http://www.faz.net/-gpf-7o5m5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 07.04.2014, 16:36 Uhr

Rolf Hosfeld (Herausgeber): Johannes Lepsius Vollkommene Ausrottung als Ziel

Im Jahr 1916 veröffentlichte Johannes Lepsius den bedeutsamen „Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei“. Die darin beschriebenen Greuel und die klare Schuldzuweisung auch an die deutsche Regierung brachten ihm heftige Kritik ein, er wurde ins holländische Exil vertrieben.

von Martin Kröger
© Gerhard Hess Verlag Johannes Lepsius verfasste seinen „Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei“ im Winter 1915/16 in Potsdam.

Dem Völkermord an den Armeniern fielen im Jahr 1915 vermutlich mehr als eine Million Menschen zum Opfer. Beginnend mit den städtischen Intellektuellen und sehr rasch auf die armenische Landbevölkerung im Osten der Türkei ausgreifend, vollzog sich der Massenmord in spontanen Massakern und organisierten Hungermärschen seit Ende April 1915. Die Motive für das türkische Vorgehen müssen im übersteigerten Nationalismus gesehen werden, der sich einen türkischen Kernbereich des osmanischen Vielvölkerstaats in relativer ethnischer Homogenität zu gestalten suchte.

Den territorialen Vorstellungen einer neuen Türkei standen die armenischen Autonomiewünsche entgegen. Doch einen gesamtarmenischen Aufstand hat es - trotz gegenteiliger Erwartungen - nie gegeben, ebenso wenig eine allgemeine Parteinahme für die Kriegsgegner der Türkei. Räumlich isoliert, durch Kultur und Religion als Minderheit gekennzeichnet, dem ökonomischen Neid der Mehrheit ausgesetzt und vor allem wegen des Krieges nicht durch äußere Abschreckung geschützt, stellte der armenische Bevölkerungsteil ein leichtes Ziel dar.

In Berlin entschied man sich, dem Argument von der Existenzbedrohung des Osmanischen Reichs Glauben zu schenken. Die schlimmsten Greuel wurden zwar abgelehnt, aber ein Bruch mit den Türken sollte unbedingt vermieden werden. Ein wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Türkei durchaus möglicher Druck unterblieb aus Rücksicht auf die deutschen Kriegsinteressen. Also nicht etwa, weil man sich davon keine Wirkung versprochen hätte, sondern ausschließlich aus bündnispolitischen und militärischen Motiven - das war und ist kein Ruhmesblatt deutscher Außenpolitik. Zwar gab es unabhängig von der offiziellen Politik ihrer Metropolen und von dort nicht behindert zahlreiche Hilfsaktionen vor Ort. Doch ohne wirklichen Einfluss auf die Führung in Konstantinopel war durch Einzelaktionen der massenhafte Tod der Armenier nicht zu verhindern.

Ohne Zweifel ist Johannes Lepsius einer der wichtigsten Künder des armenischen Leids gewesen. Der Dichter Franz Werfel nannte ihn den „Schutzengel der Armenier“. Wer war diese „deutsche Ausnahme“? Eine Antwort versucht jetzt ein Sammelband zu geben, der auf den Vorträgen einer internationalen Konferenz im Potsdamer Lepsiushaus beruht. Vielleicht war dem 1858 geborenen jüngsten Sohn des berühmten Ägyptologen Karl Richard Lepsius der Orient in die Wiege gelegt. Erstmals 1884 kam Johannes Lepsius als Hilfsgeistlicher und Lehrer nach Jerusalem. Dort lernte er im Syrischen Waisenhaus, das seit 1860 die überlebenden Kinder von Christenverfolgungen aufnahm, die Probleme der Region kennen.

Als ihn 1895 erste Nachrichten von Ausschreitungen gegen Armenier erreichten, reiste Lepsius in die Türkei, um sich selbst ein Bild zu verschaffen. Anschließend klagte er in einem Reisebericht die Untätigkeit Europas an, legte sein Pfarramt nieder und gründete die „Deutsche Orient-Mission“, deren Zweck die christliche Missionierung der Muslime sein sollte. Vor dem Weltkrieg beteiligte sich Lepsius an den diplomatischen Bemühungen um einen Schutz der armenischen Minderheit in der Türkei. Als dann 1915 das große Morden begann, reiste er zu Enver Pascha, dem starken Mann am Bosporus. „Es ist unsagbar“, schrieb er seiner Frau aus Konstantinopel, „was geschehen ist, und noch geschieht. Die vollkommene Ausrottung ist das Ziel.“

1916 veröffentlichte er seine bedeutsamste Schrift, den „Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei“. Die darin beschriebenen Greuel und die klare Schuldzuweisung auch an die deutsche Regierung brachten ihm heftige Kritik ein, er wurde zensiert und ins holländische Exil vertrieben. Nach dem Weltkrieg publizierte er mit Unterstützung des Auswärtigen Amts eine umfangreiche Sammlung diplomatischer Schriftstücke zum Mord an den Armeniern: „Deutschland und Armenien“ ist auch heute noch eine Grundlage der Forschung zum Thema. Später war Lepsius einer der Herausgeber der großen Aktenedition des Auswärtigen Amts zur langen Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs seit 1871.

Bislang fehlt eine große Biographie dieses außergewöhnlichen Menschenrechtsaktivisten, Theologen, Publizisten und politischen Mannes. Der jetzt erschienene Band kann eine solche nicht ersetzen, will das auch gar nicht. Doch es gelingt den elf Autoren eine Annäherung an Lepsius von verschiedenen Seiten, was ein facettenreiches Bild des Menschen und seines Umfelds entstehen lässt. Der wissenschaftliche Leiter des Lepsiushauses, Rolf Hosfeld, führt mit einem kurzen Lebensbild ins Thema ein, und M. Rainer Lepsius stellt den politisch wirkenden Theologen vor. Dieser sei „für eine Politik des Rechts, der Menschenrechte und des Rechts zwischen den Völkern“ eingetreten.

Damit war Lepsius seiner Zeit weit voraus und ist es in gewissem Sinne unserer Zeit immer noch. Wie sehr sich seine Haltung aus einer christlichen Ethik speiste und in welchem auch unseligen protestantischen Umfeld er sie vertrat, zeigen einige Beiträge. Und Ulrich Sieg untersucht die humanitären Positionen von pazifistischen Intellektuellen (Rudolf Eucken, Martin Rade) im Kaiserreich. An „Helden in Zeiten eines Völkermordes“ neben Lepsius erinnert Margaret Lavinia Anderson: Außer Armin T. Wegner, Ernst Jäckh und Henry Morgenthau hätte man auch an Max von Scheubner-Richter denken können. Mehrere Autoren erforschen die konkrete Hilfe in Ostanatolien durch Lepsius’ Armenisches Hilfswerk, seine nationalen und internationalen Kontakte sowie die Verbindung zu armenischen Kreisen. Dabei zeigt sich, dass Lepsius die humanitäre Mission mit einem christlichen Auftrag zur Missionierung verband. Es ist aber nicht der missionarische Ansatz, sondern der menschenrechtliche, der Johannes Lepsius bis heute bekannt hält und der sein Vermächtnis an uns ist. Den Autoren des Bandes ist es gelungen, dieses Vermächtnis wachzuhalten.

Rolf Hosfeld (Herausgeber): Johannes Lepsius - eine deutsche Ausnahme. Der Völkermord an den Armeniern, Humanitarismus und Menschenrecht. Wallstein Verlag, Göttingen 2013. 281 S., 29,90 €.

Illusion Inklusion

Von Heike Schmoll

Wieder sind die Schulen zum Schauplatz einer Ideologie geworden. Das Opfer: die Förderschulen. Dabei konnten sich Kinder mit Lernbehinderungen dort oft besser entfalten. Mehr 27 250

Quelle: wahlrecht.de
Alle Umfragen

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden
Zur Homepage