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Rolf Hosfeld (Herausgeber): Johannes Lepsius : Vollkommene Ausrottung als Ziel

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Johannes Lepsius verfasste seinen „Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei“ im Winter 1915/16 in Potsdam. Bild: Gerhard Hess Verlag

Im Jahr 1916 veröffentlichte Johannes Lepsius den bedeutsamen „Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei“. Die darin beschriebenen Greuel und die klare Schuldzuweisung auch an die deutsche Regierung brachten ihm heftige Kritik ein, er wurde ins holländische Exil vertrieben.

          Dem Völkermord an den Armeniern fielen im Jahr 1915 vermutlich mehr als eine Million Menschen zum Opfer. Beginnend mit den städtischen Intellektuellen und sehr rasch auf die armenische Landbevölkerung im Osten der Türkei ausgreifend, vollzog sich der Massenmord in spontanen Massakern und organisierten Hungermärschen seit Ende April 1915. Die Motive für das türkische Vorgehen müssen im übersteigerten Nationalismus gesehen werden, der sich einen türkischen Kernbereich des osmanischen Vielvölkerstaats in relativer ethnischer Homogenität zu gestalten suchte.

          Den territorialen Vorstellungen einer neuen Türkei standen die armenischen Autonomiewünsche entgegen. Doch einen gesamtarmenischen Aufstand hat es - trotz gegenteiliger Erwartungen - nie gegeben, ebenso wenig eine allgemeine Parteinahme für die Kriegsgegner der Türkei. Räumlich isoliert, durch Kultur und Religion als Minderheit gekennzeichnet, dem ökonomischen Neid der Mehrheit ausgesetzt und vor allem wegen des Krieges nicht durch äußere Abschreckung geschützt, stellte der armenische Bevölkerungsteil ein leichtes Ziel dar.

          In Berlin entschied man sich, dem Argument von der Existenzbedrohung des Osmanischen Reichs Glauben zu schenken. Die schlimmsten Greuel wurden zwar abgelehnt, aber ein Bruch mit den Türken sollte unbedingt vermieden werden. Ein wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Türkei durchaus möglicher Druck unterblieb aus Rücksicht auf die deutschen Kriegsinteressen. Also nicht etwa, weil man sich davon keine Wirkung versprochen hätte, sondern ausschließlich aus bündnispolitischen und militärischen Motiven - das war und ist kein Ruhmesblatt deutscher Außenpolitik. Zwar gab es unabhängig von der offiziellen Politik ihrer Metropolen und von dort nicht behindert zahlreiche Hilfsaktionen vor Ort. Doch ohne wirklichen Einfluss auf die Führung in Konstantinopel war durch Einzelaktionen der massenhafte Tod der Armenier nicht zu verhindern.

          Ohne Zweifel ist Johannes Lepsius einer der wichtigsten Künder des armenischen Leids gewesen. Der Dichter Franz Werfel nannte ihn den „Schutzengel der Armenier“. Wer war diese „deutsche Ausnahme“? Eine Antwort versucht jetzt ein Sammelband zu geben, der auf den Vorträgen einer internationalen Konferenz im Potsdamer Lepsiushaus beruht. Vielleicht war dem 1858 geborenen jüngsten Sohn des berühmten Ägyptologen Karl Richard Lepsius der Orient in die Wiege gelegt. Erstmals 1884 kam Johannes Lepsius als Hilfsgeistlicher und Lehrer nach Jerusalem. Dort lernte er im Syrischen Waisenhaus, das seit 1860 die überlebenden Kinder von Christenverfolgungen aufnahm, die Probleme der Region kennen.

          Als ihn 1895 erste Nachrichten von Ausschreitungen gegen Armenier erreichten, reiste Lepsius in die Türkei, um sich selbst ein Bild zu verschaffen. Anschließend klagte er in einem Reisebericht die Untätigkeit Europas an, legte sein Pfarramt nieder und gründete die „Deutsche Orient-Mission“, deren Zweck die christliche Missionierung der Muslime sein sollte. Vor dem Weltkrieg beteiligte sich Lepsius an den diplomatischen Bemühungen um einen Schutz der armenischen Minderheit in der Türkei. Als dann 1915 das große Morden begann, reiste er zu Enver Pascha, dem starken Mann am Bosporus. „Es ist unsagbar“, schrieb er seiner Frau aus Konstantinopel, „was geschehen ist, und noch geschieht. Die vollkommene Ausrottung ist das Ziel.“

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