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Rudolf A. Mark: Krieg an fernen Fronten : Otto und Oskar am Hindukusch

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Werner Otto von Hentig (links) und Oskar von Niedermayer (rechts) Bild: Abb. a. d. bespr. Band

Deutschlands Orient-Politik im Ersten Weltkrieg war zu keinem Zeitpunkt Resultat einer soliden Planung, sondern „eher Ergebnis einer Politik, deren Absichten die verfügbaren Ressourcen nicht entsprachen“.

          Peter Strucks markiges Wort, Deutschland werde am Hindukusch verteidigt, beflügelte wohl den Forscherdrang deutscher Historiker. Parallel zum Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan erscheinen Untersuchungen zur gescheiterten deutschen Orient-Politik und zur Rolle des Hindukusch im Ersten Weltkrieg. Nach der Studie von Stefan M. Kreutzer über den „Dschihad für den deutschen Kaiser. Max von Oppenheim und die Neuordnung des Orients“ (F.AZ. vom 10. Dezember 2012) analysiert nun Rudolf A. Mark den „Krieg an fernen Fronten. Die Deutschen in Zentralasien und am Hindukusch 1914-1924“.

          Neben den hinlänglich bekannten deutschen Quellen und Memoiren konnte Mark Unterlagen aus dem Zentralen Staatsarchiv Usbekistans und aus dem Militärgeschichtlichen Staatsarchiv in Moskau auswerten. Deutschlands Orient-Politik, so Mark, war zu keinem Zeitpunkt Resultat einer soliden Planung, sondern „eher Ergebnis einer Politik, deren Absichten die verfügbaren Ressourcen nicht entsprachen“. Ausführlich skizziert er den Aufbau der Nachrichtenstelle für den Orient beim Auswärtigen Amt, die einerseits Informationen aus dem Nahen, Mittleren und Fernen Osten sammeln, andererseits mit einer in mehreren Sprachen aufgelegten Propagandazeitschrift „Dschihad“ eine vereinte islamische Front aufbauen sollte „gegen die historischen Unterdrücker der Völker des Ostens, das heißt vor allem England und Russland“.

          Deutsche Pläne, mit der Türkei eine Achse Konstantinopel-Bagdad-Teheran-Kabul zu schmieden, um dort russische und englische Truppen zu binden, scheiterten Mitte 1916, weil in Persien bereits englische und russische Truppen standen und auch das Bündnis mit der Pforte keine wirklich abgestimmte Kooperation erlaubte; eine eigenständige deutsche Politik östlich der Türkei lag nicht im Interesse Konstantinopels. Legationssekretär Werner Otto von Hentig und der Artillerieoffizier Oskar von Niedermayer konnten in Kabul zwar 1916 noch einen Freundschaftsvertrag mit Afghanistan schließen, der aber zunächst wirkungslos blieb und Emir Habibullah nicht daran hinderte, für geschicktes Lavieren zwischen den Kriegsparteien auch finanzielle Zuwendungen Englands zu empfangen.

          Detailreich schildert Mark die Lage der Deutschen in Turkestan, einem Gebiet, das heute die Republiken Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan umfasst. Wirtschaftlich bedeutsam war es vor allem als Exporteur von Baumwolle. Wenige tausend Deutsche siedelten vor dem Ersten Weltkrieg in den entlegenen Gebieten, mennonitische Kolonisten auf dem Lande, Handwerker und Geschäftsleute in den Städten. Mit dem Beginn des Krieges nahm die Zahl der Deutschen rasch zu. Neben Zwangsevakuierten aus den westlichen Gebieten Russlands wurden fast hunderttausend deutsche und österreichische Kriegsgefangene nach Zentralasien verbracht. Bis in den deutschen Generalstab hinein kursierten nun Überlegungen zu einem ausholenden strategischen Befreiungsschlag; von Persien und Afghanistan aus sollten Sabotageaktionen bis nach Turkestan, dort unterstützt von deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen, erfolgen und die russische Verwaltung destabilisieren. In Turkestan umlaufende Gerüchte und Hoffnungen, Deutschland werde den Krieg gewinnen und helfen, das ungeliebte Joch Russlands abzuwerfen, mochten diese militärischen Gedankenspiele fördern.

          Die Diplomaten des Auswärtigen Amts urteilten mangels präziserer Informationen vor Ort vorsichtiger. Mit der Revolutionierung Russlands 1917 änderte sich auch die Lage der deutschen Kriegsgefangenen. Ihre Behandlung in Turkestan war nicht einheitlich gewesen. Offiziere hatten meist Spielraum, inner- und außerhalb des Lagers Fortbildung, Vorlesungen oder Orchester zu organisieren und auch einem freien und ungenierten Liebesleben nachzugehen; die Quartiere der Mannschaften wurden schärfer bewacht, Unterkunft, Verpflegung und medizinische Betreuung waren oft mangelhaft. In den Bürgerkriegswirren 1917 suchten Weiße und Rote Armeen die Kampfkraft der Kriegsgefangenen zu nutzen. Etwa 5000 deutsche Kriegsgefangene dienten in der Roten Armee; sie trugen in Taschkent und bei der Eroberung des Emirats Buchara wesentlich zum Sieg der Bolschewiki bei.

          „Die erhoffte Nutzung der Rohstoffe Turkestans hat das Denken und Planen der deutschen Seite seit Abschluss des Brest-Litowsker Friedens mitbestimmt. Neben Politikern, Militärs und Diplomaten ergingen sich auch Publizisten und Wissenschaftler in Phantasien über den Profit, den das Reich aus seiner offensichtlich günstigen Stellung in Zentralasien gewinnen würde. Außerdem erkannten sie darin die Möglichkeit, der Einkreisung durch die Entente-Staaten zu entkommen“, resümiert Mark und zeigt dann, dass sich die deutsch-sowjetischen Beziehungen in ganz anderen Dimensionen und über Moskau entwickelten. Im Auswärtigen Amt war man sich denn auch 1924 einig, dass aus wirtschaftlichen Gründen in Taschkent kein deutsches Konsulat erforderlich war. In seiner Darstellung der deutschen Politik fußt Mark auf solidem Boden; aus den usbekischen Quellen schöpft er ein Bild, das detail- und farbenreich, anregend, mitunter auch verwirrend und widersprüchlich die Rolle der Deutschen in Zentralasien nachzeichnet.

          Rudolf A. Mark: Krieg an fernen Fronten. Die Deutschen in Zentralasien und am Hindukusch 1914-1924. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013. 285 S., 34,90 €.

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