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Rolf Johannesson : Der Musteradmiral

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Manöverkritik nach dem Flottenmanöver „Wallenstein“ 1959. Am Pult Konteradmiral Rolf Johannesson Bild: Abb.a.d.bespr. Band

Dem Chef des Marine-Personalamtes teilte Kapitän Rolf Johannesson am 11. August 1944 in einem Handschreiben mit, dass die „Kanonen“ bald das letzte Wort darüber hätten, ob Hitler „ein Segen“ oder „ein Fluch für Deutschland und ein Heil für Engländer, Amerikaner und Russen“ sein werde.

          Rolf Johannesson gehörte der Kaiserlichen Marine, der Reichsmarine, der Kriegsmarine und der Bundesmarine an. Der 1900 geborene Seeoffizier verfasste kurz vor seinem Tod 1989 höchst aufschlussreiche Memoiren, die Heinrich Walle neu herausgegeben hat. Walle würdigt den ersten Flottenchef der Bundesmarine als „Vorbild deutscher Marinetradition“, weil ihn „eine vom Christentum geprägte sittliche Grundhaltung“ leitete. Im Juli 1918 wurde er Seekadett, erlebte die Revolution in Kiel, war in den zwanziger Jahren Adjutant des Vizeadmirals Raeder, später Kommandant auf Kreuzern, lernte von 1934 bis 1937 die Abwehrabteilung des Reichswehrministeriums kennen. Rückblickend wunderte es ihn, dass weder Helmuth Groscurth noch Hans Oster „als überzeugte und tätige Offiziere des militärischen Widerstands an mich herangetreten sind“ - damals war es eben noch zu früh für eine Verschwörung!

          Während des Zweiten Weltkrieges freute sich im Dezember 1942 die Besatzung seines Zerstörers „Hermes“ über die Verleihung des Ritterkreuzes an ihn. Am liebsten wäre er anschließend Hilters Marineadjutant geworden, was der Leiter des Marinepersonalamtes, Vizeadmiral Martin Baltzer, ablehnte. Mittlerweile stand der fanatische Karl Dönitz als Nachfolger des einfältigen Erich Raeder an der Spitze der Kriegsmarine. Johannesson übernahm die 4. Zerstörerflottille. Auf diesem Kommando erhielt er am 21. Juli 1944 einen Funkspruch, in dem Dönitz von „gedungenen Helfershelfern“ der „verbrecherischen Feinde“ Deutschlands sprach - was Johannesson als „unnötige Beleidigung der Männer des 20. Juli“ empfand. Dem Chef des Marine-Personalamtes teilte er am 11. August in einem Handschreiben mit, dass die „Kanonen“ bald das letzte Wort darüber hätten, ob Hitler „ein Segen“ oder „ein Fluch für Deutschland und ein Heil für Engländer, Amerikaner und Russen“ sein werde. Baltzer wies solche Überlegungen als „absolut abwegig“ zurück, verzichtete jedoch aus Kameradschaft darauf, ihn bei Dönitz anzuschwärzen (was ein Todesurteil wegen Wehrkraftzersetzung zur Folge gehabt hätte).

          Kurz darauf hatte Johannesson ein Wortgefecht mit Dönitz, das er listig für sich entschied. Schließlich wurde er am 30. Januar 1945 Konteradmiral. Nach Kriegsende war er im Kirchlichen Außenamt der EKD tätig. Als Flottenchef hielt er 1957 in Cuxhaven seine „Perikles-Rede“: mit dem Bekenntnis zur Demokratie, der Kritik an den Großadmiralen Raeder und Dönitz sowie einer verwegenen Ankündigung: „Was mich angeht, so wird kein Offizier, der opportunistischen Neigungen huldigt, befördert werden.“ Am Schluss der Erinnerungen hegte Johannesson Zweifel, ob seine „Bemühungen, den Männern des 20. Juli Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihnen einen Platz im Traditions-Denken“ der Marine einzuräumen, Erfolg hatten.

          Rolf Johannesson: Offizier in kritischer Zeit. Herausgegeben von Heinrich Walle. Verlag E. S. Mittler & Sohn, Hamburg 2016. 160 S., 14,95 €.

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