Zusammengehalten werden sie in diesem Buch durch das übergeordnete Narrativ, nach dem Nazizeit und Verfolgung der Juden immer noch Teil jener Wahrheit sind, die hinter dem Leben und den Taten der Gegenwart liegen. Dafür hat Goldfine einen wachen Blick, der ihn immer wieder auf die Spur verschütteter oder versteckter Zusammenhänge führt. Die fiktive Wahrheit hinter der faktischen Wahrheit, anders angedrückt: die Erzählung der Fallhöhe zwischen Rechtswirklichkeit und Rechtswahrheit, passt aber gut in unsere Zeit, die das Postfaktische erfunden hat, durch die wir uns in unterhaltsame Spannung versetzen lassen.

Yitzhak Goldfine/ Peter Mathews: Die Wahrheit hinter der Wahrheit. Die Goldfine Akten.Europa Verlag, München 2016. 232 S., 19,90 €.

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Von Peter Sturm

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Quelle: wahlrecht.de
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